...schon viele Krisen überstanden!

Offener Brief der Bürgermeisterin

Elisabeth Herzog-von der Heide, Bürgermeisterin der Stadt Luckenwalde. Foto: Stadt Luckenwalde

Luckenwalde. Liebe Luckenwalderinnen, liebe Luckenwalder,

unsere Stadt hat in ihrer über 800-jährigen Geschichte schon viele Krisen überstanden. Unsere Vorfahren mussten sich fürchten vor Überfällen, vor der Pest, der spanischen Grippe, vor Hungersnöten, vor Krieg und Vertreibung, vor Verfolgung, Vernichtung und Willkür.

Diese Zeiten gehören der Vergangenheit an, denn wir sind es seit Jahrzehnten gewohnt, in Sicherheit zu leben. Natürlich haben wir uns immer mal wieder Sorgen gemacht und uns über einiges aufgeregt. Manches Mal ist dabei aber auch ein Problemchen verbal zur Krise hochstilisiert worden.

Doch auch diese Zeiten sind vorbei. Denn mit der Ausbreitung des unsichtbaren Corona-Virus sind wir mitten in einer echten Krise, die unser Leben bedroht.

Anders als in den Pandemien vergangener Jahrhunderte weiß heute jeder dank aktueller, für jeden zugänglicher Informationen, wie sich das Virus verbreitet. Das neue Coronavirus wird beim Sprechen, Singen oder Niesen, aber auch durch Berührungen weitergegeben.

Anerkannte Experten haben uns klar gemacht, wie wichtig es ist, der Wissenschaft die notwendige Zeit zur Forschung an einem wirkungsvollen Medikament zu geben, ohne dass in der Zwischenzeit unser Gesundheitssystem aufgrund vieler Infektionen kollabiert.

Wir wissen, was zu tun bzw. zu unterlassen ist, um die Ausbreitung des Virus zu bremsen und die Infektionskette zu unterbrechen. Das Gebot der Stunde heißt:
Wer sich selbst und seinen Nächsten liebt, der bleibt ihm fern – auch wenn das schwer fällt.

Weil der Appell an die Vernunft und freiwillige Selbstdisziplinierung allein nicht ausreicht und die Lage von Tag zu Tag gefährlicher wird, sind drastische Maßnahmen eingeleitet worden, um soziale Kontakte und – damit verbunden – Übertragungswege zu kappen:
Kinder und Jugendliche dürfen nicht mehr in die Kitas und Schulen. Spielplätze sind gesperrt. Reisen findet nicht mehr statt. Erst wurden Kultur- und Sporteinrichtungen geschlossen und dann die Mehrzahl der Luckenwalder Geschäfte. Unternehmen und Selbstständige bangen um ihre Existenz. In etlichen Betrieben wird Kurzarbeit angeordnet, die Einkommenseinbußen nach sich ziehen.

Heute (23.03.2020) hat die Landesregierung noch weitere verschärfende Regelung hinzugefügt:
 
„Das Betreten öffentlicher Orte wird bis zum 5. April 2020 (24.00 Uhr) untersagt. Öffentliche Orte sind insbesondere öffentliche Wege, Straßen, Plätze, Verkehrsein-richtungen, Grünanlagen und Parks. Um notwendige Wege zurücklegen zu können oder zum Beispiel Sport treiben zu können, gibt es Ausnahmen:

•    zur Wahrnehmung beruflicher Tätigkeiten und zum Aufsuchen des Arbeitsplatzes,
•    zur Inanspruchnahme medizinischer und veterinärmedizinischer Versor-     gungsleistungen (z. B. Arztbesuche); dazu gehören auch Psycho- und Physiotherapeuten, soweit dies medizinisch dringend erforderlich ist,
•    zur Abgabe von Blutspenden,
•    zum Besuch bei Lebenspartnern, Alten, Kranken oder Menschen mit Ein-schränkungen (außerhalb von Einrichtungen) sowie zur Wahrnehmung des Sorgerechts im jeweiligen privaten Bereich und zur Begleitung von unter-stützungsbedürftigen Personen und Minderjährigen,
•    zur Begleitung Sterbender sowie zur Teilnahme an Beisetzungen im engsten Familienkreis,
•    für Sport und Bewegung an der frischen Luft sowie zur Versorgung von Tieren,
•    zur Wahrnehmung dringend und nachweislich erforderlicher Termine bei Behörden, Gerichten, Gerichtsvollziehern, Rechtsanwälten und Notaren.

Diese Erlaubnisse stehen unter dem Vorbehalt, dass der Aufenthalt nur allein, in Begleitung der im jeweiligen Haushalt lebenden Personen oder einer nicht im jeweiligen Haushalt lebenden Person erfolgt. Dabei ist ein Abstand von 1,5 Metern einzuhalten.
Der Einkauf für den täglichen Bedarf bleibt selbstverständlich gewährleistet.“

Trotz aller Härtefälle bitte ich Sie eindringlich: Halten Sie sich an die Gebote und Verbote. Ersetzen Sie Expertenwissen nicht durch eigene laienhafte Annahmen. Rufen Sie sich die Worte der Bundeskanzlerin in Erinnerung: „Die Lage ist ernst. Nehmen Sie sie auch ernst.“

Halten Sie sich als junger Mensch nicht für unverwundbar und leiten Sie für sich nicht fälschlicherweise daraus ab, dass Sie sich ohne Gefahr mit Freunden und Bekannten treffen, vielleicht sogar feiern könnten. Es kann zwar sein, dass Ihnen das Virus wenig antut, doch Sie sind der ideale Überträger und Verbreiter. Denken Sie auch daran, dass Ihre Ansteckungsopfer nicht nur „Mitglieder einer Risikogruppe“ wären, sondern vor allem Oma oder Opa, Mutter oder Vater, Bruder, Schwester, Partner und Freund. Für sie als Mitmenschen müssen wir jetzt alles daran setzen, die Risiken einer Ansteckung zu minimieren.

Die kommenden Wochen werden unsere Stadtgesellschaft und jeden Einzelnen fordern und sie werden Verzicht bedeuten. Auch die Ungewissheit, wie lange der Ausnahmezustand andauert und was uns noch abverlangt wird, zerrt an unseren Nerven. Aber werfen Sie auch in die Waagschale, dass die Versorgung nicht gefährdet ist. Das stetige Auffüllen der Verkaufsregale hat schon jetzt belegt, dass Hamsterkäufe nicht nötig sind.

Ich bitte Sie um Solidarität und Kreativität, wenn es darum geht, sich auf kontaktarmem Weg um andere zu kümmern, die Unterstützung brauchen. Ich bitte Sie um Respekt und Wertschätzung für die Menschen, die sich vielen Kontakten aussetzen müssen, um durch ihre Arbeit dafür zu sorgen, dass für uns der „Laden läuft“ und Gesundheitsversorgung, Daseinsvorsorge und Sicherheit funktionieren. Verschwenden Sie Ihre Zeit nicht mit den Kommentaren der wichtigtuerischen selbst ernannten „Experten“, der ewigen Besserwisser und Nörgler. Sorgen Sie zuhause mit „Pfeifen im (Lucken)Walde“ selbst dafür, dass unsere Ängste im Zaum gehalten werden und in uns Platz lassen für Mitmenschlichkeit, Humor und Zuversicht.

Ihre Elisabeth Herzog-von der Heide
Bürgermeisterin

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