Neuer Erinnerungspfad: Leben im Sperrgebiet

Neuer Erinnerungspfad: Leben im Sperrgebiet

Sabine und Gunter Reinhold neben der ersten der acht Stelen an der Villa Schöningen, in der Sabine ihre Kindheit verbrachte und in der die beiden bis zu ihrem Ausreiseantrag auch gemeinsam wohnten. Den neuen Erinnerungspfad halten die Reinolds für sehr wichtig, damit die Erinnerung an die Geschichte der deutschen Teilung mit all ihren Konsequenzen nicht verloren geht. Foto: Sabine Gottschalk

"Mit einem Mal war Schluss" | Eine Kindheit in der Villa Schöningen

Vor der Villa Schöningen im Jahr 1955: Familie Kemper auf dem Weg zur Taufe von Tochter Sabine. Foto: Privat

Potsdam. Am Jungfernsee gibt es einen neuen Erinnerungspfad. Acht Stelen erläutern mithilfe von Fotos und Texten das Leben im ehemaligen Grenz- und Sperrgebiet und geben einen Einblick in eine Zeit, die viele junge Potsdamer und Besucher der Stadt nur noch aus Erzählungen kennen. Ausgearbeitet wurde die Schau, die am Mittwoch offiziell eröffnet wurde, von der Historikerin Florentine Schmidtmann vom Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZFF).

Doch das Projekt ist erweiterungsfähig: Auf der Webseite www.grenze-potsdam.de gibt es schon jetzt zahlreiche Informationen, für die der Platz auf den zweisprachig Deutsch und Englisch beschrifteten Stelen nicht reichte. Dort sollen weitere Zeitzeugenberichte veröffentlicht werden, um die Geschichte der deutschen Teilung wach zu halten.

Zeitzeugin ist auch Sabine Reinold. Sie ist unter dem Dach der Villa Schöningen aufgewachsen. Ihre Mutter, im damaligen Potsdam als "Mama Kemper" bekannt, war ab Anfang der 1950er Jahre Leiterin des Kinderwochenheims, das hier direkt an der Glienicker Brücke untergebracht war. Bis 1985 wohnte auch die Tochter in der Villa, dann stellte die damals 30-Jährige gemeinsam mit ihrem Ehemann Gunter Reinold einen Ausreiseantrag und musste das Grenzgebiet verlassen. Erst im Juli 1989 konnten die beiden mit ihrer Tochter tatsächlich nach Schleswig-Holstein übersiedeln. Die Kindheit mitten im Sperrgebiet hat sie jedoch nie vergessen.


Kindheit zwischen Grenzsoldaten und Absperrungen

Während ihrer Zeit in der Villa Schöningen sei es schwer gewesen, Besuch von Freunden oder von der Familie zu bekommen, erzählt Sabine Reinold, die an diesem außergewöhnlichen Ort aufgewachsen ist und insgesamt 30 Jahre in dem Haus gewohnt hat. Nur zu besonderen Anlässen seien überhaupt Passierscheine ausgegeben worden. Und weil die Anträge Wochen zuvor gestellt werden mussten, konnten sie und ihr Ehemann Gunter, der nach der Hochzeit ebenfalls in die Villa eingezogen ist, im Geburtsjahr ihrer Tochter gar keinen Besuch bekommen, da alle drei Geburtstage im gleichen Monat zusammenfielen.

Ein anderes Mal tauchten spontan Familienangehörige aus Thüringen  ohne Passierschein auf. Mit viel Überzeugungskraft konnte Sabine Reinold sie zwar an den Grenzsoldaten vorbei bis ins Haus holen, doch als sie ihnen dann den Blick von der Dachterrasse über die Grenzanlagen in den Westen zeigen wollte, war der Spaß vorbei, denn vom Wasser aus wurde ebenfalls kontrolliert.

Bis heute erinnert sich die 64-Jährige an diese zum Teil sehr bittere Zeit, in der sie trotzdem eine Kindheit mit Freiheiten genießen konnte. Anfangs fuhr die Familie noch über die Glienicker Brücke zur Verwandschaft nach West-Berlin, doch die Ausflüge nahmen mit dem Bau der Mauer 1961 ein jähes Ende. Am Jungfernsee hingegen wurden die Grenzanlagen erst nach und nach verstärkt.

Sabine Reinold konnte von ihrer Wohnung aus jede Veränderung beobachten und West-Verwandten auf Ausflugsdampfern zuwinken. Sie sah auch, wie dort, wo heute eine Grünanlage ist, ein noch bis 1977 von dem Filmregisseur Lothar Warneke bewohntes Haus abgerissen wurde, um den Kontrollstreifen zu verstärken. Nach der Wende wurde es nie wieder aufgebaut. Trotz der widrigen Lebensbedingungen hatten die Reinolds nach ihrer Ausreise immer Heimweh nach Potsdam. 20 Jahre später sind sie in die Stadt zurückgekehrt und leben dort bis heute.  sg


Weitere Informationen und Kontaktaufnahme für Zeitzeugen über die Webseite www.grenze-potsdam.de

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