Häusliche Gewalt: Starker Rückgang von Anfragen im Frauenhaus während des ersten Lockdowns

Häusliche Gewalt: Starker Rückgang von Anfragen im Frauenhaus während des ersten Lockdowns

Die häusliche Gewalt gegenüber Frauen und Kindern hat während des ersten Lockdowns im Frühjahr deutlich zugenommen. Beide Gruppen brauchen den Schutz der Öffentlichkeit und Menschen, die die Augen vor der Situation nicht verschließen. Symbolbild: Pixabay

Kein einfaches "Familiendrama": Weniger Öffentlichkeit führt zu mehr Gewalttaten im eigenen Haushalt

Potsdam. Häusliche Gewalt ist allgegenwärtig. Bereits während des ersten Lockdowns im Frühjahr schrillten bei Beratungsstellen und auch im Bundesfamilienministerium die Alarmglocken, da die Begrenzung des eigenen Radius auf die Wohnung und die nahe Umgebung es vielen Betroffenen unmöglich machte, sich Hilfe zu suchen. Gleichzeitig fielen Kontrollinstanzen wie Schulen oder Kitas, aber auch Treffen mit Freundinnen oder Bekannten weg. Das war neben einem drohenden Bildungsdefizit einer der Gründe, warum Unterricht und Betreuung in den Einrichtungen im Herbst unbedingt aufrecht erhalten werden sollten.

Am 25. November ist Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen. Für das Autonome Frauenzentrum Potsdam ist das genau der richtige Zeitpunkt für eine nach wie vor düstere Bilanz: Das "Lagebild häusliche Gewalt" des Landeskriminalamts zeigt für das Jahr 2019 insgesamt 4.731 Fälle von Straftaten im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt, das sind 2,1 Prozent weniger als im Vorjahr. 299 dieser Fälle fanden in Potsdam statt. Somit liegt die Landeshauptstadt mit 6,8 Prozent aller erfassten Fälle auch 2019 wieder auf Platz zwei hinter Cottbus. Besonders auffällig ist, dass es 2019 einen erneuten Anstieg von Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung gab: 9,1 Prozent mehr als 2018. Schon im Lagebild 2018 war ein deutlicher Anstieg zu verzeichnen. Die Straftaten gegen das Leben, also Mord oder versuchter Mord und Totschlag, haben sich 2019 im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt, von sieben auf 14 Fälle.

Neun Frauen wurden 2019 durch ihren Partner oder Ehemann getötet. Eine besondere Belastung ist die Situation für geflüchtete Frauen in Gemeinschaftsunterkünften. Die in Potsdam ansässige Organisation "Women in Exile" berichtet, dass es 2019 in den Unterkünften zu zwei Vergewaltigungen und einer versuchten Vergewaltigung kam. Die Organisation hat deshalb für den 25. November eine Kundgebung vor der zentralen Aufnahmestelle in Eisenhüttenstadt angekündigt.

Während die Zahlen in Brandenburg leicht rückläufig sind, ist bundesweit ein Anstieg von Fällen häuslicher Gewalt zu verzeichnen. Laut Statistik des Bundeskriminalamts (BKA) wurden im Jahr 2019 111 Frauen von ihren Partnern oder Ehemännern getötet, weitere 190 Fälle von versuchtem Mord und Totschlag kommen hinzu. Nicht in der Statistik erfasst sind Frauen, die durch andere männliche Angehörige getötet wurden.

"Es ist wichtig, häusliche Gewalt immer wieder zu thematisieren, differenziert darüber zu berichten und Frauen Mut zu machen", sagt die Leiterin des Autonomen Frauenzentrums, Heiderose Gerber. Gerade der Lockdown des Frühjahrs habe gezeigt, wie wichtig es ist, dass Nachbarn und Angehörige aufmerksam sind, Unterstützung anbieten und im Zweifel die Polizei verständigen. Positive Entwicklungen sieht das Autonome Frauenzentrum in der zunehmend differenzierteren Berichterstattung. So hat auch der deutsche Presserat 2019 dazu aufgerufen, auf verharmlosende Begriffe wie "Familiendrama" zu verzichten.


