Verdienter Werderaner: Baldur Martin wird Ehrenbürger

Verdienter Werderaner: Baldur Martin wird Ehrenbürger

Baldur Martin hat sich mit zahlreichen Publikationen und großem Engagement um die Blütenstadt verdient gemacht. Jetzt wurde ihm die Ehrenbürgerwürde der Stadt zuteil. Foto: Ellen Fehlow

Engagement für die Wahlheimat seit 60 Jahren

Werder (Havel). Die Verleihung des Ehrenbürgerrechts ist die höchste Ehrung der Stadt Werder (Havel) für Personen, die sich um sie besonders verdient gemacht haben. Schon am 10. Dezember haben die Stadtverordneten in nichtöffentlicher Sitzung beschlossen, Dr. Baldur Martin diese Ehre zuteilwerden zu lassen. Bürgermeisterin Manuela Saß (CDU) hatte den Vorschlag zu der Ehrung, der auf den Heimatverein und den Verein 700 Jahre Heimatgeschichte Werder zurückgeht, in die Stadtverordnetenversammlung eingebracht und stieß damit auf einstimmige Bejahung.

Die Überreichung der Ehrenmedaille in Gold und der Ehrenbürgerurkunde soll nachgeholt werden, sobald es die pandemiebedingten Einschränkungen wieder erlauben. Mit der Veröffentlichung wollte die Bürgermeisterin jedoch nicht mehr länger warten. Als sie dem neuen Ehrenbürger die Nachricht überbrachte, war der zunächst sprachlos, freute sich aber sehr über die Ehrung. Als kleine Aufmerksamkeit bekamen Baldur Martin und seine Frau Hella eine exklusive Führung durch die Havel Therme. Das war für beide ein ganz neues Kapitel im Werderaner Geschichtsbuch. "Viele der früheren Kapitel hat der bekannte Werderaner Ortschronist selbst aufgeschrieben oder herausgegeben, an vielen neueren hat er aktiv mitgewirkt", so Manuela Saß. 15 Bücher hat der bescheidene Ortschronist geschrieben, darunter erstaunliche Bildbände, die die Entwicklung der Blütenstadt in mehrjährigen Abständen seit der Wende dokumentieren. Als Initiator und Mitherausgeber der siebenbändigen Werder-Chronik habe Baldur Martin dieser Sammlung zum 700. Stadtjubiläum die Krone aufgesetzt, betonte Saß.


Vom Erzgebirge ins Havelland im "Westen Berlins"

Nach Werder kam Baldur Martin einst aus dem Erzgebirge, um an der Gartenbauschule zu unterrichten. Sein Vater, ein Werkmeister in der örtlichen Lötlampenfabrik, starb früh, der Sohn war gerade sieben Jahre alt. Da seine Mutter für den Lebensunterhalt sorgen musste, verbrachte der kleine Baldur viel Zeit in der Landwirtschaft seiner Großmutter. Der Aufenthalt in einem Luftschutzbunker und die Bombardierung des Dorfes, ein gelb bekleideter Gefangenentreck, der von der SS durch das heimatliche Heidersdorf getrieben wurde und schließlich der Einzug der Roten Armee gehören zu seinen frühesten Kindheitserinnerungen, die Spaltung Deutschlands war eine Zäsur.

"Für meine Großmutter war Ulbricht genauso ein Lump wie Hitler", erinnert sich Martin bis heute. Er teilte zwar die in der jungen DDR verbreitete Losung "Nie wieder Krieg", spürte aber auch die Ungerechtigkeit im vermeintlichen Arbeiter- und Bauernstaat. Im Juni 1953 sammelte er Zeitungsausschnitte vom Volksaufstand, bei dem es, verbunden mit der Forderung nach freien Wahlen und deutscher Einheit, zu einer Welle von Streiks, Demonstrationen und Protesten kam. Dessen brutale Niederschlagung ließ in ihm den Entschluss reifen, Jura zu studieren. Als er stattdessen in eine Offizierskarriere bei der Nationalen Volksarmee gedrängt werden sollte, sah er sich nach einer Alternative abseits der Heimat um. Er verkündete, in den Westen Berlins gehen zu wollen. Das war 1958 nicht gern gesehen, weil es nach Republikflucht klang. Für ein Jura-Studium kam er damit nicht mehr in Frage. Für Baldur Martin war der Westen Berlin jedoch gar nicht West-Berlin, sondern das Havelland, wo er in Ketzin eine Baumschulgärtnerlehre begann. Später studierte er Russisch und Geografie für eine Lehrerlaufbahn in der neuen Berufsausbildung mit Abitur.

