Neue Wege gehen in schwierigen Zeiten

Arbeitsmarkt- und Strukturpolitik der Neunzigerjahre in Brandenburg

Potsdam. Für den Prozess der Zusammenführung der beiden deutschen Staaten gab es keine Blaupause. Eine Mehrheit der Menschen im Osten forderte die schnelle Wiedervereinigung und die sofortige Einführung der D-Mark. Eine Periode des rasanten Umbruchs begann.
Wie vollzog sich der Umbruch damals? Wie sind die einzelnen Akteure damit umgegangen? Was ist gelungen und welche Fehler wurden gemacht? Wie haben Ost- und Westdeutsche zusammengearbeitet? Was wirkt bis heute nach? Und welche Erfahrungen können vielleicht bei der Bewältigung aktueller und zukünftiger Herausforderungen helfen?

Um Antworten auf diese Fragen zu bekommen, haben das Arbeits- und das Wirtschaftsministerium des Landes Brandenburg das Projekt „Transformationsprozess Arbeits- und Strukturpolitik“ in Auftrag gegeben. Das Ziel: Erfahrungen und Ergebnisse der Jahre des Übergangs von der sozialistischen Planwirtschaft in die soziale Marktwirtschaft in Erinnerung zu rufen, sie festzuhalten und damit zu bewahren. Aus in Erzählsalons zusammengetragenen Erinnerungen ist das vorliegende Buch entstanden. Die Berichte, von Autoren des Unternehmens Rohnstock Biografien aufgeschrieben, machen deutlich, welche Herausforderung die flächendeckende De-Industrialisierung für die brandenburgische Arbeitsmarkt- und Wirtschaftspolitik bedeutete. Und sie legen Zeugnis ab von der Aufbruchsstimmung und vom Engagement der Beteiligten während der Nachwendezeit.

Auf rund 180 Seiten erzählen 28 Frauen und Männer aus ihrem beruflichen Alltag in den Neunzigerjahren. Sie erinnern sich an die täglich neuen, unkalkulierbaren Aufgaben, an teils widrige Arbeitsbedingungen. Aber auch an genutzte Spielräume, das konstruktive Zusammenwirken zwischen den Ministerien und den vielen Akteurinnen und Akteuren der Arbeitsmarkt- und Strukturpolitik im ganzen Land. Und an das gute Gefühl, wenn es gemeinsam gelang, wieder ein Problem gelöst zu haben. Im Rückblick war das eine Zeit der „sozialen Experimente“ - was aber damals niemand so nannte, weil alles in hohem Tempo vonstattenging.
Arbeitsstaatssekretär Andreas Büttner ist überzeugt davon, dass „dieses spannende und anregende Buch gerade jetzt wichtig ist, weil Brandenburg erneut vor großen Herausforderungen steht.“ Die Erzählungen machen deutlich, dass es gerade in schwierigen Zeiten darauf ankommt, Probleme gemeinsam anzupacken und gemeinsam zu lösen! Die Geschichten der zu Wort kommenden Akteure rufen ins Gedächtnis zurück, dass den Menschen nichts geschenkt worden ist. Vor allem für die Nachwendegeneration werde besser verstehbar, warum viele junge Menschen auf der Suche nach Ausbildung und Arbeit wegzogen. „Für mich, als im Westen der Republik Sozialisierten, brachte die Lektüre viele neue Erkenntnisse und Respekt vor dem Mut und dem langen Atem der damaligen Akteure.“

Wirtschaftsstaatssekretär Hendrik Fischer geht davon aus, dass „die in dem Buch zusammengetragenen Geschichten auch für Außenstehende ein Stück des „Brandenburger Weges“ nachvollziehbar machen. „Dazu gehörte von Anfang an ein enges Miteinander der Akteurinnen und Akteure in der Wirtschafts-, Struktur- und Arbeitsmarktpolitik. Und dazu gehörte und gehört bis heute, unkonventionelle Lösungswege zu suchen und dabei immer die Menschen im Blick zu behalten. Gerade in einer Zeit, in der Brandenburg wirtschaftlich sehr gut dasteht, ist es wichtig, die schwierigen Anfangsjahre nicht zu vergessen. Und auch jene Menschen nicht zu vergessen, die vom wirtschaftlichen Aufschwung weniger profitiert haben, als viele andere“
Katrin Rohnstock, die mit ihrem Team die Erzählsalons organisierte und die Erinnerungen ins Buch brachte, findet es „mutig, dass sich die beteiligten Akteure darauf einließen, so offen ihre Geschichten zu erzählen, obwohl sie vorher nicht genau wussten, wie solche Veranstaltungen ablaufen und was aus dem von ihnen Erzählten hinterher gemacht würde.“

Auf der Grundlage dieses Stoffes seien bewegende Geschichten entstanden, „die aus den persönlichen Perspektiven der damals Verantwortlichen und Betroffenen zeigen, wie dramatisch und zugleich hoffnungsfroh die Arbeitsmarktsituation Anfang der Neunzigerjahre war - und wie engagiert und flexibel die Ministerien reagierten“. Das vorliegende Buch arbeite auf erzählerische Weise die Folgen der Treuhand-Politik im Land Brandenburg auf, so Katrin Rohnstock. „Es ist genau das, was jetzt viele Menschen erwarten von den Regierungen. Ein beherzter wie zeitgemäßer Schritt der beteiligten Ministerien.“

Hintergrund:
Das Buchprojekt wurde durch die Hausleitungen von MASGF und MWE Anfang 2018 initiiert.
Die Auftragsvergabe erfolgte im Juni 2018 an Rohnstock-Biografien. Das Auftragsvolumen beträgt 73.533,60 Euro. Es wurden zunächst 350 Exemplare gedruckt. Dieses Buch gäbe es nicht ohne die Arbeit von Rohnstock-Biografien. An dieser Stelle Dank an Katrin Rohnstock als Geschäftsführerin, an den Autobiografen Ralf Pasch, die Lektorin Antje Käske und alle weiteren Beteiligten. red

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