Radikal neues Theater

Radikal neues Theater

Eine Sommerbühne plant die neue Intendantin Bettina Jahnke ab 2019 direkt an der Havel. Ob ihr Gesamtkonzept überzeugt, entscheiden die Zuschauer ab September. Fotos (2): Sabine Gottschalk

Ostmoderne: Bettina Jahnke setzt am HOT viele eigene Akzente

Das verblasste Rot des Theaterdachs wird unter Bettina Jahnke zur neuen Corporate Identitity des Hans Otto Theaters. An den "Haifischflossen" orientieren sich die Veröffentlichungen zu Spielzeit und Programm der Häuser.

Potsdam. "Haltung" - unter diesem Motto steht die erste Spielzeit der neuen Intendantin Bettina Jahnke am Hans Otto Theater. Am Mittwoch hat sie ihre Pläne und einen Teil ihrer Mitarbeiter vor Journalisten präsentiert. Insgesamt 23 Premieren sind ab September geplant, wobei das Eröffnungsstück von Jahnke selbst inszeniert wird. Dafür hat sie sich mit Eugen Ruges Roman "In Zeiten des abnehmenden Lichts" gezielt ein Potsdamer Werk ausgesucht.

Premiere ist am 22. September um 18 Uhr. Um 21 Uhr folgt am gleichen Tag "Paradies spielen" von Thomas Köck und am späten Abend laden die 17 Hippies aus Berlin zu Tanz und Party mit offenem Ende. Die erste Premiere und das Konzert finden im neu benannten "Großen Haus" statt - Bettina Jahnke findet, das "Neue Theater sei nun nicht mehr neu und verdiene einen anderen Namen. Ähnlich ist es mit dem Forum in der Reithalle, das ab Herbst zur "Reithalle Box" wird und in Zukunft ein mehr bespielter Schauplatz für Theater werden soll. Ganz neu ist ab 2019 eine Sommerbühne am Wasser geplant. Sie soll das jetzige Open Air Theater im Gasometer ersetzen. Gezeigt wird dort als erstes die Shakespeare-Komödie "The Queens's Men".

Weitere Premieren im Großen Haus sind "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" am 22. Februar sowie Theodor Storms "Schimmelreiter" am 1. März, oder auch "Pension Schöller", ein Allzeit-Klassiker, der zuletzt Erfolge in der Komödie am Kurfürstendamm feierte und im Hans Otto Theater ab 30. November zu sehen sein wird. "Jeder stirbt für sich allen" von Hans Fallada zieht ab 12. April ins Große Haus ein, während Schillers "Kabale und Liebe" bereits ab 8. Februar zu sehen sind. Ebenfalls komplett neu ist die Gestaltung der Veröffentlichungen des Theaters, deren Erscheinungsbild an das verblasste Rot des Daches angepasst wurde und auf den ersten Blick ein wenig an einen Sportverein erinnert.

Neue Regisseure werden mit einem Fokus auf politische Themen und Bildstärke an den Start gehen. 15 Ensemblemitglieder kommen von unterschiedlichen Theatern aus ganz Deutschland neu hinzu, zehn gehörten dem Theater bereits in der zu Ende gehenden Ära Wellemeyer an. In den beiden folgenden Spielzeiten soll es nach der Haltung um Offenheit und Toleranz gehen, so Jahnke, die sich für Potsdam ein rein ostdeutsches Führungsteam gesucht hat. Wie ihre Chefdramaturgin Bettina Jantzen hat auch Jahnke an der ehemaligen Theaterhochschule "Hans Otto" in Leipzig studiert. Beide wollen dem Schauspieler und Widerstandskämpfer, an den heute kaum noch etwas erinnert, wieder mehr Platz im Theater einräumen. Auch aus DDR-Zeiten seien viele Themen noch nicht erzählt, darauf soll sich das Potsdamer Theater auf Wunsch seiner neuen Intendantin nun mehr fokussieren.


Bürgerbühne für individuelle Biografien


Ab 2019 soll es auch eine "Bürgerbühne" geben, dafür seien anfangs allerdings die Räume zu beengt, merkte Jahnke an. Ziel ist es, biografische Geschichten einzubringen und spielerisch zu erproben. Mit der Bürgerbühne konnte Jahnke am Rheinischen Theater Neuss bereits Erfolge verzeichnen, nun interessieren sie vor allem Ost-Biografien.

Theaterpädagoginnen leisten seit Jahren hervorragende Arbeit am Hans Otto Theater, jetzt kommt mit Michael Böhnisch ein erster männlicher Kollege hinzu. Das Kinder- und Jugendtheater wird zum "Jungen Hans Otto Theater". Grundsätzlich soll das Theater eine stärkere Verbindung zur Stadt erhalten, wünscht sich Jahnke, so auch bei der Lese-Reihe "Potsdam liest ein Buch", bei der man gemeinsam Literatur erleben kann. Beim "Boxenstopp" in der Reithalle soll es einmal im Monat kleine Extraprogramme geben. Die neue Intendantin hat Großes vor und wird sich mit ihrem Programm deutlich von ihrem Vorgänger unterscheiden.

Dass gleich alles neu gemacht wird, mag manchen Potsdamer Theaterfreunden radikal erscheinen, wie das Konzept aufgeht, wird sich in der ersten Spielzeit zeigen. Wer gespannt auf die Neuerungen ist, kann sich auf ein neues Abonnement "Lieblingsklassiker" freuen, das das Theater gemeinsam mit dem Nikolaisaal und der Kammerakademie auflegt. Es beinhaltet je drei Konzerte und Theaterstücke, die individuell zusammen gestellt werden können. Der Vorverkauf für Einzelkarten beginnt am 20. August mit der Freischaltung der neuen Webseite, die sich gerade im Aufbau befindet. Einen ersten Vorgeschmack für die Potsdamer gibt es am 8. September von 11 bis 13 Uhr in der Brandenburger Straße. Ensemblemitglieder zeigen in Geschäften und auf der Straße ausgewählte kleine Szenen, die neugierig auf die neue Spielzeit machen sollen.  sg

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