Ein unvergessliches Erlebnis

30. Israelreise des Brücker Pfarrers Helmut Kautz

Alle zogen hinauf nach Jerusalem. Foto: Rainer Marschel

Brück. Ausgerechnet zur 30. Israelreise des Brücker Pfarrers Helmut Kautz hatten sich Ende Oktober dreißig Interessierte angemeldet – so viele, wie noch nie! Mit ausschlaggebend dürfte neben dem gewachsenen Interesse an dem Land, vor allem auch der Weggang von Kautz mit Ansage im Sommer 2020 gewesen sein. Dabei waren in der ungewöhnlich großen Reisegruppe etliche, die bereits zum zweiten Mal mit dem Pfarrer den historischen Spuren Jesus` folgten. Getreu dem Motto: für alles, was man sehen wird, ist grundsätzlich viel zu wenig Zeit. Insofern tat man gut daran, sich von vornherein genau darauf einzustellen. Tenor: Nach Israel fliegt man, um auf alle Fälle wieder zu kommen. Zum Teil hatten die Reisenden aus dem Fläming sowie aus Hamburg und Wittenberg das anspruchsvolle Besuchsprogramm selbst erweitert. So wurde der ursprüngliche „Badetag“ am Toten Meer zugunsten weiterer Sehenswürdigkeiten auf zwei Stunden „eingedampft“. Da bedurfte es am Abend im Kibbutz schon einiger Mühen, zu rekapitulieren, was der Tag an historischen Bibelorten so alles beschert hatte. Gut dran waren jene, die sich vor der Reise intensiv mit dem Programm und der historischen Einordnung biblischer Geschichten beschäftigt hatten.

Angekommen in Tel Aviv, lernten die Teilnehmer das interessante Innenleben eines Kibbutz in Ein Harod kennen. Das eine weitgehend autarke Lebensform verschiedener Generationen in einer Gemeinschaft. Neben der Viehwirtschaft ist der Tourismus eines der Standbeine. Die hochmodernen Unterkünfte in Ein Harod erwiesen sich als geradezu herausragend. Von dort war es auch nur einen Katzensprung bis in die sagenumwobende Kreuzfahrerstadt Akko.

Auf dem Weg dahin beeindruckte Haifa mit seiner atemberaubenden Lage und der Aussicht auf die Stadt mit dem Bahei-Tempel. Auch der zweite Tag hielt handfeste Überraschungen parat. So bot ein Aussichtspunkt auf den Golanhöhen einen Blick über die nahe Grenze nach Syrien. Ganz in der Nähe stoppte der Bus an einer Brücke, so dass die Gruppe „über den Jordan gehen“ konnte. Zum Erstaunen vieler entpuppte sich der Zulauf des See Genezareth als spärliches Flüsschen. Die akute Wasserknappheit übrigens ein Thema, mit dem man in Israel nahezu permanent und überall konfrontiert wird. So stehen am Toten Meer Wasserrutschen einige hundert Meter vom Ufer entfernt nachdem der Wasserspiegel um dramatische 20 bis 30 Meter gesunken ist. Dass Kleinod bald eine Salzwüste?
 Die Reise führte weiter über das beeindruckende Magdala (Maria von Magdala gilt als Begleiterin von Jesus und damit als Zeugin von dessen Auferstehung), den Berg der Seligpreisungen (Bergpredigt), über Tabgha und das historische Kafarnaum.

Unbestrittener Höhepunkt einer jeden Israelreise ist aber das quirlige Jerusalem mit dem angrenzenden Bethlehem – zwei Welten, getrennt durch eine meterhohe Mauer. Die Reisegruppe bekam zum Glück Gelegenheit, auch die arabische Seite kennenzulernen. Dazwischen ein Checkpoint mit schwer bewaffneten Soldaten und Soldatinnen, die zwar den lebhaften Grenzverkehr empfindlich aufhalten, aber für tiefergehenden Kontrollen offenbar wenig motiviert sind. Zum Glück für die Reisegruppe! In der Jerusalemer Altstadt herrschte angesichts der vielen Konfessionen aus aller Welt die erwartete drangvolle Enge. Erst recht entlang des Leidensweges Christi, der Via Dolorosa. Ob man angesichts des Kommerzes zwischen Grabes- und Zionskirche oder in der Geisselungskapelle am besten zu Jesu fand, musste jeder selbst für sich entscheiden. Viele meinten, dass jene Momente sehr viel intensiver und eindrücklicher erlebt wurden, als man beispielsweise in Magdala bei fantastischer Akustik spontan den Kanon „Dona nobis pacem!“ (Herr, gib uns Frieden!“) anstimmte. Solche Gelegenheiten sollte es noch weitere geben.

 Unvergessen blieben auch der Besuch des Gottesdienstes in der Jerusalemer Erlöserkirche sowie die atemberaubende Aussicht vom Ölberg auf die Altstadt mit der Al Aksa Moschee. Kurz zuvor hatte die Gruppe die 1914 vollendete Himmelfahrtkirche mit ihren Apoldaer Glocken besucht. Die Turmbesteigung war selbst für den israelerfahrenen Pfarrer ein Novum. Auch für die legendäre Massada-Festung am Toten Meer, die Gedenkstätte Yad Vashem, die sehenswerte Geburtskirche in Bethlehem sowie die Bauhausarchitektur in Tel Aviv galt: zu wenig Zeit selbst für jene, die schon einmal dort waren. Für die „tiefste Bar der Welt“ am Toten Meer mit ihren 420 Metern unter dem Meeresspiegel muss man das aber einschränken. Immerhin gibt es eine solche mit exakt dem gleichen Superlativ in der Umgebung noch mindestens 30 weitere mal.

Zu den beeindruckendsten Personen der Reisegruppe zählte ein ganz besonderes „Pärchen“, das sich vor der Fahrt aber nie begegnet war. Zum Einen die 81-jährige Ingeborg aus Wittenberg mit einer Sehfähigkeit von gerade einmal 10% (!) sowie den um einige Jahrzehnte jüngeren Wolfgang aus dem Emsland. Ingeborg entpuppte sich, ungeachtet ihrer massiven Behinderung, als wahrer Globetrotter. Es gibt wenige Destinationen auf der Welt, die der Seniorin in ihrer „Sammlung“ noch fehlen. Erst drei  Wochen vor ihrer Israelreise war sie aus der Mongolei zurück gekehrt: „Es findet sich immer jemand, der mir hilft.“ In diesem Fall übernahm den Part Wolfgang, der ihr in rührender Weise über jede Stufe half. Er nahm sie fast überall an die Hand, um die Seniorin unbeschadet durch das Gedränge der Menschenmassen zu führen -  nicht nur auf der Via Dolorosa oder in den schmalen unterirdischen Gängen des Herodiums, jener Festungs- und Palastanlage im heutigen Westjordanland (24-12 v. Chr.): christliche Nächstenliebe in purer Vollendung!
Im Rahmen eines nachträglichen Treffens zur Auswertung der Israelwoche versprach Pfarrer Kautz, diese Reise auch nach seinem Weggang aus Brück weiterhin anbieten zu wollen. Sein neuer Wohnsitz werde daran nichts ändern. Rainer Marschel

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