Geheime Briefpost

Geheime Briefpost

Rund 1.000 Briefe an die letzte deutsche Kaiserin Auguste Victoria sind in einem bislang ungeöffneten, in einer Kammer verborgenen Schrank im Neuen Palais entdeckt worden. Die Privatkorrespondenz aus den frühen 1880er Jahren stammt größtenteils von der Familie der damaligen Prinzessin aus Holstein und soll Historikern bald neue Erkenntnisse über ihr Leben bringen. Fotos (2): Sabine Gottschalk

Korrespondenz der letzten Kaiserin im Neuen Palais entdeckt

Hinter der Holzvertäfelung der kaiserlichen Ankleidezimmers versteckt sich eine winzige Kammer mit Schiebetür, darin der Juwelentresor (unten) und der darüberliegende Geheimschrank.

Potsdam. Manchmal erleben auch erfahrene Kunsthistoriker Überraschungen und machen Entdeckungen, von denen sie nicht zu träumen gewagt hätten. So erging es dem Kurator der Ausstellung "Kaiserdämmerung", die zurzeit im Neuen Palais zu sehen ist. Bei dem Versuch, den Schmucktresor der letzten deutschen Kaiserin Auguste Victoria (1858 - 1921) zu öffnen und für das Publikum sichtbar zu machen, stießen die Mitarbeiter der Schlösserstiftung auf ein Geheimfach, dessen Existenz bislang unbekannt war.

Hinter einer einfachen Holztür kamen so etwa 1.000 Schriftstücke aus der Privatkorrespondenz der jungen Regentin zum Vorschein, alles ordentlich sortiert, datiert und in großen, versiegelten Umschlägen in Kisten und Mappen verpackt. Der Fund sei bedeutender als ein Juwelenfund, erklärte der Direktor Schlösser und Sammlungen, Samuel Witwer, sichtlich begeistert, am Dienstag bei der offiziellen Vorstellung des Fundes.

Kurator Jörg Kirschstein hofft nun, durch die Aufarbeitung der Briefe, die einige Jahre in Anspruch nehmen wird, neue Erkenntnisse zum Leben der damals noch jungen Ehefrau des Kaisers zu erhalten. Die Briefe stammen größtenteils von der holsteinischen Familie Auguste Victorias, wurden in den Jahren 1883 bis 1886 geschrieben und vermutlich nach dem Umzug des Paares aus dem Berliner Schloss ins Neue Palais einfach vergessen. Erste Briefe wurden bereits gelesen, Hilfe soll nun vom Preußischen geheimen Staatsarchiv aus Berlin kommen.

Wegen zunächst ungeklärter Besitzverhältnisse, aber auch aus Pietät seien die Briefe, die schon Anfang Juni entdeckt wurden, zunächst weder geöffnet, noch der Öffentlichkeit vorgestellt worden, sagte Samuel Witwer. Auch in Zukunft werde man die Siegel der Umschläge, in denen Auguste Victoria ihre Korrespondenz aufbewahrte, nicht brechen, sondern stattdessen das Papier vorsichtig aufschneiden. Der bedeutende Fund soll dann mit Unterstützung zahlreicher Historiker des Staatsarchivs entziffert werden, was, so Witwer, den Forschern ein gewisses Einlesen abverlange.

Denn vor der Einführung der vereinfachten Sütterlinschrift in preußischen Schulen ab 1915 hatte sich die deutsche Handschrift sehr individuell entwickelt. Es wird deshalb einige Zeit brauchen, bis Wissenschaftler und dann vielleicht auch die Öffentlichkeit erfahren, was sich Auguste Victoria und ihre Schwestern Karoline Mathilde, genannt "Calma" (1860-1932), und Louise Sophie, "Jaja" genannt (1866-1952) zu erzählen hatten.

Weitere Briefe in der ersten, bereits geöffneten Kiste aus dem Jahr 1886 stammen unter anderem von der Schwiegermutter und vom Erzieher Kaiser Wilhelms II., Georg Hinzpeter. Die zweite Transportkiste aus dem Jahr 1888 ist bislang noch verschlossen. Ihre Beschriftung besagt, dass es sich ausschließlich um Briefe handelt, die die Geburt und die Erziehung der ersten fünf Söhne Auguste Victorias thematisieren. Die Entdeckeung sei ein wenig wie eine "Suche auf Omas Dachboden", erklärte Samuel Witwer.  sg

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