"Eingemauert" Nummer Eins: Kindheit in Klein Glienicke

"Eingemauert" Nummer Eins: Kindheit in Klein Glienicke

Ein Westberliner Polizist (links) und ein Grenzsoldat der DDR begutachten den Abriss der äußeren Mauer an der Straße Am Waldrand in Klein Glienicke. Foto: Klaus D. Fahlbusch

Schwer bewachte Bastion im Babelsberger Norden

An der Königsstraße in Wannsee schaut sich eine Westberlinerin zum ersten Mal den noch bewachten Mauerstreifen an. Foto: Klaus D. Fahlbusch

Potsdam. Zum 30. Jahrestag des Mauerfalls am 9. November hat der BlickPunkt Orte besucht, die vor 30 Jahren nicht oder kaum zugänglich waren. Den Anfang macht in dieser Woche der Babelsberger Ortsteil Klein Glienicke, in dem die Bewohner wie an keinem anderen Ort in der DDR mit der Mauer in ihrem täglichen Leben konfrontiert waren. Die Exklave war nur mit Passierschein zu betreten, selbst Kinder über 14 Jahre benötigten eine solche Erlaubnis.

"Einmal hat ein amerikanischer Hubschrauber eine Abkürzung genommen und Klein Glienicke an der schmalsten Stelle überflogen", erzählt ein Zeitzeuge, damals Schüler, im Rahmen der Open-Air-Fotoausstellung "Erinnerungsmarken", die bis zum Jahresende in Klein Glienicke zu sehen ist. Der örtliche Bürgerverein hat gemeinsam mit dem Potsdamer Fotografen Klaus D. Fahlbusch einen Spaziergang entlang des ehemaligen Mauerverlaufs erarbeitet, der mit Fotos aus der Wendezeit und Zeitzeugen-Interviews verdeutlicht, was es hieß, in dieser hochbrisanten Potsdamer Exklave zu leben.

Genau elf Meter breit war die Wannseestraße an der Stelle, wo der amerikanische Militär-Helikopter eine Abkürzung genommen und den Luftraum der DDR verletzt hat. Mauer auf allen Seiten, das war Alltag für die Bewohner des Ortsteils. Man mag sich gar nicht vorstellen, welche diplomatischen Verwicklungen der Fauxpas der US-Soldaten hätte nach sich ziehen können. Doch die Sache ging trotz sowjetischer Kontrollen aus der Luft glimpflich aus. Fast komplett umgeben von Westberlin, dem weißen Fleck auf DDR-Stadtplänen, war der Vorposten, den Klein Glienicke darstellte, nur schwer zu verteidigen.


Vom Bretterzaun zur Mauer

Inge Waigt hat die ersten 18 Jahre ihres Lebens unmittelbar an der Königsstraße verbracht, die Berlin-Wannsee mit der Glienicker Brücke verbindet. In den 1950er Jahren war das ehemalige Gästehaus des Jagdschlosses Glienicke, in dem ihre Eltern eine Wohnung bezogen hatten, nur durch einem bewachten Bretterzaun von der Straße getrennt. Das änderte sich schlagartig mit dem Bau der Mauer, der das Haus später im Weg stand. Ähnlich erging es Inge Waigts Schule, die ebenfalls zu nah an der Grenze stand. "Wir hatten ein schönes Backstein-Schulgebäude mit neuem Sportplatz", erinnert sich die heute 75-Jährige.

Auch Gisela Ufer besuchte diese Schule, obwohl sie gar nicht in Klein Glienicke wohnte. Jeden Morgen musste sie von Babelsberg aus die Kontrollen an der Parkbrücke über den Teltowkanal passieren, erinnert sie sich. Für die Kinder war das damals so normal wie Wehrübungen während des Unterrichts, die Schüler anderer Potsdamer Schulen gar nicht kannten. Denn das Schulgelände war an drei Seiten von Westberlin umgeben. Rechts und links wohnten die Nachbarn an der nach der Wende wieder hergestellten Straße Am Waldrand auf Westberliner Gebiet, jeglicher Kontakt war verboten. Doch die Nachbarn ließen sich nicht einfach trennen, Blickkontakte, auch über die Mauer hinweg, gehörten zum Alltag.

