Flucht aus Teltow - Ausstellung mit Bildern von Gertrud Dreyfuss

Flucht aus Teltow - Ausstellung mit Bildern von Gertrud Dreyfuss

Dorfstraße von Gertrud Dreyfuss in Amerika gemalt, als sie schon Gertrude Handsman hieß (Ausschnitt). Foto: Stadt Teltow

Werke aus den USA werden erstmalig in Deutschland gezeigt

Teltow. Zum Gedenken an die Pogromnacht vom 9. November 1938 zeigt die Stadt Teltow im Rathaus eine Ausstellung mit Werken der jüdischen Künstlerin Gertrud Dreyfuss, die seit den 1920er-Jahren bis zu ihrer Emigration in Teltow lebte.

Zur Ausstellungseröffnung am Freitag, dem 9. November 2018, im Teltower Stubenrauchsaal werden Nachkommen der Künstlerin aus den USA und Großbritannien erwartet. Sie werden am Nachmittag auch das Haus in Teltow-Seehof besichtigen, in dem Gertrud Dreyfuss gemeinsam mit ihrer Familie bis zu ihrer Emigration lebte.

"Am 9. November 2018 ist es 80 Jahre her, dass in Deutschland Synagogen, jüdische Geschäfte und Wohnungen zerstört wurden. Juden wurden misshandelt und gedemütigt, in einigen Fällen auch ermordet. Bereits am 10. November wurden 30.000 jüdische Männer in die Konzentrationslager Dachau, Sachsenhausen und Buchenwald gebracht und nur freigelassen, wenn sie ihre Bemühungen um Ausreise aus Deutschland nachweisen konnten", schreibt die Historikerin Gabriele Bergner in ihrem Ausstellungskonzept.

Den "Anlass" zu den Pogromen lieferte das Attentat des jüdischen Jugendlichen Herschel Grynszpan auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath am 7. November in Paris. Gleich nachdem das deutsche Radio die Tat gemeldet hatte, kam es in vielen deutschen Städten zu organisierten antijüdischen Krawallen, Deutschlandweit begannen die Ausschreitungen jedoch erst zwei Tage später, nachdem Hitler persönlich den Befehl dazu gegeben hatte. Die Pogromnacht gilt heute als Auftakt zur systematischen Vernichtung der jüdischen Bevölkerung.

Was geschah in diesen Tagen in Teltow? Am Abend des 9. November gedachte man der "Gefallenen der Bewegung" beim Hitlerputsch in München am 9. November 1923. Was in der Nacht darauf den jüdischen Bürgern und Geschäftsleuten angetan wurde, erwähnte das Teltower Kreisblatt nur ganz knapp am 12. November. In der Nacht vom 9. auf den 10. November wurden jüdische Geschäfte und Wohnhäuser wie das der Familie Gumpert in Teltow beschädigt und jüdische Einwohner von Polizei- und SA-Einheiten bedroht. Damit war allen in Teltow noch lebenden jüdischen Bürgern klar, dass sie Deutschland so schnell wie möglich verlassen mussten.


Kein Schutz mehr in Deutschland

Das Land der Dichter und Denker, ihre Heimat, bot ihnen schon seit 1933 keinen Schutz mehr. Degradierungen, Ausgrenzungen, Bedrohungen und Gewalt waren für Juden auch in Teltow alltäglich geworden. Um an die damaligen jüdischen Nachbarn zu erinnern und um am Beispiel Teltows zu verdeutlichen, was Deutschland an Wissenschaftlern, Künstlern, Intellektuellen infolge des 9. November 1938 verloren hat, wird die Stadt Teltow eine Ausstellung mit Originalbildern der einst hier in Teltow lebenden Malerin Gertrud Dreyfuss zeigen. Sie wurde am 5. März 1885 in Berlin als Gertrud Bursch geboren. Ihr Vater, Kaufmann Wilhelm Bursch, kaufte in Teltow in der Max-Sabersky-Allee 4 eine Villa, in der die sechsköpfige Familie zuerst nur im Sommer lebte.

Bereits mit 15 Jahren begann Gertrud Bursch, ihre künstlerische Begabung ernst zu nehmen. Sie betrieb Malstudien bei verschiedenen bekannten Malern wie dem Impressionisten Arthur Segal und dem Expressionisten Ludwig Meidner und gewann weitere Impulse und Unterstützung durch ihren Onkel, den Bildhauer Max Landsberg. Nach ihrer Heirat mit dem Kaufmann Alfred Dreyfuss, der im sogenannten "Schöneberg-Haus" in der Leipziger Straße 94 in Berlin arbeitete, und der Geburt der drei Söhne Fritz, Ernst und Hans zog die Familie zwischen 1920 und 1930 von Berlin nach Teltow, um dort im bisherigen Sommersitz dauerhaft zu wohnen.

lm März 1933 wurde Alfred Dreyfuss in Teltow verhaftet, in das Zellengefängnis Lehrter Straße in Berlin-Moabit überführt und schließlich wieder freigelassen. Als erste Mitglieder der Familie emigrierten die Söhne Fritz nach England und Ernst über England im Sommer 1938 in die USA. Unmittelbar nach der Pogromnacht 1938 trafen auch die Eltern der beiden in Teltow-Seehof Vorbereitungen zur Flucht aus Deutschland. Doch noch lange vor ihnen konnte ihr Sohn Hans Deutschland mit einem Kindertransport nach England verlassen. Alfred und Gertrud Dreyfuss gelang es erst am 30. Juni 1940 über Sibirien und Japan in die USA auszureisen. Dort verstarb Alfred Dreyfuss kurz nach seiner Ankunft an den Strapazen der Flucht.

Gertrud Dreyfuss heiratete noch einmal und nahm den Namen Gertrude Handsman an. In den USA schuf sie viele weitere Bilder, die sich heute im Familienbesitz befinden. Sie sollen in Teltow das erste Mal in Europa gezeigt werden. Im Jahr 2011 wurden für die Familie Dreyfuss fünf Stolpersteine in Teltow verlegt. Zur Eröffnung der Ausstellung am 9. November kommen Nachkommen der Künstlerin nach Teltow.  red/sg


Ausstellungseröffnung am Freitag, 9. November um 17 Uhr im Teltower Stubenrauchsal.

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