Hohe Akzeptanz der Corona-Maßnahmen bei Jugendlichen – Ergebnisse der repräsentativen Sonderstudie

Potsdam.

In welcher Weise wirkt sich die Corona-Pandemie auf die Lebenszufriedenheit und Werte von Jugendlichen im Land Brandenburg sowie auf ihre Zukunftserwartungen aus? Welche konkreten Unterstützungsbedarfe bestehen?

Diese Fragen waren Anlass, Schülerinnen und Schüler im Alter von 12 bis 18 Jahren im Rahmen der Sonderstudie „Jugend in Brandenburg 2020 - Auswirkungen der Corona-Pandemie“ des Instituts für angewandte Familien-, Kindheits- und Jugendforschung e.V. an der Universität Potsdam (IFK) zu ihrer aktuellen Lebenssituation zu befragen. Die Befragung fand zwischen dem ersten und zweiten Lockdown statt. 17.156 Jugendliche haben daran teilgenommen. Die Studienergebnisse zeigen unter anderem wie wichtig es ist, die getroffenen politischen und organisatorischen Entscheidungen gut zu begründen und zu vermitteln.

 

Ministerin Britta Ernst: „Die Studie eindrucksvoll zeigt die Auswirkungen der pandemiebedingten Einschränkungen auf die Lebenswelt junger Menschen im Land Brandenburg. Ich freue mich sehr über die hohe Akzeptanz der notwendigen Maßnahmen zur Eindämmung. Die Schülerinnen und Schülern haben vorwiegend in ihrer Freizeit die Fragebögen für die Studie ausgefüllt. Ihre Antworten zeigen, dass sie mit Mut und Zuversicht an diese schwierige Situation herangehen. Mit den Studienergebnissen haben wir eine gute Einschätzung der Situation aus der Perspektive der Jugendlichen. Ich werde mich weiter dafür einsetzen, dass die besondere Situation der jungen Menschen bedacht wird. Denn wir reden viel über, aber vielleicht noch nicht genug mit den Jugendlichen im Land über die schwierige Situation und die notwendigen Entscheidungen. Deshalb werden wir den Dialog mit den Jugendlichen verstärken. Als erstes plane ich ein Gespräch mit der Landesschülervertretung“

 

Prof. Dr. Dietmar Sturzbecher: Die Sonderstudie vermittelt uns drei Kernbotschaften: Erstens gehen mehr als zwei Drittel der brandenburgischen Jugendlichen vorbildlich mit der Corona-Pandemie um; sie kennen und akzeptieren die Corona-Regeln und lehnen zu frühe Lockerungen genauso wie Verschwörungstheorien ab. Diese Akzeptanz reicht in Abstufungen vom Distanzunterricht über die Kontaktbeschränkungen bis hin zu den Freizeitmöglichkeiten. Zweitens rücken die meisten Familien in der Corona-Zeit auch sozial näher zusammen; viele Eltern unterstützen die Kinder bei Schulproblemen oder Einsamkeit. Drittens bleibt trotz aller Belastungen bei den meisten Jugendlichen der Zukunftsoptimismus ungebrochen!“

 

Überblick über die Ergebnisse in den einzelnen Bereichen:

 

Lebenszufriedenheit und Zukunftsoptimismus

Die in der Jugendstudie von 2017 festgestellte hohe Zufriedenheit der Jugendlichen mit ihrer Lebenssituation ist von der Corona-Pandemie nicht grundlegend beeinträchtigt worden. Gesunken ist die Zufriedenheit während der Pandemie insbesondere bei Freizeitmöglichkeiten, der Schul- bzw. Ausbildungssituation sowie den Beziehungen zu Freunden und Bekannten.

 

Familienklima

Fast alle Jugendlichen (2020: 93,6 Prozent; 2017: 94,4 Prozent) berichten, sich „völlig“ oder „teilweise“ auf die Familie verlassen zu können. Jeweils etwa ein Viertel der Jugendlichen hat während der Corona-Pandemie Probleme wie eine schwierige finanzielle Situation oder weniger Arbeit der Eltern erlebt. Offenbar besitzen viele Familien eine hohe Kompetenz, sich erfolgreich mit Belastungen auseinanderzusetzen. 80,6 Prozent der Jugendlichen wurden von beiden leiblichen Eltern noch nie geschlagen (2017: 67,5 Prozent). Von den Jugendlichen, die angeben „oft“ von mindestens einem Elternteil geschlagen zu werden (3,7 Prozent), berichten 35,7 Prozent von einer Zunahme der Gewalt während der Corona-Pandemie; 44,6 Prozent erfuhren eine Abnahme der Gewalt.

