Neue Publikation zum Potsdamer Polizeigefängnis vorgestellt

Neue Publikation zum Potsdamer Polizeigefängnis vorgestellt

Die Leiterin der Gedenkstätte Lindenstraße 54, Uta Gerlant (links), hat mit Innenminister Karl-Heinz Schröter und Potsdams Bildungdezernentin Noosha Aubel die neue Publikation vorgestellt. Foto: Sabine Gottschalk

Zeitzeugenberichte machen Geschichte begreifbar

Potsdam. Im Dezember 2017 hat die Gedenkstätte Lindenstraße 54 eine bemerkenswerte Ausstellung zum ehemaligen Polizeigefängnis der NS-Zeit in der Priesterstraße eröffnet, das in der Folge vom DDR-Regime weitergenutzt wurde. Die Straße wurde später nach dem nahen Bauhof benannt und ist heute die Henning-von Treskow-Straße. Einen Polizeistandort gibt es dort bis heute, die restlichen Gebäude werden inzwischen von Landesministerien genutzt. Vom Polizeigefängnis selbst ist nichts mehr übrig, es wurde 2002 zugunsten eines Parkplatzes komplett abgerissen.

Dennoch haben an diesem historischen Ort und am nicht weniger historischen 9. November Innenminister Karl-Heinz Schröter, Potsdams Kulturbeigeordnete Noosha Aubel und die Leiterin der Gedenkstätte Lindenstraße, Uta Gerlant, eine Publikation vorgestellt, die nach der mittlerweile beendeten Ausstellung entstanden ist. Denn es haben sich tatsächlich einige Zeitzeugen gemeldet, die über ihre Erlebnisse oder die ihrer Vorfahren berichten konnten.

Einer von ihnen ist der Düsseldorfer Hans Christoph von Rohr, der zur Buchpräsentation nach Potsdam gekommen ist. Sein Vater Hansjoachim von Rohr, selbst 1933 Staatssekretär im Reichsernährungsministerium, hatte Glück: Er wurde im Zuge der Verhaftungen nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 im Potsdamer Polizeigefängnis inhaftiert, konnte aber durch beherztes Eingreifen seiner viel jüngeren Ehefrau wieder freikommen. Von Rohr erzählte am Freitag, wie seine Mutter dem Vater ein Geburtstagsgeschenk ins Gefängnis bringen wollte, aber nicht zugelassen wurde.


Gefährlicher Einsatz einer jungen Mutter

Mithilfe von Mitfahrgelegenheiten machte sie sich auf den Weg nach Berlin ins Reissicherheitshauptamt in der Prinz-Albrecht-Straße, heute Ort der Ausstellung "Topographie des Terrors", ahnte allerdings nicht, in welche Gefahr sie sich begeben hatte und zu wem sie ins Auto gestiegen war. Der Leiter der Gestapo, Heinrich Müller persönlich, hatte die junge Frau mitgenommen. Ihm erzählte sie vom Schicksal ihres Mannes. Ob es ein Augenblick des Mitgefühls oder Achtung vor dem Einsatz der jungen Mutter war, weiß von Rohr bis heute nicht. Überliefert ist jedoch, dass Müller, der als einer von 15 Teilnehmern der Wannseekonferenz auch direkt an der Judenvernichtung beteiligt war, einen Brief nach Potsdam geschickt hat und die Haftbedingungen für den Vater daraufhin erleichtert wurden.

Um ihrem Mann doch noch ein kleines Geschenk machen zu können, habe sich seine Mutter wenig später an den Kantor der Garnisonkirche gewandt und ihn gebeten, die Lieblingslieder seines Vaters zu spielen, die bis in das nahegelegene Gefängnis zu hören waren, erzählt Hans Christoph von Rohr. Mit solchen Berichten wird die Geschichte erlebbar und lässt sich vermitteln, sagte auch Noosha Aubel sichtlich beeindruckt. Innenminister Karl-Heinz Schröter verwies auf die Worte August Bebels "Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten". Aus diesem Grund freut sich die Gedenkstätte Lindenstraße über weitere Berichte von Zeitzeugen, die entweder selbst in der DDR im Polizeigefängnis einsaßen oder Vorfahren hatten, die vor 1945 von der Gestapo dort inhaftiert wurden. Denn die Aufarbeitung sei noch lange nicht beendet, so Uta Gerlant. sg


Das Buch "Sechs Wochen sind fast wie lebenslänglich..." mit Zeitzeugenberichten und zahlreichen Fotos ist für 6 Euro in der Gedenkstätte Lindenstraße 54 erhältlich.

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