Wo selbst Kleine die Größten sind

Bei Peter Gaenge bekommt noch jeder DDR-Wohnwagen seine zweite Chance

Peter Gaenge: Man ahnt, woher das „Düberer Ei“ seinen Namen hatte.Foto: fdk

Großbeuthen.

Schon Jürgen Hart - gern auch Jahrhundertdichter des Ostens genannt - brachte es in seinem Lied „Sing, mei Sachse sing“ auf den Punkt. Denn „...Bis nunder nach Bulgarchen, tut er de‘ Welt beschnarchen!...“ umschreibt die Reiselust der Sachsen, wie wohl die des ganzen Ostens eben auch. Und da seinerzeit die großen Sommerferien lang, die Liste freier FDGB-Plätze aber meist recht kurz war, mussten Alternativen her. Und die gab es. Sie hießen Qek, ob nun als Aero- oder Juniorversion, wie auch „Intercamp“, ganz luxuriös. Eines waren sie alle - Wohnwagen - Made in GDR.

Liebhaberstück und "rollende Wohnung"
All das ist wirklich lange her, denn mit der Größe von Deutschlands liebstem Kind, wuchs auch die Größe dessen, was es hinter sich her in den Urlaub zieht. „Schrankwände“ nennt Peter Gaenge diese neuen, modernen Wohnwagen, die Luxus zum Standard und Campen heute zum Fünfsterne-Urlaub machen. Das ist nichts für ihn, denn er setzt in Sachen „rollender Wohnung“ auf Klasse oder vielmehr Klassik aus der DDR. Und begonnen hat seine Leidenschaft, Wohnwagen statt auf den Schrottplatz, lieber auf die Straße zu bringen, vor vielen Jahren. Der Grund dafür war seine zweite große Leidenschaft, Oldtimer- und US-Car-Treffen. „Mit meinem Lincoln, Baujahr 60, bin ich seit Ewigkeiten auf solchen Veranstaltungen in ganz Deutschland unterwegs. Immer stellte sich die Frage, ´wo pennste denn diesmal?´. Ich bekam einen Qek-Aero angeboten, baute ihn auf, lackierte ihn, machte ihn fit für die Straße. So ging es los“, erinnert sich Peter Gaenge, der kurzerhand sein Hobby zum Beruf und den Erhalt von DDR-Wohnwagen zu seiner Berufung machte.
Viele der rollenden Oldis bekamen unter seinen Händen eine zweite Chance, wurden repariert, aufgehübscht und fanden schnell neue Liebhaber. Rund 30 stehen heute auf seinem Präsentationsgelände in Thyrow, gleich neben NP, in der Nähe von Trebbin.

„Ich bin ein Kind des Ostens und weiß, warum Trabbi, Wartburg und Co. Modelle wie diese zogen und warum es absolut Sinn macht, all dies zu erhalten“, so Gaenge, der dabei nicht von verklärter Ostalgie, sondern eher von Qualität spricht. Peter Gaenge ist, was seien Liebe zu mobiler Freiheit angeht, alles andere als das, was der Volksmund „Normalo“ nennt. Er liebt das Spezielle, das Andere, das Außergewöhnliche - was aber längst nicht teuer sein muss. Dies eigentlich schon immer: „Zu DDR-Zeiten konnte ich mir einen Trabbi, Lada oder Wartburg nie leisten, die waren einfach zu teuer“, gesteht er und ergänzt lächelnd: „Ich fuhr Mercedes!“.

Mit 23 hatte er seinen Ersten. Gekauft für einen Schrottpreis. Und in der kleinen Garage Teil für Teil saniert, brachte der damals junge Mann aus Köpenick seinen ersten Stern auf die Straße. Das war schon Anfang der 80er und sein Mercedes 170 s nannte er statt Angeber-, auch lieber Alltagsauto.

Viele Modelle waren ihrer Zeit voraus

Und ganz ähnlich sieht dies mit seiner Leidenschaft „DDR-Wohnwagen“ aus. So meint er: „Nach 25 Jahren Wende hatte mich die DDR-Zeit wieder eingeholt - buchstäblich mit dem Wohnwagen.“
Und warum er so viel Zeit in die Rekonstruktion dieser Wagen steckt, erklärt er so: „Sie sind es eben wert!“
Was er meint, ist nicht zuletzt die Qualität: „Viele Wohnwagen aus DDR-Zeiten waren ihrer Zeit weit voraus. So beispielsweise der Qek- Junior, der mit einer selbsttragenden Vollkunststoffkarosserie und einem Gewicht von nicht einmal 500 Kilogramm, ideal war, um von einem Trabant gezogen zu werden. Auch der Qek-Aero aus dem Stahl- und Walzwerk Henningsdorf war etwas Besonderes. Alu-Karosse, Metallständersystem, atmungsaktive Dämmung und eine Verkleidung aus Holz. All das war eigentlich unverrottbar. Wohl auch daher leben sie heute noch“, so Gaenge, der auch von rollenden „Exoten“ zu berichten weiß: „Legendär war das Dübener Ei, gebaut in Bad Düben und mit seiner namensgebenden Form stets ein Hingucker. Der kleinste, jemals gebaute Wohnwagen in der DDR, war der LC 9-200, auch ´Heimstolz´ genannt, der gerade einmal zwei Meter lang und mit 280 Kilogramm ein echtes Leichtgewicht war.“

Einer dieser ganz Kleinen, der heute in Thyrow steht, hatte buchstäblich eine Geschichte zu erzählen - seine Geschichte: „Als ich ihn kaufte, stand er schon Jahrzehnte unberührt in einer Garage. Die Menschen, denen er früher gehörte, verkauften ihr Haus und erst als die neuen Eigentümer das Haus entkernten, fiel dieser kleine Wohnwagen auf. Er wurde mir angeboten. Als ich das erste Mal die Tür aufschloss, war es wie eine Zeitreise in die Vergangenheit. In den Schubfächern lagen Ansichtskarten von der Insel Hiddensee und hinter den Sitzkissen lag einiges an Alu-Chips“, erinnert sich Gaenge.

Menschen, die sie noch heute lieben

Was sind das für Menschen, die heute diese sanierten Wohnwagen des Ostens kaufen, will ich wissen: „Oft Leute, die damit als Kinder selbst in die Ferien gefahren sind und die heute ihren Kindern oder Enkeln einmal dieses Flair vermitteln möchten. Oft sind es auch Angler, Oldtimer-Liebhaber. Und bei den ganz kleinen Wohnwagen zeigen Quad- oder Trikefahrer großes Interesse.“
Auch davon, dass manch Selbstbau damals mit „Müller“ oder „Meier“, kurzerhand die Namen der Erbauer als „Marke“ in die Papiere kam, weiß Gaenge zu berichten.
Ein Hingucker ist auch der Wohnwagen, Marke „Gutzeit“. Sieht man ihn, fühlt man sich an den Delorean aus dem Film „Zurück in die Zukunft“ erinnert. Flach, schräge Front- und Heckpartie, orange und mit einem komplett futuristischem Design, so sieht es aus, was ein tschechischer Designer 1980 für den Ostmarkt entwickelte.
Abschließend sagt Peter Gaenge: „All diese Wohnwagen sind es doch wert, erhalten zu bleiben. Vielleicht hält man damit auch die Erinnerung einer Zeit am Leben, in der sicher vieles nicht perfekt war, aber manches durch private Kreativität und Erfindergergeist zu etwas ganz Persönlichem und so zu etwas Besonderem gemacht wurde.“
 fdk

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