 

Belastung durch Corona-Maßnahmen

Eine deutliche Mehrheit der Jugendlichen stimmt zu, dass das Tragen einer Maske bei der Eindämmung der Corona-Pandemie hilft („stimmt völlig“: 28,4 Prozent; „stimmt teilweise“: 40,3 Prozent) und das Ansteckungsrisiko durch das Treffen vieler Personen erhöht wird („stimmt völlig“: 47,5 Prozent; „stimmt teilweise“: 34,3 Prozent). Ein Fünftel der Jungen und Mädchen fühlt sich vom Abstandsgebot und von den Quarantäneregelungen „sehr stark“ oder „stark“ belastet. Jeder dritte Jugendliche empfindet den Distanzunterricht und Geschäftsschließungen als belastend. Deutlich häufiger fühlen sich die Jugendlichen – insbesondere die Mädchen – vom Kontaktverbot belastet.

Wenn die Jugendlichen verstehen, warum welche Maßnahmen gelockert bzw. verschärft werden, fühlen sie sich weniger belastet. Aber auch ein hohes Verständnis für die Einschränkungen des sozialen Lebens schützt die Betroffenen kaum vor emotionalen Belastungen. Jeweils zwei Drittel der Jungen und Mädchen stimmten der Aussage „Ich würde mich gegen das Corona-Virus impfen lassen, wenn ein Impfstoff zur Verfügung stehen würde“ völlig oder teilweise zu. Jugendliche, die eine Impfung ablehnen (21,2 %), bezweifeln eine schnelle Ausbreitung des Virus, haben keine Angst vor einer Ansteckung und misstrauen stärker dem Gesundheitssystem als andere Jugendliche.

 

Zufriedenheit mit dem Distanzunterricht

Mehr als die Hälfte der Schülerinnen und Schüler stimmt der Aussage „Mir hat der Distanzunterricht gefallen“ zu („stimmt völlig“: 20,5 Prozent; „stimmt teilweise“: 36,4 Prozent; „stimmt kaum“: 21,5 Prozent; „stimmt nicht“: 21,6 Prozent). Knapp die Hälfte der Jugendlichen „hätte gern auch zukünftig Distanzunterricht“. Ältere Jugendliche und insbesondere Auszubildende an beruflichen Schulen (OSZ) bewerten den Distanzunterricht kritischer als andere Jugendliche. Die Schulformen unterscheiden sich zudem hinsichtlich der Art und Weise der Aufgabenverteilung an die Schüler.

 

Die Lernwirksamkeit des Distanzunterrichts wird – nicht zuletzt von Jugendlichen, die zuhause nicht ungestört lernen konnten – im Vergleich zum Präsenzunterricht als verbesserungsbedürftig eingeschätzt. Insgesamt stimmten rund 60 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass ihnen „aufgrund des Distanzunterrichts Lernstoff fehlt“.

 

Es wurden zu zwei offenen Fragestellungen 11.000 Vorschläge geäußert, wie der verpasste Lernstoff aufgeholt (z. B. fakultativer Zusatzunterricht) und der Distanzunterricht künftig besser gestaltet werden könnten (z. B. vermehrte Nutzung hybrider Unterrichtsformen; Verbesserung der Möglichkeiten zur Kommunikation mit den Lehrkräften; verbesserte Technikausstattung bei Lehrkräften und Schülern). Diese Vorschläge sollen in den kommenden Wochen weiter ausgewertet werden.

 

Unterstützung beim Distanzunterricht

Den Schülerinnen und Schülern fehlten während des Distanzunterrichts insbesondere soziale Aspekte der Schule („Meine Mitschülerinnen und Mitschüler haben mir gefehlt“). 41,2 Prozent der Jugendlichen fühlten sich während des Distanzunterrichts „oft“ oder „manchmal“ einsam.

 

Vielen Jugendlichen bereitete das selbstständige Bearbeiten der Schulaufgaben „oft“ (14,8 Prozent) oder „manchmal“ (45,9 Prozent) inhaltliche Probleme. Mehr als zwei Drittel der betroffenen Jugendlichen erhielten Hilfe. Hierbei spielten – neben Eltern und Freunden – auch Lehrkräfte eine entscheidende Rolle.

 

Abgesehen von der Lehrkompetenz und dem Engagement der Lehrkräfte, stellt die technische Ausstattung der Lernenden eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen des Distanzunterrichts dar. Technische Probleme beim Distanzunterricht erlebten 30,1 Prozent der Jugendlichen „oft“ oder „manchmal“. Nur 41,8 Prozent der oft oder manchmal Betroffenen erhielten Hilfe. Bei jeweils mehr als 40 Prozent der Betroffenen bezogen sich die Probleme auf die eigene Internetverbindung (44,5 Prozent), die Internetverbindung der Schule (41,2 Prozent) oder Softwarefehler (40,4 Prozent). Etwa ein Fünftel der Jugendlichen mit technischen Problemen hatte keinen Zugriff auf ein benötigtes Gerät (20,6 Prozent).

