Klimaschutz muss sozial verträglich sein

Klimaschutz muss sozial verträglich sein

Auch das gehört zum Klimaschutz: Ein Lastenrad kann in vielen Fällen ein Auto ersetzen. Potsdam benötigt dringend neben klimaneutralen Neubauten auch eine Verkehrswende. Symbolbild: Pixabay

Neuer Klimarat soll sich aktiv in die Stadtplanung einbringen

Potsdam. Einen Klimarat, der Politik und Verwaltung konstruktiv und kritisch auf dem Weg in die Klimaneutralität begleitet, wie er im Masterplan "100% Klimaschutz" vorgezeichnet ist, wünscht sich der zuständige Bau- und Umweltdezernent Bernd Rubelt (parteilos). "Mit seiner Fachkompetenz soll der Beirat aufzeigen, wo es gut läuft, wo es hakt, und wo Potsdam nachbessern muss. Der Klimarat soll als Anwalt des Klimaschutzes für uns Berater, Impulsgeber und Kontrollinstanz für die Umsetzung des Masterplans sein. Und er soll als Forum für die Öffentlichkeit auch eine Art Plattform für Lösungen sein, die die Stadtgesellschaft mitnimmt", erklärte Rubelt bei der Vorstellung der Mitglieder des Klimarats am Montag in einer Video-Konferenz.

Der Klimarat existiert bereits seit dem vergangenen Jahr. Er setzt sich für eine sozial verträgliche Umsetzung der Ziele des Masterplans 100% Klimaschutz ein und weiß dabei eine Mehrheit der Potsdamer Bevölkerung auf seiner Seite. Die Mitglieder seien Vermittler, Experten und Mediatoren für einen erfolgreichen Klimaschutz und eine breite Akzeptanz in der Öffentlichkeit, betonte der Kommunikationsberater Till Weishaupt, der dem Gremium von Anfang an angehört. Weitere Mitglieder sind Daniela Setton, Referatsleiterin Klimaschutz beim Umweltministerium, Dr. Sophie Haebel, Leiterin des Fachbereichs Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie beim Projektträger Jülich und zweite Vorsitzende des Energie Forums Potsdam, Professor Michael Prytula, Architekt mit Forschungsprofessur Ressourcenoptimiertes & klimaangepasstes Bauen an der FH Potsdam, wo er auch den Masterstudiengang "Urbane Zukunft" leitet, Christina Meßner, Referentin für Umwelt & Entsorgung bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Potsdam, Dr. Fritz Reusswig, Soziologe am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), Anja Hänel, Geschäftsführerin des Verkehrsclub Deutschland (VCD) Brandenburg, Dr. Ariane Walz, Referentin für Klimaanpassung im Umweltministerium sowie die 17-jährige Abiturientin Anna Kowalkowski und der 19-jährige Medizinstudent Simon Jüngling, die sich beide auch bei Fridays for Future engagieren.

Die Mitwirkung junger Menschen war ein besonderes Ziel der Landeshauptstadt. Das Gremium wird nach den im "Masterplan 100% Klimaschutz bis 2050" definierten acht Handlungsfeldern mit je einer Person besetzt, hinzu kommen jeweils zwei Ehrenamtliche von Fridays for Future. "Wir wollen alle wichtigen Bereiche des Klimaschutzes abdecken und uns auch um die Klimaanpassung kümmern - etwa im Bereich Moorschutz oder der klimagerechten Aufwertung des Potsdamer Stadtgrüns. Denn auch wenn wir Klimaschutz machen müssen - der Klimawandel wird noch eine Weile weitergehen, und wir müssen Potsdams Bevölkerung und die Stadtnatur besser schützen. Bei den aktuell laufenden Integrierten Stadtentwicklungskonzepten (Insek) ist diese integrierte Betrachtung unabdingbar und wird von den Beteiligten BürgerInnen auch bereits gesehen", so Ariane Walz.


Klimawandel bestimmt die Planungen noch über viele Jahre

"Corona geht hoffentlich bald vorbei - der Klimawandel bleibt uns leider noch länger erhalten. Der 'Impfstoff', den wir dagegen brauchen werden, wird aber dankenswerterweise auch in Potsdam hergestellt. Er heißt Klimaschutz, und wir alle können dazu beitragen, dass er rasch genug und in ausreichenden Dosen zur Verfügung steht. Die Voraussetzungen dafür stehen gut in Potsdam, und wir vom Klimarat wollen die Stadt dabei aktiv unterstützen", fasst Fritz Reusswig das Selbstverständnis des Klimarats zusammen.

