Lit:potsdam 2019: Positive Bilanz

Lit:potsdam 2019: Positive Bilanz

Robert Menasse las im Hans Otto Theater aus seinem Roman „Die Hauptstadt“ und sprach mit Eva Menasse und Marion Brasch (von links). Foto: Anja Rütenik

5.000 Menschen besuchten das Potsdamer Literaturfestival | Stargast Robert Menasse

Robert Menasse (links) im Gespräch mit Denis Scheck im Garten der Villa Jacobs. Foto: Anja Rütenik

Potsdam.

Die Veranstalter ziehen eine positive Bilanz der siebten Ausgabe des Literaturfestivals Lit:potsdam, das vom 14. bis 19. Mai in der Landeshauptstadt stattfand. Insgesamt wurden laut dem Verein lit:pots rund 5.000 Besucher gezählt, davon 1.200 Schüler in 44 Schulklassen. Die meisten Veranstaltungen seien ausverkauft gewesen. Auf dem Programm standen in diesem Jahr wieder Lesungen an besonderen Orten in Potsdam, Diskussionen, Schulworkshops, ein Kinder- und Jugendprogramm sowie der Büchermarkt in der Schiffbauergasse am Festivalsonntag.

Writer in residence war in dieses Mal der Österreichische Schriftsteller Robert Menasse. Mit seinem Roman "Die Hauptstadt" habe er "bewiesen, dass man Europa auch ästhetisch erzählen kann", sagte Literaturkritiker Denis Scheck am vergangenen Freitag bei der Festveranstaltung im Garten der Villa Jacobs über den Österreicher. Dieser wiederum sprach sehr offen über das Schreiben und seine Kindheit. Er habe mit dem Lesen von Romanen angefangen, um wenigstens mit dem Kopf aus dem Internat herauszukommen, so Menasse. Für seinen Brüssel-Roman habe er sich gefragt, wie das funktioniere, dass in einer einzigen Stadt dem Anspruch nach Dinge für den ganzen Kontinent geregelt werden. "Ich habe Hochachtung bekommen vor diesen Menschen", sagte er über jene, die in Brüssel die Geschicke Europas leiten.

Weniger hochachtungsvoll sprach der 64-jährige selbsternannte "Zeitungs-Junkie" über Journalisten. "Altpapierproduzenten" nannte er diese und spielte damit im Zusammenhang mit dem Skandal, der Menasse Anfang des Jahres mit voller Breitseite getroffen hatte, als gerade der Journalist Claas Relotius mit seinen erfundenen Reportagen aufgeflogen war. Damals hatte es in der Presse einen Aufschrei gegeben, weil Menasse dem Politiker Walter Hallstein einen Satz in den Mund gelegt hatte, den der wörtlich nicht gesagt hatte. Wohl sei das aber die Kurzform dessen, was Hallstein über Europa gesagt habe: Dass die Überwindung des Nationalismus die Grundidee von Europa ist.

"Ich bin nicht bereit, mich Lügner nennen zu lassen, und das wegen ein paar Gänsefüßchen", betonte der Autor auch bei der Matinée im Hans Otto Theater, bei der Menasse am Sonntag erstmals gemeinsam mit seiner Schwester Eva Menasse - ebenfalls Schriftstellerin - auf der Bühne zu erleben war. Beide haben bereits zahlreiche Auszeichnungen erhalten.

Eva und Robert Menasse erzählten vom Schreiben und sprachen über Familienbande. Die Beziehung des 64-Jährigen zu seiner 16 Jahre jüngeren Schwester habe sich vor allem durch ihren Briefwechsel vertieft. Viele Bücher, die ihr Bruder ihr empfohlen habe, etwa Ulrich Bechers "Murmeljagd", gehören immer noch zu ihren liebsten, berichtete Eva Menasse. Sie trug einen Ausschnitt aus ihrem Debütroman "Vienna" von 2005 vor, der an die eigene Familiengeschichte angelehnt ist.

Sie baue ihre Romane vor allem auf die Charaktere auf, erzählte Eva Menasse. Robert Menasses Überlegung beim Schreiben sei, was er von seiner Epoche erzählen könne, so dass sich die Zeitgenossen darin erkennen und spätere Generationen sie verstehen. "Ich hab immer nur verstehen wollen: die Welt", sagte er. Dem Publikum gab er jedoch folgenden Ratschlag: "Es ist sehr leidvoll, einen Roman zu schreiben - Tun Sie es nicht!"   rue

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