Flüchtlinge in Werder und Michendorf: "Wir reden hier von Menschen"

Flüchtlinge in Werder und Michendorf: "Wir reden hier von Menschen"

Viel gefragt: Mittelmarks Landrat Wolfgang Blasig erläutert im Gespräch mit dem BlickPunkt, warum Michendorf und Werder zusammen fast 500 Geflüchtete aufnehmen sollen. Fotos (2): Sabine Gottschalk

Landrat Wolfgang Blasig will langfristig preiswerten Wohnraum auf Hotelgelände schaffen

Das ehemalige Sens Convent Hotel in Michendorf soll in preiswerten Wohnraum umgewandelt werden.

Bad Belzig. In Michendorf und Werder machen sich Sorgen und Unmut breit: Beide Kommunen sollen bis zum Herbst jeweils rund 250 Geflüchtete aufnehmen. In Michendorf ist die Situation besonders angespannt. Denn dort befürchtet man die Ankunft alleinreisender Männer in einer großen Gruppe. Untergebracht werden sollen sie im ehemaligen Sens Convent Hotel, das vom Landkreis gekauft wurde und seit Jahren leersteht.

Die Geflüchteten seien dann unweit des Ortsausgangs an der Hauptstraße des namensgebenden Ortsteils eingepfercht und hätten den ganzen Tag nichts zu tun, sagt beispielsweise der FDP-Vorsitzende Uwe Große-Wortmann. Auch Volker-Gerd Westphal von der Orts-SPD sieht die Unterbringung einer so großen Gruppe eher skeptisch. Wie diese Menschen in ein Dorf mit 4.000 Einwohnern integriert werden sollen, ist noch völlig offen.

Werder hat es bisher immer vermeiden können, Flüchtlinge aufzunehmen. Selbst als Ende 2015 angekündigt wurde, dass die Eisenhüttenstädter Erstaufnahmeeinrichtung in Ferch eine Außenstelle plant, waren in Werder die Sorgen und Widerstände weitaus größer als in Schwielowsee. So wurde auch die zwischenzeitlich geplante Einrichtung eines Übergangswohnheims auf dem Gelände des Oberstufenzentrums nie umgesetzt. Mittlerweile ist das Gebäude von einem Privatinvestor saniert und in günstige Sozialwohnungen aufgeteilt worden. Sie wurden vom Landkreis für drei Jahre angemietet und sollen ab Herbst zur Unterbringung von Flüchtlingsfamilien mit Aufenthaltsstatus dienen.


Weg von den Übergangslösungen


"Wir reden hier nicht von Vergewaltigern und Kopftuchträgerinnen, sondern von Menschen", sagt Wolfgang Blasig (SPD), Landrat des Kreises Potsdam-Mittelmark und als solcher für die Unterbringung Asylsuchender verantwortlich. Im Gespräch mit dem BlickPunkt erläuterte Blasig am Mittwoch die Situation. Viele Familien seien sehr schlecht untergebracht und müssen immer noch in Übergangswohnheimen ausharren. Als Beispiel nannte er Wohncontainer in Brück, die nur für kurze Zeit gedacht waren, aber immer noch genutzt werden.

Grundsätzlich will der Landkreis weg von den Übergangslösungen und vor allem Familien, zu denen auch Frauen und Kinder gehören, die im Rahmen der Familienzusammenführung einreisen dürfen, mehr und mehr in Wohnungen unterbringen. Auf der Werderaner Bismarckhöhe sollen demnach Familien wohnen, deren Asylverfahren bereits geklärt ist, und die eventuell auch zu den rund 20 Prozent gehören, die es bereits in sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse geschafft haben. Dabei, so der Landrat, belege Potsdam-Mittelmark eine Spitzenposition in Deutschland. Einziges Problem in der stetig wachsenden Stadt Werder: Die Kinder müssen in Kitas und Schulen untergebracht werden. Hier will der Landkreis auf andere Kommunen ausweichen, wenn die in der Stadt vorhandenen Einrichtungen keine Plätze anbieten können.

Grundsätzlich, sagt Blasig, seien Menschen mit Bleiberecht und dem festen Willen, Deutsch zu lernen, gut integrierbar. Zudem wollen viele Syrer in ihre Heimat zurückkehren, sobald sie dort wieder in Frieden leben und das Land neu aufbauen können.



Sozialer Wohnungsbau auf Hotelgrundstück


In Michendorf sollen neben Familien auch Neuankömmlinge untergebracht werden, deren Asylverfahren noch nicht geklärt ist. Ein besonders großes Problem seien Menschen aus der Russischen Föderation, denn sie haben keinen Anspruch auf Asyl. Nach dem Willen der Landesregierung können sie aber nicht, wie vom Bund geregelt, 24 Monate in Übergangsheimen bleiben, bis ihr Status geklärt ist oder sie abgeschoben werden. Das könnte auch in Michendorf Probleme mit sich bringen, gesteht der Landrat ein.

Das ehemalige Hotel kann nach Erstbezug drei Jahre lang als Flüchtlingsunterkunft genutzt werden. In dieser Zeit will der Landrat mit der Gemeinde einen Nutzungsplan erarbeiten und Baurecht für preiswerten Wohnraum auf dem weitläufigen Gelände erwirken. Öffentlich nutzbare Räume sollen dort ebenfalls entstehen. Voraussetzung sei allerdings ein stabiler Partner wie die Kleinmachnower Wohnungsbaugesellschaft, in die Michendorf ohnehin eintreten möchte.Potsdam-Mittelmark hat rund 1.000 Asylsuchende weniger aufgenommen, als es nach den aktuellen Verträgen vereinbart war. Deshalb gebe es auch kein Zurück. Allerdings würde sich Blasig auch für Brandenburg gut funktionierende Ankerzentren mit Gerichtsbarkeit wünschen, in denen die Verfahren zügig geregelt werden können. Das lehnt die Landesregierung bislang jedoch ab. sg

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