Ruhe sanft und werde Eins mit der Natur

Ruhe sanft und werde Eins mit der Natur

Wie ein kleiner Park präsentiert sich der „Garten der Erinnerung“ auf dem Neuen Friedhof an der Heinrich-Mann-Allee. Fotos (2): Sabine Gottschalk

Gemeinschaftsanlagen auf Potsdamer Friedhöfen werden immer beliebter

Günther Butzmann ist seit 33 Jahren Herr über die städtischen Friedhöfe der Landeshauptstadt.

Potsdam. Immer häufiger leben Familienmitglieder weit voneinander entfernt. Nicht selten werden die Eltern nur wenige Male im Jahr besucht und dann ist die Zeit für Gespräche begrenzt. Über unangenehme oder gar traurige Themen möchte man sich während der knappen Begegnungen nicht unterhalten. Doch was, wenn der Vater oder die Mutter stirbt und keine Vorkehrungen getroffen wurden?

"Viele ältere Menschen haben sich seit Jahren für eine Waldbestattung entschieden, um ihren Kindern die Kosten und Mühen der Grabpflege zu ersparen", erzählt Günther Butzmann. Ihm unterstehen alle städtischen Friedhöfe in Potsdam. Um diesen Senioren, die sich zu Lebzeiten etwas anderes als ein mehr oder weniger anonymes und vor allem schmuckloses Grab unter einem Baum gewünscht haben, eine Alternative zu bieten, hat sich die Friedhofsverwaltung im Mai 2012 entschieden, auf dem Neuen Friedhof an der Heinrich-Mann-Allee den ersten so genannten "Garten der Erinnerung" Brandenburgs einzurichten.

Die Idee ist einfach: In einem fest definierten Bereich werden Grabstellen für Urnen und Särge bereitgestellt, die nach und nach vergeben werden. Jedoch nicht wie bei Reihengräbern: Hier kann sich jede Familie aussuchen, wo die Angehörigen beigesetzt werden. Der gesamte "Garten" ist wie ein kleiner, leicht hügeliger Park mit geschwungenen Wegen angelegt und mit Gehölzen, Stauden und Bodendeckern bepflanzt. Und das schon bevor die ersten Bestattungen stattfinden.


Günstiger und dauerhaft gepflegt

Gewählt werden kann ein Platz im Urnenhain für eine einzelne Urne, eine Urnenwahlstelle für bis zu vier Urnen oder eine Erdwahlstelle für einen Sarg. Damit soll Familien, die keine Möglichkeit haben, ein Grab selbst zu pflegen, ein würdiger Ort der Besinnung und des Abschiednehmens geboten werden. Denn wer einen Angehörigen im Garten der Erinnerung beisetzen lässt, kauft die Pflege gleich mit und braucht sich für die Dauer der Liegezeit - bei Urnen 20 Jahre, bei Särgen 25 Jahre - um nichts mehr zu kümmern.

Die ganze Anlage sieht jahrein, jahraus sauber gepflegt aus und lädt wie ein kleiner Park zum Verweilen ein. Dabei sind die Grabstellen hier keineswegs anonym, sondern tragen jeweils einen Grabstein mit Inschrift, der bei Einzel- oder Familiengrabstellen individuell ausgesucht und gestaltet werden kann. Nur bei den Urnenhainen, in denen Urnen unterschiedlicher Familien im Abstand von 20 bis 30 Zentimetern liegen, sind auch die Steine alle gleich gestaltet, hier allerdings auch in der Nutzungsgebühr von 704 Euro inbegriffen.

Eine Grabstelle im Garten der Erinnerung sei mit 750 Euro Nutzungsgebühr und 2.620 Euro für die Pflege eines Einzelgrabs für 20 Jahre zwar teurer als ein Baumgrab, aber auch deutlich weniger anonym, sagt Günther Butzmann. Für viele Familien sei es eine Erleichterung zu wissen, dass die sterblichen Überreste ihrer Angehörigen gut aufgehoben sind und sie jederzeit einen schönen und würdigen Ort zur Trauer vorfinden. Da erstaunt es wenig, dass nun schon die dritte Erweiterung der Gemeinschaftsfläche im Bau ist.


Bienenweide durch regionaltypische Pflanzen

Letztlich sei es auch deutlich günstiger als wenn zur Pflege eines einzelnen Familiengrabs ein Friedhofsgärtner individuell beauftragt würde, so Butzmann weiter. Andererseits muss bei der Gemeinschaftsanlage der volle Betrag für die 20-jährige Pflege zusammen mit dem Nutzungsentgelt und den Beerdigungskosten, die der Bestatter in Rechnung stellt, auf einmal gezahlt werden. Auf die Frage, ob das vielen Potsdamern nicht zu teuer sei, kontert der Fachmann, das Geld sei durchaus vorhanden, in vielen Fällen sei ein günstigeres Baumgrab tatsächlich aus falscher Scham gewählt worden, weil man die Nachkommen nicht belasten wollte. Das belegen die steigenden Anfragen für den Garten der Erinnerung. Zudem, so Butzmann, gebe es auch immer mehr Sterbeversicherungen, die für die Kosten genutzt werden können.

Ein Problem kann der Garten der Erinnerung allerdings nicht lösen: Viele Potsdamer sind in ihren Kiezen fest verwurzelt und wollen auch dort beerdigt werden. Da es vermehrt Nachfragen aus Babelsberg gab, hat sich die Friedhofsverwaltung entschieden, auch dort eine Gemeinschaftsfläche einzurichten. Ab Anfang August können in Babelsberg die ersten Bestattungen stattfinden. Bei der Bepflanzung richten sich die Gärtner nach den bereits vorhandenen Gehölzen. Rhododendron, Taxus und Thuya stehen in Babelsberg im Vordergrund, es wird aber auch auf eine ausgewogene Bienenweide geachtet. Denn Imker nutzen die Friedhöfe gern für ihre Bienenstöcke und sorgen damit für ein ausgewogenes Ökosystem. Um das auch nach der Beerdigung aufrecht zu erhalten und zu verhindern, dass nach 20 Jahren sterbliche Überreste geborgen werden müssen, empfiehlt Günther Butzmann mittlerweile Urnen aus Maisstärke, die sich im Laufe der Jahre selbst auflösen. sg


Weitere Informationen zu den Gärten der Erinnerung auf Potsdamer Friedhöfen gibt es auf www.dauergrabpflege-brandenburg.de

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