"Kombinationen ohne Russisch gab es damals nicht", erzählt Martin. Nach einem zusätzlichen Gartenbaustudium mit Promotion wurde er Chef der Lehrplanentwicklung und galt in den 1980er-Jahren als eine der Koryphäen der Gärtnerausbildung in der DDR. Unter anderem verfasste er Unterrichtshilfen, arbeitete an einer Unterrichtsmethodik der Humboldt-Universität mit und organisierte die Zentralen Leistungsvergleiche der Gärtner-, Blumenbinder- und Winzerlehrlinge. Als federführender Autor schrieb er mit zwei Kollegen das Lehrbuch "Gärtnerische Grundlagen", das auch in der Bundesrepublik erschien.


Ab 1962 Lehrer an der Gartenbaubetriebsschule in Werder

Bereits 1962 hat seine mehr als vierzigjährige Lehrertätigkeit und unterrichtsorganisatorische Arbeit in der Betriebsberufsschule für Gartenbau in Werder begonnen, die seine berufliche Heimat wurde. Seitdem lebt er in der Blütenstadt, ist bis heute bestens vernetzt mit den Obstbauern, die zum großen Teil gelernt haben. In den Werderschen, sagt Baldur Martin, hat er viel von der Mentalität der Menschen in seiner erzgebirgischen Heimat wiedergefunden: "Sie sind bodenständig und arbeiten hart, halten zusammen und lassen nichts auf die Familie kommen." Auch der Boden sei in beiden Regionen anspruchsvoll in der Bearbeitung: steinig im Erzgebirge, sandig in der Mark.

Baldur Martin hat es nicht nur geschafft, sich in der Region zuhause zu fühlen, er hat sich auch mit ihr identifiziert. Schon sein Geografie-Staatsexamen hat er zur Siedlungsflächenentwicklung in Werder geschrieben. Die Inhalte bereitete er später für eine Artikelserie in den Brandenburgischen Neuesten Nachrichten auf, so begann und wuchs seine Liebe zur Heimatgeschichte. 1981 gründete er mit Mitstreitern die "Interessengemeinschaft Heimatgeschichte und Denkmalpflege", den späteren Heimatverein, stellte eine Ausstellung auf die Beine und begann mit der Veröffentlichung der "Heimatgeschichtlichen Beiträge", die bis heute jährlich erscheinen und das wichtigste Standbein der Werderaner Heimatforschung sind.


Angesehener Heimatforscher und Ortschronist

Menschen, Orte und Ereignisse der Stadtgeschichte, aber auch der Gegenwart von Werder wurden und werden darin dokumentiert. Die Geschichte mit der Gegenwart in Beziehung zu bringen, ist bis heute Martins Leidenschaft. Auch die jüngst erschienene Chronik der Baumblütenfeste ist dafür ein Beispiel. Mehr als 500 Sprüche der Werderschen hat er in den Jahrzehnten in der Blütenstadt festgehalten. Auch für die politische Gegenwart seiner Stadt hat sich der Ortschronist immer interessiert. Um dem Drängen nach einem Eintritt in die SED zu entkommen, trat er in der DDR in die Bauernpartei ein und engagierte sich zeitweise auch nach der Wende noch als Stadtverordneter. Ab 1994 war zunächst für die CDU im Stadtparlament, wirkte am Regionalbahnanschluss, der Inselsanierung, der Telefonerschließung, der Wiederbelebung des Baumblütenfestes, am Bau des Gymnasiums und an der Ausweisung neuer Baugebiete mit. Zudem brachte er mit historischen Fakten oft Farbe in die Debatten. Ende der Neunzigerjahre gründete er dann die Freien Bürger, die schnell zu einer wichtigen politischen Kraft in der Region wurden. 

2013 wurde auf Initiative Baldur Martins der Verein "700 Jahre Ortsgeschichte von Werder (Havel)" gegründet. Martin wurde dessen Vorsitzender und setzte sich fortan für Vorbereitung des Jubiläumsjahrs 2017 ein. Der Verein hatte zudem das Ziel, die Stadtgeschichte in bislang nicht gekannter Vollständigkeit zu publizieren. Baldur Martin war einer der drei Herausgeber der Edition. Im vergangenen Jahr ist der siebte und letzte Band der reihe erschienen. 24 Autoren haben über die unterschiedlichsten Aspekte der Stadtgeschichte geschrieben und Werder mit dem Werk ein in der Region einmaliges Denkmal gesetzt. "Traditionen zu wahren bedeutet zuallererst, Traditionen zu kennen", wird Baldur Martin in der Begründung des Ehrenbürgerantrags zitiert. "Dieser Leitspruch hat das Wirken des 80-Jährigen in sechs Jahrzehnten seines Wirkens in der Blütenstadt geprägt und tut es auch heute", sagt Manuela Saß. "Seine intensiven Recherchen zur Heimatgeschichte waren und sind mit einem hochengagierten Wirken für die Gegenwart seiner geliebten Stadt Werder verknüpft."  red/sg

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