 

Akzeptanz von Corona-Maßnahmen

Die Jugendlichen zeigen großes Verständnis für die Maßnahmen zur Pandemie-Bekämpfung. Die meisten Jugendlichen kennen die geltenden Regeln, zwei Drittel verstehen sogar, „warum welche Maßnahmen gelockert wurden oder auch nicht“. Die überwiegende Mehrheit der Jugendlichen zeigt „völlig“ oder „teilweise“ Verständnis im Hinblick auf das Abstandsgebot, die Quarantäneregeln und die Maskenpflicht. Weniger Verständnis herrscht für die Ausgangsbeschränkungen, die Kontaktverbote und die Geschäftsschließungen: Jeweils rund 40 Prozent der Befragten lehnen diese drei Maßnahmen ab.

 

Zustimmung zu Verschwörungstheorien und Informationsverhalten

Mehr als die Hälfte der Jugendlichen stimmt zu, dass die Politik die Corona-Berichterstattung kontrolliert. Fast jeder fünfte Jugendliche meint, dass das Virus nicht existiert. Über 40 Prozent halten das Virus mehr oder weniger für eine normale Grippe, mehr als ein Drittel der Jugendlichen vermutet eine Absicht hinter der Virusentstehung. Die Akzeptanz für die verschiedenen Corona-Maßnahmen fällt unter den Anhängern von Verschwörungstheorien unterdurchschnittlich aus. Diese empfinden die Maskenpflicht viel stärker als belastend und lehnen sie daher auch viel entschiedener ab.

 

Jugendliche schenken „klassischen“ Medienangeboten mehr Vertrauen als vielen sozialen Medien. Dies hält sie jedoch nicht davon ab, sich über soziale Medien zum Thema „Corona“ zu informieren. Für Verschwörungstheorien empfängliche Jugendliche haben ein geringes Vertrauen in klassische Medien und vertrauen stattdessen eher auf Informationen aus den sozialen Medien.

 

Bewertung der Corona-Politik und politische Teilhabe
Viele Jugendliche stellen der Politik während der Corona-Pandemie kein sehr gutes Zeugnis aus. Nur wenige Jugendliche (8,6 Prozent) stimmen „völlig“ zu, dass Politiker in Bezug auf Corona „im Interesse der Bürgerinnen und Bürger“ handeln („stimmt teilweise“: 49,5 Prozent; „stimmt kaum“: 24,2 Prozent; „stimmt nicht“: 17,6 Prozent). Wenn Jugendliche daran glauben, dass Politiker im Hinblick auf Corona im Interesse der Bürgerinnen und Bürger handeln, akzeptieren sie auch eher die Corona-Maßnahmen und insbesondere die Maskenpflicht.

 

Anhänger von Verschwörungstheorien haben in der Vergangenheit mehr Gewalt gegen fremdes Eigentum oder Personen angewandt als andere Jugendliche. Darüber hinaus zeigen Anhänger von Verschwörungstheorien eine unterdurchschnittliche politische Partizipationsbereitschaft und ein geringeres politisches Interesse als andere Jugendliche.

 

Studiendesign

Die Befragung richtete sich an Schülerinnen und Schüler ab der 7. Klasse und Auszubildende in allen 485 weiterführenden Schulen und den Förderschulen. Sie begann mit der postalischen Übersendung der Informationsmaterialien und Zugangscodes an die Schulen am 22. September und endete am 10. Dezember 2020. Teilgenommen haben 17.156 Schülerinnen und Schüler ab der 7. Klasse sowie Auszubildende aus rund 220 Schulen, dies entspricht 9,7 Prozent der zu Befragung eingeladenen insgesamt knapp 180.000 Jugendlichen dieser Altersgruppe. Alle Altersgruppen, Schulformen und Regionen sind in der Erhebung vertreten, deren Ergebnisse repräsentativ sind.

 

Hintergrund

Seit 1991 führt das von Prof. Dr. Dietmar Sturzbecher geleitete Institut für angewandte Familien-, Kindheits- und Jugendforschung e.V.  an der Universität Potsdam (IFK) die Zeitreihenstudie „Jugend in Brandenburg“ durch. Neben den turnusgemäßen Erhebungen – die 9. Studie im Rahmen der Zeitreihe ist für Ende 2021/2022 geplant – werden Sondererhebungen durchgeführt.

 

Die aktuelle Studie wird vom Ministerium für Bildung, Jugend und Sport gefördert mit rund 112.000 Euro. Der eingesetzte Fragebogen enthielt sowohl ausgewählte Fragen aus der Zeitreihenstudie des IFK als auch Corona-spezifische Fragen. Bei der Entwicklung des Fragebogens wurden u.a. Vertreterinnen und Vertreter des Landesrats der Schülerinnen und Schüler, des Landeselternrats, des Landesjugendrings sowie des Landes- Kinder- und Jugendausschusses einbezogen.

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