Ein wahrhaft rundes Jubiläum

Ein wahrhaft rundes Jubiläum

Chefin Ariane Bleil mit ihren Mitarbeitern Nikodim Simeonov (l.) und Mathias Bastian. Fotos (2): Thomas Lähns | Stadt Beelitz

Reifen-Bleil feiert 100. Geburtstag

Seniorchefin Helga Bleil zeigt Bürgermeister Bernhard Knuth und Ortsvorsteherin Karin Höpfner die Kuriositäten-Sammlung.

Beelitz.  Schrauben, Nägel, Brocken aus Stahlbeton, sogar Hausschlüssel oder Zahnräder: Man muss schon staunen, was so alles auf den Straßen der Region herumliegt. Und was dann als "Reifenkiller" in der Werkstatt der Beelitzer Familie Bleil landet. Über die Jahre ist eine kuriose Sammlung aus Exponaten zusammengekommen, die einst einen Ausflug jäh unterbrochen oder gar beendet haben und selbst schon zum Teil Museumswert haben.

Denn den Betrieb gibt es seit 1918 - die Firmengeschichte reicht also fast bis zu den Anfängen der Automobilität selbst zurück. Kürzlich hat "Reifen-Bleil" in der Karl-Liebknecht-Straße Jubiläum gefeiert. "Es kommt durchaus vor, dass jemand mit letzter Kraft auf den Hof rollt, weil auf der Autobahn plötzlich die Luft rausging", erzählt Chefin Ariane Bleil. Das Internet ist in dem Falle ein Segen: Jeder kann sofort herausbekommen, wo er in der Nähe eine Werkstatt findet. Reifen sind nach wie vor das Kerngeschäft des Unternehmens, das dafür mit dem bundesweiten Werkstättennetzwerk PointS zusammenarbeitet.

Immer wenn es Sommer oder Winter wird, das Auto also der entsprechenden Witterung angepasst wird, ist auf dem Hof in der Karl-Liebknecht-Straße richtig was los. Bis zu 30 Autos können dann mit dem Räder- oder Reifenwechsel abgefertigt werden. Aber auch herkömmliche Werkstattdienstleistungen vom Stoßdämpfer bis zum Auspuff werden hier angeboten.

Die Beelitzerin Ariane Bleil führt den Betrieb, der 1918 von ihrem Urgroßvater Josef Bleil als Vulkanisierwerkstatt mit Geschäft in Gablonz an der Neiße im heutigen Tschechien gegründet wurde. "Die Ersten Schriftstücke dazu gibt es leider nicht mehr, aber anhand späterer Einträge kann man das zurückverfolgen", sagt sie. Ab 1929 produzierte Bleil sogar eine eigene Winterbereifung: den "Gummi-Bleil Winterprotektor".


Vertreibung und Neuanfang 1947 in Beelitz

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Familie vertrieben, über Hettstett gelangten sie schließlich nach Beelitz, wo 1947 eine zunächst provisorische Vulkanisierungswerkstatt eingerichtet wurde - und dort alles repariert werden konnte, was aus Gummi war. Die nächste Generation übernahm 1951 mit Herbert Bleil das Ruder - und der warb vor allem in der Landwirtschaft um Kunden: "Modernste Maschinen ermöglichen es mir, Sie schnell und preiswert mit Qualitätsreparaturen zu bedienen", hatte er in einem Wurfzettel an die Landwirte geschrieben und empfohlen, die Wintermonate für solche Arbeiten zu nutzen. "Wo Sie im Drange der Erntearbeiten bei Reifenschäden nur lose Unterlagen zur Weiterbenutzung eingelegt haben, sollten sie jetzt im Interesse der Werterhaltung diese defekten Reifen vulkanisieren lassen."

Auch seine Frau Anni half bei der Kundenakquise und lief zu Fuß die Höfe in den umliegenden Dörfern ab. 1979 übernahm Dieter Bleil die Leitung des Betriebes, der zugleich auch die Genehmigung bekam, Pkw-Reifen rundum zu erneuern. Ein ständig wachsender Kundenstrom sorgte dafür, dass das Unternehmen erweitert werden konnte. Die Buchhaltung übernahm seine Frau Helga und 1985 stieg Tochter Ariane mit ein, machte dann auch eine Ausbildung zur Vulkaniseurin, erwarb noch vor der Wiedervereinigung den Meisterbrief.

In der Nachwendezeit, erinnert sie sich, musste der Betrieb auf die neuen Gegebenheiten eingestellt werden, die Runderneuerung von Reifen wurde aus Kostengründen eingestellt, dafür wurden unter anderem neue Hebebühnen, ein Achsmessgerät und ein Lkw-Montagegerät angeschafft. Heute hat Ariane Bleil zwei Angestellte sowie eine weitere Kraft, die während der Stoßzeiten zum Saisonwechsel kommt. Der Kundenstamm zählt bis zu 700 Autobesitzer aus Beelitz und den umliegenden Gemeinden. So wechselvoll die vergangenen hundert Jahre für den Betrieb auch gewesen sind, der Name ist geblieben. Und mit ihm der Anspruch dafür zu sorgen, dass das Auto buchstäblich rund läuft.  red/sg


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