Ein Jahr im Epizentrum des Klimawandels

Ein Jahr im Epizentrum des Klimawandels

Oktober 2019: Bevor der Winter mit ewiger Dunkelheit anbricht, müssen Markus Rex (Mitte) und sein Team die Forschungsstation aufbauen. Foto: Alfred-Wegener-Institut | Esther Horvath (CC-BY 4.0)

Polarstern-Expeditionsleiter Markus Rex: "Wir haben dem Eis beim Sterben zugesehen"

Expeditionsleiter Markus Rex hat auf dem Telegrafenberg über das erfolgreiche Forschungsjahr in der Arktis berichtet. Foto: Sabine Gottschalk

Potsdam. Ihre Expedition war über Jahre geplant und dann kam ein kleines Virus, das sie beinahe zum Scheitern gebracht hätte. Und dennoch: Dank internationaler Zusammenarbeit war die Mosaic-Expedition des Alfred-Wegener-Instituts überaus erfolgreich. 150 Terabyte Daten und rund 10.000 Proben hat das internationale Forscherteam um Professor Markus Rex gesammelt und nach Potsdam zurückgebracht, wo sie in den kommenden Jahren ausgewertet werden. Dafür gibt es vom Land einen Zuschuss von 1,5 Millionen Euro, wie Wissenschaftsministerin Manja Schüle (SPD) Anfang der Woche auf dem Telegrafenberg ankündigte. Noch in diesem Jahr soll das Geld einsatzbereit sein und den Forschern bei der Auswertung ihrer gesammelten Daten und Proben helfen.

Die Arktis sei das Epizentrum des Klimawandels, betont Expeditionsleiter Markus Rex, noch ganz ergriffen von den unglaublichen Eindrücken aus einer Welt, in der fast sechs Monate lang alles so tief schwarz ist, wie wir es uns in unseren Breiten nicht vorstellen können. Die andere Hälfte des Jahres hingegen seien die Forscher von der sagenhaften Farbenvielfalt des arktischen Ozeans begeistert gewesen. Eines jedoch habe sich überdeutlich gezeigt, mahnt Rex: "Wenn der Klimawandel nicht schnell gestoppt wird, gibt es in den Sommermonaten kein Eis mehr in der Arktis". Der Polarforscher warnt gleichzeitig vor erheblichen Klimaveränderungen durch die Schmelze. Nicht nur dem Eisbär werde die Lebensgrundlage genommen, auch die weiter südlich lebenden indigenen Gesellschaften würden ihr Lebensumfeld verlieren. Zudem sei häufiger mit verstärkten Wetterextremen zu rechnen, und die bekommen dann auch wir zu spüren.

Deshalb sei es wichtig, dass sich Politik und Wissenschaft gemeinsam um die Zukunft kümmern, unterstrich auch die Ministerin, die die Expedition im vergangenen Jahr auf Spitzbergen verabschiedet und nun in Bremerhaven wieder in Empfang genommen hat. Dass die Forscher ihre Arbeit in Pandemiezeiten überhaupt zu Ende bringen konnten, haben sie einer engen und langjährigen Partnerschaft mit dem russischen Arctic Research Institute zu verdanken. Denn nur mithilfe eines russischen Versorgungsschiffs konnten sie ihre "Polarstern" im März wieder auftanken und Hilfsgüter an Bord nehmen. Den Winter hatte das Forschungsschiff an einer Eisscholle festgefroren verbracht, die kein Eisbrecher erreichen konnte.

Als die Pandemie im März die halbe Welt zum Stillstand zwang, mussten die Forscher ihre gesamte Planung über den Haufen werfen, denn die Versorgungsschiffe durften eigentlich nicht mehr fahren. Mit dem russischen Partner und zwei deutschen Schiffen sei es schließlich dennoch gelungen, die Polarstern, die ihren Standort bereits verlassen hatte, kurz vor Spitzbergen aufzutanken und zu beladen.

In den arktischen Sommermonaten konnte das Team dann beobachten, wie weit die Eisschmelze bereits fortgeschritten ist. Als sich der norwegische Polarforscher Fridtjof Nansen vor 125 Jahren auf den Weg zum Nordpol gemacht hat, sei es dort im Winter noch zehn Grad kälter gewesen, so Rex. Mittlerweile seien Regionen nördlich von Grönland, in denen es bis in die wärmste Jahreszeit immer Eisschollen gegeben habe, zu offenem Wasser aufgeschmolzen. Die Wissenschaft kann die Konsequenzen aus den Klimaveränderungen heute sehr genau aufzeigen. Das treibt auch Rex und sein Team an, schnell erste Ergebnisse zu liefern. Gerechnet wird damit schon in den kommenden Wochen. Dann, so fordern Forscher und Ministerin, sei es an der Politik mit ausgewogenen Konzepten zu handeln. sg

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