Billigfleisch: Sauen können noch acht Jahre in Kastenstände eingepfercht werden

Billigfleisch: Sauen können noch acht Jahre in Kastenstände eingepfercht werden

So glücklich sind in Deutschland nur wenige Schweine: Ihr Fleisch wäre zu teuer, es würde nicht gekauft und der Profit bliebe aus. Dennoch hat der Bundesrat jetzt Verbesserungen in der Tierhaltung beschlossen. Foto: Pixabay

Förderprogramm soll Landwirte bei der Umstellung unterstützen

Berlin/Potsdam. Muttersauen können in Massentierhaltung noch weitere acht Jahre in so genannte Kastenstände eingepfercht werden. Das bedeutet, dass die Tiere sich nach dem Abferkeln für die Zeit, in der die Ferkel gesäugt werden, kaum ausstrecken oder umdrehen können. So soll verhindert werden, dass Ferkel totgequetscht werden und der Halter damit Verluste hinnehmen müsste. Der Bundesrat hat am Freitag zwar die Abschaffung dieser für das Tierwohl schädlichen Haltungsform beschlossen, den Züchtern aber weitere acht Jahre Zeit für die Umsetzung gelassen - obwohl die Haltung in Kastenständen schon vor Jahren gerichtlich als tierschutzwidrig erklärt wurde.

Eine Fixierung soll nach Umsetzung des jetzigen Beschlusses nur noch kurzzeitig möglich sein - zum Beispiel für die künstliche Besamung oder ärztliche Untersuchungen. Schon während der Übergangszeit müssen die Kastenstände so gestaltet sein, dass die Sauen in Seitenlage ihre Gliedmaßen ausstrecken können, ohne dabei an bauliche Hindernisse zu stoßen. Meist sind es jedoch eher die Nachbarsauen, die sich gegenseitig die Bewegungssfreiheit nehmen, da die Kastenstände sehr eng nebeneinander stehen.

Für die Zeit nach Absetzen der Ferkel bis zur nächsten Besamung muss in der Gruppenhaltung eine Bodenfläche von mindestens fünf Quadratmetern je Sau zur Verfügung stehen. Fress-Liegebuchten dürfen weiterhin genutzt werden. Zusätzlich muss aber ein Aktivitätsbereich für die Tiere eingerichtet werden. Laut Bundesratsbeschluss sollen unabhängig vom Vorhandensein der Fress-Liegebuchten Rückzugsmöglichkeiten in ausreichendem Umfang vorhanden sein.

Auch an anderer Stelle drängen die Länder mit ihren Maßgaben auf mehr Tierschutz. Sie betreffen den Liege- und Ruhebereich für Saugferkel, die Beleuchtungsintensität der Ställe und Maßnahmen gegen Aggressionen in der Gruppe.


Kastenstände weiterhin fünf Tage zum Abferkeln erlaubt

Die übrigen Neuregelungen der von der Bundesregierung vorgelegten Verordnung zum Abferkelbereich können im Wesentlichen unverändert bleiben: Danach ist die Kastenstandhaltung im Ferkelschutzkorb künftig höchstens fünf statt bisher 35 Tage zulässig. Die Abferkelbuchten müssen mindestens 6,5 Quadratmeter groß sein. Betriebe haben 15 Jahre Zeit, um sich auf die neuen Anforderungen im Abferkelbereich einzustellen, Umstellungskonzepte zu entwickeln und die finanziellen Voraussetzungen für die aufwändigen Umbauten zu schaffen.

Darüber hinaus fordert der Bundesrat Verbesserungen bei der Haltung von Kälbern: Der Boden ihrer Ställe soll weich sein und ihrem Körpergewicht nachgeben. Bislang schreibt die Verordnung nur einen bequemen Untergrund vor. Für die Nachrüstung der weit verbreiteten Spaltböden wird eine Übergangsfrist von drei Jahren gewährt. Weitere Maßgaben betreffen bauliche Erleichterungen bei der Haltung von Legehennen in Mobilställen mit Freilandhaltung.


Entscheidung liegt beim Bundeslandwirtschaftsministerium

Die Verordnung soll überwiegend am Tag nach Verkündung im Bundesgesetzblatt in Kraft treten, heißt es vom Bundesrat. Damit dies geschehen kann, muss das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft die Änderungsmaßgaben des Bundesrates vollständig umsetzen. Ob und wie schnell dies geschieht, entscheidet das Ministerium.

