Reif für die Inselbühne

Reif für die Inselbühne

Die Freilichtbühne auf der Freundschaftsinsel ruht im Dornröschenschlaf. Das muss nicht sein, meinen Engagierte der Potsdamer Bürgerstiftung. Foto: Potsdamer Bürgerstiftung

Potsdamer Bürgerstiftung zeigt sich enttäuscht, gibt aber nicht auf

Potsdam. Die Stadt Potsdam hat die Freilichtbühne der Freundschaftsinsel für eine temporäre Nutzung im Sommer 2021 ausgeschrieben. Sie wünscht sich hier einen „pandemie-tauglichen Aufführungsort für ein offenes, vielfältiges Programm“ mit „möglichst vielen Veranstaltungen“, die „an ihrer üblichen Spielstätte derzeit nicht beziehungsweise nur vor wenigen Zuschauern stattfinden können.“
Diese Ziele entsprechen in vielem dem Konzept „Inselbühne“, das die Potsdamer Bürgerstiftung bereits erstmals im Jahr 2014 und zuletzt erneut im September 2020 dem Kulturamt und dem Bau- und Umweltamt der Stadt vorgelegt hat und das dort auf breite Zustimmung stieß. Nach einem Treffen mit Vertretern beider Ämter Mitte November sollte die Bürgerstiftung einen dem Konzept entsprechenden Nutzungsvertrag erhalten, bis ein unvorhergesehenes Vergabeverfahren dazwischenkam. Trotzdem des dadurch bedrohlich eng werdenden Zeitplans war die Bürgerstiftung sehr optimistisch, bis 1. Mai 2021 mit vereinten Kräften der Stadtgesellschaft die Freilichtbühne wiederbeleben zu können.
Doch beim Blick auf die Rahmenbedingungen der vorliegenden Ausschreibung macht sich Ernüchterung breit, heißt es in einer Mitteilung. Vor allem die Vorgaben des Lärmschutzes stehen einer kulturellen Nutzung des Ortes entgegen. So darf die Bühne Montag bis Samstag lediglich bis maximal 20 Uhr genutzt werden, sonn- und feiertags sind keine Veranstaltungen gestattet. Ausnahmen nur mit Sondergenehmigung, die über den Zeitraum von 1. Mai bis 24. Oktober höchstens zehn Mal für höchstens zwei Stunden gewährt werden dürfen. Auch der Einsatz von elektroakustischen Anlagen ist grundsätzlich untersagt beziehungsweise nur mit Sondergenehmigung erlaubt. „Ein Kulturbetrieb wird unter diesen Rahmenbedingungen weitgehend unmöglich: Ein Auftakt mit Tanz in den Mai, ein Auftritt von Chören wie Heimatsounds, Cantamus oder Schulen, die lange weder aufführen und auch nicht proben durften – unmöglich. Ein Auftritt einer Schul-Big Band – nur mit Sondergenehmigung, Tanzschüler*innen von Marita Erxleben – nicht möglich, weil die Musik aus einer elektronischen Box kommt, so wie bei Tango- und Tanzabenden. Freilichtkino ist komplett ausgeschlossen, auch mit Sondergenehmigung, weil es in der Regel über 22 Uhr und zwei Stunden hinaus geht. Lesungen sind ohne Mikrofon nicht machbar. Man stelle sich einen lauen Sommerabend vor, die Menschen, die unter Kulturarmut und fehlenden Begegnungen leiden, müssen gegen 19.30 Uhr aufgefordert werden, die Bühne so langsam zu verlassen, damit um 20 Uhr abgeschlossen werden kann - zu einer Zeit, zu der normalerweise Abendprogramm erst beginnt. Wie soll aus den jetzt schon vorliegenden zahlreichen Anfragen ausgewählt werden, welche einen der zehn begehrten Spiel-Plätze ergattern, die einen Auftritt erlauben bis 22 Uhr mit elektronischer Verstärkung oder „laut“ wie ein größerer Chor, ein voll besetztes Orchester oder ein Theaterstück.
Zudem stelle sich die Frage, ob der ideelle, und vor allem auch der materielle Einsatz zur Realisierung des Projekts unter diesen Umständen noch gerechtfertigt sei. Nach internen Berechnungen seien mindestens zirka 100.000 bis 130.000 Euro nötig, um die Freilichtbühne als genehmigungsfähige Kulturplattform zu gestalten und die logistische und personelle Struktur für einen Spielbetrieb über knapp sechs Monate zu schaffen. Die Bürgerstiftung hat beispielsweise Bundesmittel aus dem Neustart Kultur für ihr überzeugendes Konzept „Junge Bühne“ erhalten, dass den jungen Menschen der Stadt die Bühne für eine eigenverantwortlich konzipierte Veranstaltungsreihe ermöglichen sollte. Nur: Welche jungen Menschen werden dort mitmachen, ohne elektronische Musik, ohne Verstärkung und nur bis 20 Uhr? Die Bürgerstiftung hätte sich gewünscht, dass man den Lärm- und Anwohnerschutz an bestimmte Lautstärke-Vorgaben knüpft, die es ermöglichen, mit einem umsichtigen Konzept, neuer Technik und guten Schallschutz-Maßnahmen zumindest bis 22 Uhr Veranstaltungen anbieten zu können. So sei an diesem Ort weniger möglich als in der Innenstadt. Die Bürgerstiftung hat mit ihrer Idee der Wiederbelebung der alten Freilichtbühne viel Unterstützung gewonnen: Die meisten Stimmen im Wettbewerb „Gemeinsam für Potsdam“, mehrere hundert Einzelspenden und viele Sympathisanten, die Hilfe bei der Umsetzung angeboten haben. Die dürften nun ebenso enttäuscht sein.
Bei der Bürgerstiftung hat sich ein engagiertes ehrenamtliches Team mit Fachleuten aus vielen relevanten Bereichen wie beispielsweise Bau, Marketing oder Veranstaltungstechnik gebildet, das sich seit Monaten mit großem Aufwand um die Umsetzung des Projekts bemüht. Dieses Team hat sich nach Bekanntwerden der Auflagen lange beraten, in dem Dilemma zwischen absagen oder abspecken, und ist zum Ergebnis gekommen, trotz der Enttäuschung über diese kultur- und lebensfernen Bedingungen, an der Ausschreibung teilzunehmen. Es hofft auf den Zuschlag und darauf, dass sich trotz dieser sehr engen Vorgaben ein schöner Ort für Potsdam und seine Bewohner schaffen lässt, der dazu beitragen kann, den Hunger nach Kultur und Begegnung in dieser Stadt zu stillen.
Die Potsdamer Bürgerstiftung benötigt weiterhin tatkräftige Unterstützung und insbesondere Spenden und Sponsoren für das Vorhaben. Weitere Informationen dazu gibt es im Internet unter www.inselbuehne-potsdam.de. red/ela

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