Der Klimarat wurde durch SVV-Beschluss Ende Januar 2020 neu berufen und traf sich Mitte März zu seiner konstituierenden Sitzung. Drei neue Mitglieder sollen in der kommenden Woche durch die Stadtverordneten bestätigt werden. Neun digitale Treffen gab es bereits, auch mit wichtigen Entscheidungsträgern der Stadt haben sich die Mitglieder bereits ausgetauscht. Nach Aufhebung des ersten Lockdowns konnte der Klimarat im vergangenen Sommer eine Exkursion in das neu geplante Krampnitz-Areal unternehmen, in dem die Stadt ein klimaneutrales Viertel plant. Anschließend hat er sich mit einem Vorschlag zur Wärmeversorgung in die Diskussion um die konkrete Planung eingebracht. Auch die Dekarbonisierungsstrategie der Energie und Wasser Potsdam (EWP) hat den Beirat bereits beschäftigt.


Energetische Gebäudesanierung und Verkehrswende

Seit dem SVV-Klimanotstandsbeschluss im Jahr 2019 hat Klimaschutz in Potsdam Fahrt aufgenommen. "Jetzt kommt es darauf an, gangbare Pfade in den verschiedenen Handlungsfeldern zu entwickeln und mögliche soziale Härten abzufedern und Konflikten möglichst vorzubeugen - etwa bei den sensiblen Themen energetische Gebäudesanierung oder Verkehr", erläuterte Fritz Reusswig. "Der Verkehr stellt Potsdam nicht nur aus Klimagesichtspunkten vor Probleme. Mir ist es wichtig, in einem stadtweiten Diskurs und zusammen mit den Umlandgemeinden daran zu arbeiten, wie wir das Leitbild der weitgehend autofreien Stadt so umsetzen können, dass die Erreichbarkeit gewährleistet und die Klimaziele erreicht werden", betont Anja Hänel vom VCD. Für Christina Meßner von der IHK steht fest, dass langfristiger unternehmerischer Erfolg und Klimaschutz zusammengehören und sich nicht ausschließen. Die Wirtschaft sehe das genauso. Deshalb sei es wichtig, die Klimaschutz-Kompetenz der Potsdamer Wirtschaft zu nutzen und zu fördern. Unternehmen könnten beispielsweise im Bereich Flächenbegrünung oder bei der Nutzung vorhandener Dachflächen für Photovoltaik-Anlagen eine wichtige Rolle spielen.

Den immer wieder gehörten Einwand, Klimaschutz sei ein hemmender Faktor für Wirtschaft und Stadtentwicklung lässt Professor Prytula von der FH Potsdam nicht gelten: "Im Gegenteil: Städte werden zukünftig ohne fossile Emissionen auskommen müssen und sie werden klimaresilient sein, sonst wird es für uns alle sehr ungemütlich. Corona bietet uns bei allen Problemen auch die Chance, über die Stadt der Zukunft neu nachzudenken, über Fragen der Dichte, des Stadtgrüns, der räumlichen Aufteilung von Arbeiten und Wohnen", so Prytula. Dieses "Gelegenheitsfenster" sollte genutzt werden.

Klimaschutz sei kein Alleinauftrag an Politik und Verwaltung, er erfordere ein Bewusstsein und aktives Handeln eines jeden Einzelnen. Eine breite Debatte und Sichtbarkeit in der Landeshauptstadt sei deshalb wünschenswert, betont Till Weishaupt. Auch die Leiterin der Koordinierungsstelle Klimaschutz der Landeshauptstadt, Cordine Lippert, ist überzeugt, dass Potsdam schon auf einem guten Weg ist. "Der Klimanotstandsbeschluss der Stadtverordnetenversammlung vom Sommer 2019 hat dem Thema Klimaschutz in Potsdam einen neuen Kick gegeben, der auch mit neuen Aufgaben verbunden ist", so Lippert. Vom Klimarat erhofft sie sich wichtige Hinweise für das weitere Vorgehen.  sg

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