Zweigeteilte Stadt: Wie Potsdam und Babelsberg zueinander fanden

Zweigeteilte Stadt: Wie Potsdam und Babelsberg zueinander fanden

Noble Bürgerwohnung aus Potsdam und Arbeiterwohnung in Babelsberg: Museumsdirektorin Jutta Götzmann (links) und Kuratorin Wenke Nitz wollen Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten der beiden Stadthälften hervorheben. Foto: Sabine Gottschalk

Potsdam Museum zeigt kulturhistorische Ausstellung zum 80. Jubiläum der Stadtfusion

Potsdam. "Ich fahre mal eben nach Potsdam", sagt eine Babelsberger Kollegin gern, wenn sie zu einem Termin auf die andere Seite der Havel aufbricht. Wer länger in der Stadt wohnt und Ur-Babelsberger kennt, wird diesen Satz schon gehört haben. Und weil die Differenzen in der durch den natürlichen Wasserlauf geteilten Stadt symptomatisch, die Geschichte zwischen 1918 und 1945 aber wenig erforscht ist, widmet das Potsdam Museum der Entwicklung beiderseits der Havel in den für Deutschland so entscheidenden Jahren zwischen 1914 und 1945 bis zum 23. Juni eine kultur- und kunsthistorische Ausstellung.

Mehr als 200 einzigartige Objekte und fast 300 zum Teil unveröffentlichte, historische Fotografien hat Kuratorin Wenke Nitz seit 2015 für diese Sonderausstellung zusammengetragen. Während der langen Archivrecherchen habe sie selbst viel über die Unterschiede zwischen der konservativen, sehr stark vom Militär geprägten Residenzstadt Potsdam und dem als "rot" verschrieenen Industriestandort Nowawes gelernt, sagt die Kunsthistorikerin. Die Gegensätze zwischen den beiden Orten seien Sinnbild für die "gespaltene" Weimarer Republik, fügt sie hinzu.

Das zeige sich auch in der Haltung des Potsdamer Bürgermeisters Arno Rauscher (DNVP), der sich Anfang der 1920er Jahre weigerte, die schwarz-rot-goldene Fahne der Republik aufzuhängen und trotz eines langen Rechtsstreits mit dem SPD-geführten Innenministerium weiterhin Preußenfarben zeigt, während in Nowawes schon ein starker kommunistischer Jugendverband existiert.

Zu Beginn der 1930er Jahre zeigt sich in der Garnisonstadt Potsdam deutlich der Einfluss der immer erfolgreicher werdenden Nationalsozialisten. Ein Treffen des Reichsjugendrings im Oktober 1932 lockt weit mehr als 70.000 Teilnehmer in die Stadt. Die Gruppe ist so groß, dass die gesetzliche Auflage des Fahnenverbots nicht mehr durchgesetzt werden kann. Rote Hakenkreuzfahnen an Privathäusern und öffentlichen Gebäuden, aber auch bei Umzügen in der Stadt zeigen den Beginn der dunkelsten Epoche deutscher Geschichte.

Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts existierten jenseits der Havel im Landkreis Teltow die beiden Gemeinden Neuendorf und Nowawes nebeneinander. 1907 wurden sie unter dem Namen Nowawes zusammengelegt, bis 1924 war die Gemeinde so weit gewachsen, dass sie Stadtrechte bekam. Gut für den Landkreis Teltow, der durch die Schaffung Groß-Berlins 1920 zahlreiche zahlungskräftige Gemeinden verloren hatte.

Am 1. April 1938 erfolgte schließlich die Zusammenlegung mit der schicken Villenkolonie Neubabelsberg und die Umbennenung in Babelsberg. Der böhmische Name Nowawes war den Nazis zu undeutsch. Doch das neue Babelsberg sollte nur kurz eigenständig bleiben: Bereits ein Jahr später, am 1. April 1939 wurden die Residenzstadt Potsdam und die Handwerkerstadt Babelsberg zusammengelegt und bilden seither eine Stadt. Doch bis heute, 80 Jahre nach der Fusion, lebt die Eigenständigkeit der beiden Stadtteile in den Köpfen vieler Bewohner weiter.

Neben den kulturhistorischen Aspekten, die auch Besucher interessieren werden, die keine reine Kunstausstellung ansehen würden, zeigt das Museum im Untergeschoss zahlreiche Darstellungen der Stadt aus der damaligen Epoche. Etwas kurz kommt dabei allerdings Babelsberg, denn hier lebten aufgrund der historischen Entwicklung deutlich weniger bildende Künstler. Kuratorin Wenke Nitz und Museumsdirektorin Jutta Götzmann rufen in diesem Zusammenhang dazu auf, heimische Dachböden nach eventuell längst in Vergessenheit geratenen Darstellungen aus dieser Zeit zu durchsuchen, die nicht nur der Forschung dienen, sondern über das Museum auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden könnten. sg
"Umkämpfte Wege der Moderne. Geschichten aus Potsdam und Babelsberg 1914-1945", Potsdam Museum, täglich außer montags ab 10 Uhr, umfangreiches Begleitprogramm, auch im Filmmuseum, www.potsdam-museum.de

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