Häusliche Gewalt in Potsdam: Das Jahr 2019 im Frauenhaus, in der Frauennotwohnung und in der Beratungsstelle

Im Potsdamer Frauenhaus fanden im vergangenen Jahr 38 Frauen und ebenso viele Kinder Schutz. Der Bedarf ist jedoch weit größer: 66 Frauen konnten nicht aufgenommen werden und wurden an andere Schutzeinrichtungen vermittelt. Besonders schwierig ist die Lage für Frauen mit mehr als drei Kindern, weil nicht nur im Potsdamer Frauenhaus, sondern auch in der Umgebung keine ausreichende Infrastruktur vorhanden ist. Die Frauen, die im Potsdamer Frauenhaus waren, sind zu 43 Prozent jünger als 30 Jahre. Mit 47 Prozent war fast die Hälfte zwischen 30 und 40 Jahren alt. Fast 70 Prozent der Schutzsuchenden wurden vom eigenen Ehemann oder Lebenspartner bedroht, weitere elf Prozent vor ihrem Ex-Partner oder Ex-Ehemann.

Im Jahr 2019 wurden 50 Prozent der Frauen durch öffentliche Institutionen vermittelt: Beratungsstellen, Ärzte, Krankenhäuser, Jobcenter oder Schule der Kinder. 26 Prozent der Schutzsuchenden wurden von der Polizei vermittelt oder gleich ins Frauenhaus gebracht. Wie wichtig die öffentlichen Institutionen im Bezug auf den Kampf gegen häusliche Gewalt sind, zeigte sich im vergangenen Frühjahr. Der Wegfall der meisten dieser Kontakte führte zu deutlich weniger Anfragen im Frauenhaus. Die Belegung des Potsdamer Frauenhauses ist im ersten Lockdown auf fünf Frauen abgesackt. Die meisten Betroffenen haben in den ersten beiden Monaten dieses Jahres Schutz im Frauenhaus gesucht, also bevor die Pandemie Brandenburg erreicht hat. Erst mit Aufhebung des Lockdowns stiegen die Zahlen wieder.

Im Jahr 2019 hat die Beratungsstelle für Frauen und Mädchen in der Babelsberger Garnstraße  insgesamt 691 Beratungen durchgeführt. Für den Großteil der Frauen war das Erstgespräch ausreichend, viele wurden aber auch mehrfach beraten. Neben den persönlichen Gesprächen in der Beratungsstelle gab es auch Hilfestellung per E-Mail und Telefon, in einigen Fällen sogar postalisch, sowie durch Besuche im Haushalt der Betroffenen. Die Themen häusliche Gewalt, Trennung und Scheidung spielten dabei die größte Rolle. Das Autonome Frauenzentrum berät aber auch Menschen aus dem sozialen Umfeld Betroffener und Fachkräfte, die sich beruflich mit der Unterstützung von Gewalt Bedrohter beschäftigen.

Die Frauennotwohnung des Vereins war 2019 fast vollständig ausgelastet. Sie wird vorrangig von Frauen mit einem längeren Betreuungs- und Begleitungsbedarf bewohnt sowie von Frauen mit älteren Söhnen. Die Mitarbeiterinnen des Autonomen Frauenzentrums sind zudem in verschiedenen Arbeitskreisen und Netzwerken der Stadt aktiv, um Opferschutz und Prävention voranzubringen und dabei die Bedürfnisse der Betroffenen in den Fokus zu nehmen. sg


Betroffene können sich an das bundesweite Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen unter 08000 116 016 wenden. Weitere Infos zu Sofort-Chats und E-Mail-Beratungen gibt es auf www.hilfetelefon.de/gewalt-gegen-frauen.html

Die Beratungsstelle des Autonomen Frauenzentrums ist unter
0331 / 974695 zu erreichen.

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