Die weitestgehende Abschaffung von Kastenständen in der Sauenhaltung durch die Siebte Verordnung zur Änderung der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung hat der Bundestrat auch mit den Stimmen der Brandenburger Koalition aus SPD, CDU und Bündnis 90/Die Grünen beschlossen. Brandenburgs Landwirtschaftsminister Axel Vogel (Grüne) musste eingestehen, dass dieser Kompromiss trotz etlicher positiver Aspekte auch einige Zumutungen für den Tierschutz beinhaltet. "Nach langem Ringen - und hier hat die aktuelle Diskussion über Missstände in der Fleischindustrie keinen geringen Anteil - liegt nun also endlich ein Kompromiss zur Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung vor. Er ist für niemanden optimal. Aber er ist ein Schritt nach vorne. Immerhin wird dadurch erreicht, dass Schweine nach Ablauf der Übergangsfristen weitestgehend in Gruppen gehalten werden müssen", so Vogel. Der Kompromiss läute das Ende des Kastenstands ein und verlange eine verbesserte Ausstattung der Haltebuchten. Damit werde endlich der Systemwechsel hin zu einer artgerechteren Haltungsform eingeleitet. "Aber das Ganze bleibt ein hart errungener Kompromiss, der mit schmerzlichen Zugeständnissen verbunden ist", so Vogel weiter.


Kritik an langen Übergangsfristen | Vogel: "Mehr war nicht zu erreichen"

Kritisiert werden besonders die langen Übergangsfristen für die Umbauten von acht Jahren in den Deckzentren und 15 Jahren im Abferkelbereich. Für den Stallumbau stellt die Bundesregierung 300 Millionen Euro Fördermittel zur Verfügung und prüft eine Fortschreibung des Programms über das Jahr 2021 hinaus. "Diese Mittel sollen, und das ist das Entscheidende, nur Schweinezüchter nutzen können, die ihre Ställe schneller als in der neuen Verordnung vorgesehen umbauen oder deren Umbauten über deren Anforderungen hinausgehen", betonte Vogel. Von Haltung auf Stroh, Außenanreizen bis zur Freilandhaltung sei manches denkbar.

In Brandenburg gebe es bereits einige positive Beispiele bis hin zur Gruppenhaltung. Viele Schweinehalter hätten sich schon auf den Weg zu einer artgerechteren Tierhaltung aufgemacht, so der Minister: "Diese Landwirte wollen wir auch unterstützen."

Vogel ging weiterhin darauf ein, dass viele Tierschutzvereine den vorliegenden Entwurf ablehnen und viele Verbraucher ihn skeptisch betrachten. Gleiches gelte auch für Landwirte und deren Verbände. "Aber wäre es eine gute Alternative, den vorliegenden Kompromiss zur Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung abzulehnen? Ich meine: nein. Was wäre für die Zuchtsauen und den Tierschutz gewonnen, was wäre aber auch für die Schweinezüchter gewonnen, wenn nach einem nach einer Ablehnung erforderlichen Neustart wieder jahrelang verhandelt würde - mit ungewissem Ausgang? Der Kompromiss wurde unter den Ländern und mit dem Bund hart verhandelt, wie allein die mehrfache Verschiebung der Befassung zeigt. Mehr als dieser Kompromiss war in der aktuellen Situation nicht zu erreichen. Jetzt geht es darum, das Beste daraus zu machen", so der Minister abschließend.

Dass die Kastenstandhaltung in Deutschland überhaupt noch erlaubt ist, geht in erster Linie auf die Lobbyarbeit der Züchter zurück. Aber auch Verbraucher, die Fleisch zu immer günstigeren Discounterpreisen fordern, tragen einen nicht unwesentlichen Teil der Verantwortung. Wenn gerade in der aktuellen Grillsaison Schweinesteaks beim Discounter billiger sind als vegetarische Burger, zeigt das, wie sich die Tierzucht weg von der natürlichen Landwirtschaft, hin zu einer Fließbandindustrie entwickelt hat. Nur so können bei fragwürdigen Arbeitsbedingungen auch gehäuft Coronainfektionen auftreten. In Ländern wie Schweden und Großbritannien sind die Kastenstände seit rund 30 Jahren verboten, in der Schweiz seit 23 Jahren. Auch in den Niederlanden, Österreich und Norwegen gibt es Verbote. Das zeigt deutlich, dass die Entscheidung für oder gegen artgerechte Tierhaltung jetzt in erster Linie beim Verbraucher liegt, denn produziert wird, was im Laden verlangt wird.  sg

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