Inge Waigt erinnert sich auch an den neu eingerichteten Konsum, der das Nötigste für den täglichen Bedarf anbot, um den Menschen das Leben etwas zu erleichtern. Das Haus steht noch heute in der Waldmüllerstraße, einen Laden gibt es dort aber schon lange nicht mehr.Nach dem Mauerbau sollte sich das Leben der Waigts radikal verändern: Hals über Kopf mussten sie 1962 ihre Wohnung verlassen und wurden nach Babelsberg umgesiedelt. Ihr Haus wurde 1975 dem Erdboden gleichgemacht. Auch der Standort der Schule lässt sich heute nur noch erahnen. 41 Häuser, darunter auch die Hälfte der ursprünglich zwölf Schweizerhäuser, mussten dem Mauerbau weichen. Sie standen der Grenze zu nahe, zu häufig hatte es Fluchtversuche gegeben.


Westberliner Polizei hilft bei der Flucht

Einmal, so erzählt man sich in Klein Glienicke, sei eine junge Frau mit einem Kleinkind dort zu Besuch gewesen und habe den Moment genutzt, um zu ihrem bereits geflohenen Mann nach Westberlin zu gelangen. Der hatte die dortige Polizei informiert, die mit Sprungtuch im Wald bereitstand. Die Frau warf zunächst das Kind hinüber, das sich jedoch in den Grenzanlagen verfing. Daraufhin sollen die Westberliner Polizisten in Richtung Grenze geschossen haben, um der Frau und ihrem Kind Schutz zu gewähren. Wie sie es letztlich geschafft haben, die beiden zu retten, ist nicht überliefert, die ahnungslosen Gastgeber jedoch wurden umgehend zum Verhör abgeholt.

Die Fluchtgefahr in der Grenzbastion war immens, deshalb mussten alle Klein Glienicker ständige Kontrollen hinnehmen. Jede Leiter musste nachts mit Kette und Vorhängeschloss gesichert werden. Die Straße Am Waldrand wurde ab 1961 komplett zum Mauerstreifen, in der Wannseestraße verlief die innere Mauer direkt am Bürgersteig. Eine Behelfsstraße aus Betonplatten sicherte den Zugang zu den Wohnhäusern von hinten ab. 1989 führte sie zum ersten "Loch in der Mauer", einem Fußgängerübergang nach Wannsee. Am Böttcherberg mussten die Bewohner sogar einen Teil ihrer Gärten abgeben, damit die Mauer überhaupt Platz fand.

Die heute noch existierende Buckelpiste gleichen Namens sei eigens für die Kübelwagen der Grenzsoldaten angelegt worden, erzählt Klaus Rudzki. Ihm wurde im Oktober 1989, weniger als vier Wochen vor dem Mauerfall, ein Haus in dieser Waldrandlage zur Verfügung gestellt. "Wer hier herzog, war bald weg, das wussten sie ganz genau", sagt Rudzki zurückblickend mit einem verschmitzten Lächeln. Er selbst hatte das aber gar nicht vor. Ein guter Handwerker sei er gewesen, deshalb habe ihm die Wohnraumlenkung ein ganzes Haus gegeben.


Ballons illuminieren den Mauerverlauf

Die Zeitzeugenberichte können bis zum Jahresende an 17 Stationen entlang des ehemaligen Mauerverlaufs mithilfe eines Smartphones mit QR Code Reader abgerufen und angehört werden. Ute Manoloudakis, Marie Kogge, Ebba Augustin und Catrin Röcker vom Bürgerverein wollen das Leben in ihrem Ortsteil 30 Jahre nach dem Mauerfall jedoch noch weiter verdeutlichen. Dazu dient eine zweite Ausstellung, die am 9. und 10. November im Kammermusiksaal "Havelschlösschen" in der Waldmüllerstraße 3 zu sehen ist. Auch hier werden Aufnahmen von Klaus D. Fahlbusch gezeigt. Gleichzeitig öffnet die Künstlerin Ute Manoloudakis ihr Atelier in der Straße Am Waldrand 15 und zeigt Bilder zum Thema "30 Jahre Mauerfall - Die ewige Sehnsucht nach Freiheit". Mit Einbruch der Dunkelheit wird der Mauerverlauf mit beleuchteten Ballons illuminiert.

Klaus D. Fahlbusch hat gemeinsam mit Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe und Georg Hollaz zum 30. Jahrestag des Mauerfalls den Fotoband "Berlin Wall Stories" mit Bildern der Berliner Mauer aus den Jahren 1989/90 veröffentlicht. Er ist ab 6. November in der Buchhandlung Wist, Dortustraße 7, erhältlich. Klaus D. Fahlbusch ist an diesem Tag ab 13 Uhr vor Ort und signiert seine Bücher auf Wunsch. Am 7. November um 18 Uhr wird zudem die Ausstellung "Halt - Grenzgebiet" mit Bildern des Potsdamer Fotografen in der Stadt- und Landesbibliothek eröffnet.  Sabine Gottschalk

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