Von wegen „preußischer Schreibonkel“

Von wegen „preußischer Schreibonkel“

Fontane-Experte: Iwan-Michelangelo D‘Aprile ist Professor für „Kulturen der Aufklärung“ an der Universität Potsdam. In seinem jüngsten Werk setzt er das Leben und Werk des berühmtesten brandenburgischen Schriftstellers in den historischen Kontext. Foto: Anja Rütenik

Kulturhistoriker Iwan-Michelangelo D‘Aprile hat eine vielgelobte Fontane-Biographie verfasst

Potsdam.

Mit dem Ende vergangenen Jahres erschienenen Buch "Fontane. Ein Jahrhundert in Bewegung" hat der Kulturhistoriker Iwan-Michelangelo D'Aprile eine vielgelobte Biographie vorgelegt, die das Leben und Werk des berühmtesten brandenburgischen Schriftstellers erstmals in den historischen Kontext stellt.

"Ich wollte Fontane entstauben", erklärt Iwan-Michelangelo D'Aprile, der an der Universität Potsdam eine Professur für "Kulturen der Aufklärung" innehat, seine Beweggründe, eine Biographie des berühmtesten märkischen Schriftstellers zu schreiben. "Der Eindruck, der von ihm herrscht, ist unberechtigt." Mit seinem Buch will der Professor für "Kulturen der Aufklärung" weg vom Bild des "preußischen Schreibonkels. Das Neue an Iwan-Michelangelo D'Apriles mehr als 500 Seiten starker Fontane-Biographie ist, dass sie das Leben und Wirken des Romanciers untrennbar mit den Ereignissen des 19. Jahrhunderts verbindet. Dass D'Aprile eine andere Form der Biographie finden wollte, sieht der Leser schon an der Gestaltung des Buchumschlags - nicht das Konterfei des Romanciers ziert den Titel, sondern ein Gemälde, das eine Eisenbahn zeigt.

Medienprofi und Pauschaltourist

Die Botschaft: Erst vor dem Hintergrund der rasanten Entwicklungen im Bereich der Mobilität - etwa dem Aufkommen der Eisenbahn - , dem Entstehen der Presselandschaft und weiteren Umbruchsprozessen soll Fontane wirklich zu verstehen sein. Aus dieser Perspektive wirkt der Schriftsteller erstaunlich modern: So war er ein echter Medienprofi und einer der ersten Pauschalreisenden und zählte zu den damals wenigen Journalisten ohne akademischen Hintergrund. Zudem war Fontane quasi das Pendant der heutigen jungen Leute, die "etwas mit Medien" machen wollen. Als selbstbetitelter "Tagelöhner mit dem Geiste" hangelte er sich wie viele Journalisten heute von Auftrag zu Auftrag, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. "Er war eher Projektemacher statt literarischer Klassiker", fasst D'Aprile zusammen. Und da war Fontane ganz pragmatisch: Fand eine Skizze zu einem Buch keinen Interessenten, verschwand sie in der Schublade.

Seit 2008 arbeitet Iwan-Michelangelo D'Aprile, der in Berlin geboren wurde und dort heute noch lebt, an der Universität Potsdam. Noch länger schon interessiert er sich für Theodor Fontane und gibt Seminare zum Thema. So hat er sich gemeinsam mit seinen Studenten schon dessen Berlin-Romanen, den "Wanderungen" und "Fontane als Historiker" gewidmet. Die meisten Studenten kennen anfangs kaum etwas von Fontane, sagt er: "Oft sind sie dann aber überrascht". Seine eigene erste Begegnung mit dem Romancier hatte D'Aprile zu Schulzeiten, "bestimmt mit Effi Briest", ganz sicher ist sich der 50-Jährige aber nicht mehr.

Während der Arbeit an dem Buch habe er viele neue Seiten an Fontane entdeckt und so manches eigene Vorurteil abgelegt, erzählt Iwan-Michelangelo D'Aprile. Überrascht habe ihn, dass sich der Schriftsteller trotz der Abhängigkeit von Aufträgen und Arbeitgebern eine gewisse Widerspenstigkeit bewahrt habe. Und auch neue Fragestellungen haben sich ergeben, die der Kulturhistoriker noch weiter erforschen möchte.

Positive Resonanz von allen Seiten

Etwa zweieinhalb Jahre hat der Kulturhistoriker an dem Buch gearbeitet, davon anderthalb Jahre hauptsächlich gelesen, der Schreibprozess dauerte etwa ein Jahr. Herausgekommen ist ein Buch, das vollgepackt ist mit Fakten, Namen und Ereignissen, sich aber dennoch auch für Laien gut liest. Das war durchaus beabsichtigt, so der Autor. Aber: "Ich wollte mich natürlich auch nicht vor meinen Fachkollegen blamieren", fügt Iwan-Michelangelo D'Aprile hinzu.

"Fontane. Ein Jahrhundert in Bewegung" wurde vom Feuilleton sowie von Fachleuten und dem Publikum gut aufgenommen. "Pures, erkenntnisgesättigtes Vergnügen" vermittle diese "gebührende Würdigung Fontanes" mit seiner "Originalität und Frische, Meinungsfreudigkeit und Aufgeschlossenheit", schrieb die "Welt". Fontane.200-Projektleiter Hajo Cornel bezeichnete die Biographie kürzlich sogar als das Buch zum Fontanejahr.

In ganz Deutschland stellt Iwan-Michelangelo D'Aprile derzeit sein Werk bei Lesungen vor. Im Fontanejahr freut sich der Germanist besonders auf den Mitte Juni in Potsdam stattfindenden Kongress "Fontanes Medien", dem mit rund 200 Teilnehmern aus aller Welt größten Fontane-Kongress aller Zeiten, wie Hajo Cornel ankündigte. Viele der unzähligen Programmpunkte des Fontanejahrs interessieren ihn, und das eine oder andere Mal wird der Germanist sozusagen auch dienstlich dabei sein: Etwa am 26. Mai im Museum Neuruppin, am 14. Juni im Bildungsforum Potsdam und am 29. August im Theodor-Fontane-Archiv Potsdam, wo D'Aprile jeweils an Gesprächen über Fontane teilnehmen wird. Am 13. Oktober hält der Professor im Hans Otto Theater einen Vortrag im Rahmen der Reihe "Liebes-und Ehegeschichten im Romanwerk Theodor Fontanes".   rue

„Fontane. Ein Jahrhundert in Bewegung“ von Iwan-Michelangelo D’Aprile ist im Rowohlt Verlag erschienen, hat 544 Seiten und kostet 28 Euro.

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