Auf Kosten der Gesundheit

Auf Kosten der Gesundheit

Im Frühjahr 2020 galt das Ernst von Bergmann Klinikum als Corona-Hotspot. Eine unabhängige Expertenkommission wurde zur Prüfung und Empfehlung organisatorischer und hygienischer Maßnahmen und Abläufe im Klinikum beauftragt. Der Abschlussbericht liegt nun vor. Foto: Sabine Gottschalk

Aus dem Bericht der unabhängigen Expertenkommission

Potsdam.

„Das Risiko eines Corona-Ausbruchs im Haus wurde nicht gesehen“, so heißt es im Bericht der Expertenkommission, die die Vorgänge vom vergangenen Jahr im Ernst von Bergmann Klinikum umfänglich untersuchte. Als es Ende März zum Corona-Ausbruch kam, meldete ihn die Klinik zu spät ans Gesundheitsamt – das selbst kaum nachfragte. Kritisch wird zudem auch gesehen, dass konkrete Umsatzrenditen eingefordert wurden und die Landeshauptstadt Potsdam Gewinnabführungen für soziale und gesundheitliche Aufgaben erwartet habe. So sei die Geschäftsführung von der Gesellschafterin, der Landeshauptstadt Potsdam, und dem Aufsichtsrat primär am wirtschaftlichen Erfolg gemessen worden, nicht an der Versorgungsqualität und Patientensicherheit. Das Ergebnis sei „… dass Wirtschaftlichkeit bei allen Entscheidungen im Vordergrund stand, während Fragen der Sicherheit, Hygiene und Qualität im blinden Fleck“ lagen. Die Anforderungen für Sicherheit, Hygiene und Qualität wurden zwar formell auf dem Papier befriedigt, jedoch nicht proaktiv als zentraler Wert in der Unternehmensführung verankert.“ Oberbürgermeister Mike Schubert sagt dazu: „Die Corona-Pandemie zeigt im Brennglas, dass die Ökonomisierung der deutschen Krankenhauslandschaft das Gesundheitssystem in der Krise an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit bringt. Wir haben in Potsdam in der Krise angefangen umzusteuern und werden diesen Weg weitergehen.“

Fallpauschalen und Fehlanreize

Die Klinikumsleitung des Ernst von Bergmann bewerten den Abschlussbericht der unabhängigen Expertenkommission positiv. Hans-Ulrich Schmidt, Sprecher der Geschäftsführung sagt dazu: „Der Bericht gibt auf der Grundlage der fachlichen Expertise der Kommissionsmitglieder wertvolle Empfehlungen für die Weiterentwicklung des Klinikums Ernst von Bergmann. Dafür sind wir der Kommission dankbar.“ Dazu gehören nach Überzeugung der Geschäftsführung auch die kritischen Einschätzungen der Kommission zur Krankenhausfinanzierung. Einige Teile des Berichtes bedürfen alllerdings noch einer grundsätzlichen Diskussion, diese soll in einer Klausur mit Aufsichtsrat, Klinikumsleitung und Gesellschafter vertieft werden.
 „Wir stehen für eine eindeutige Ausrichtung der Klinik auf Patientensicherheit und Behandlungsqualität, die wir wirtschaftlich tragfähig gestalten wollen“, so Hans-Ulrich Schmidt. Deshalb habe die Geschäftsführung in Abstimmung mit dem Gesundheitsamt und der Landeshauptstadt Potsdam als Gesellschafter bereits mit dem Schutz-, Hygiene- und Sicherheitskonzept wesentliche organisatorische, technische und teilweise auch bauliche Verbesserungen zur Bewältigung der Pandemie eingeführt. Eine Schlüsselfunktion habe künftig die Unternehmenskultur: „Wir wollen uns durch einen tiefgreifenden Veränderungsprozess zu einer lernenden Organisation entwickeln, die besser interdisziplinär zusammenarbeitet und die Ziele Patientensicherheit und Behandlungsqualität sowie Patienten- und Mitarbeiterzufriedenheit als oberste Maxime verfolgt. Dafür gilt es auch, Kommunikationsstrukturen weiter zu verbessern und die fachliche Expertise in einem dialogischen Prozess konstruktiv zu nutzen“, fasst Dr. med. Christian Kieser, Ärztlicher Direktor, zusammen.
Sabine Bülth, Betriebsratsvorsitzende sagt: „Es hat sich schon etwas verändert: Die Kommunikation ist besser und Schwachstellen werden schneller offen diskutiert. Der Mitarbeitende und Betriebsrat werden gehört, die regelmäßigen Dialoge mit der Geschäftsführung sind positiv.“
Um die organisatorische Verankerung von medizinischer Qualität und Patientenorientierung zu stärken, verantwortet der stellvertretende Ärztliche Direktor seit dem 1. November 2020 den Geschäftsbereich Qualitätsmanagement und hat den Auftrag, die Qualitätsorientierung in den klinischen Prozessen durchgängig zu etablieren. Weitere Veränderungen stehen unmittelbar bevor: So werden ab April sowohl die Krankenhaushygiene als auch die Betriebsmedizin weiter gestärkt und jeweils durch eine eigene Leitung geführt. Patientensicherheit wird künftig als strategisches Führungsziel verankert.
„Es ist ohne Frage richtig, dass eine sehr starke Konzentration auf ökonomischen Erfolg zu Zielkonflikten führen kann – sowohl was die Patientenzufriedenheit, als auch was die Mitarbeiterzufriedenheit angeht. Hier fordern wir Rahmenbedingungen, die diese möglichen Konflikte auflösen. Denn die Krankenhausfinanzierung schafft derzeit über die einzelfallbasierte Finanzierung oder die Fallpauschalen riskante Fehlanreize: Hier steht nicht das Gesunden des Menschen im Fokus, sondern der Druck, mehr Leistungen durch mehr Fälle zu generieren. Vorhaltungsstrukturen für Notfallsituationen oder gar eine Pandemie sind im derzeitigen Finanzierungssystem nicht berücksichtigt.“ Das sei eine Herausforderung für alle Krankenhäuser, nicht nur für das Klinikum Ernst von Bergmann. Denn in der Krankenhausfinanzierung über Fallpauschalen werde eine präventive Ausrichtung nicht belohnt.
Am Mittwoch wurde der Abschlussbericht den Stadtverordneten im Potsdamer Hauptausschuss vorgestellt. Er umfasst 74 Seiten und ist zudem auch digital abrufbar. ela

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