„Ich möchte mit meinem Kopftuch niemanden Angst machen – im Gegenteil“

Shala Pana Zada und ihr steiniger Weg zur neuen Kultur. Foto: Babbe

Finsterwalde.  

Sie kommt als Letzte, aber pünktlich zur Zeugnisausgabe. Sie grüßt freundlich und setzt sich still und leise ans Ende der Stuhlreihe, ein Stück weg von den anderen im Klassenraum.  Shala Pana Zada stammt aus Afghanistan. Die junge Frau lebt seit Ende 2014 in Deutschland – seitdem kämpft sie sich Stück für Stück ins neue Leben. Wieder ein Stück geschafft: Shala bekommt ihr Zeugnis der 10. Klasse überreicht.  

Ihr Vater hat in Afghanistan bei der NATO gearbeitet, wo er einen Unfall erlitt, seit dem gelähmt ist und vor allem von seiner Frau, Shalas Mutter gepflegt wird. Die fünfköpfige Familie – Shala hat noch einen Bruder und eine jüngere Schwester - kam auf Anraten der NATO nach Deutschland, hat zunächst in Herzberg gewohnt,  später ist sie nach Finsterwalde umgezogen. Die heute 22-Jährige hat bei Bildungsträgern Deutschkurse, auch einen Englischkurs besucht und sich bei der Kreisvolkshochschule für einen Kurs zur Fachoberschulreife angemeldet. Zwei Jahre lang saß Shala von montags bis donnerstags, immer am Nachmittag bis 17.30 Uhr, auf der Schulbank und paukte den Stoff der 9. und 10. Klasse in den einzelnen Fächern.  Dazu musste sie anfangs an jedem Schultag zwischen Herzberg und Finsterwalde mit dem Bus hin und her pendeln.

 

Die junge Afghanin ist zufrieden mit ihren Noten auf dem Zeugnis: Zweien sind darunter, auch Dreien, eine Vier ist dabei.  Doch die möchte sie jetzt noch verbessern: Shala will sich zu einem weiteren Kurs bei der Volkshochschule anmelden. „Ich möchte mein Abitur machen und danach vielleicht studieren“, steckt die ehrgeizige Frau die nächsten Ziele ab. Von ihrem eigentlichen Berufswunsch hat sie sich inzwischen verabschiedet. Die feinfühlige Frau erzählt eine Episode: „Ich wollte gern Arzthelferin werden, deshalb habe ich meinen Schulabschluss gemacht.“ Doch dann hatte sie ein für sie schockierendes Erlebnis, das ihre Pläne umwarf. „Als ich bei einem Arzt ein Praktikum machte, sagte man mir, die Kinder hätten Angst vor mir, weil ich ein Kopftuch trage. Ich möchte niemanden Angst machen – im Gegenteil, ich möchte den Menschen helfen, so wie man mir und meiner Familie hilft“, sagt die junge Muslimin, die ihr schwarzes Haar unter einem Kopftuch versteckt. Ihre Gedanken sind da vor allem bei ihrem schwer kranken Vater, der inzwischen zu einem Pflegefall geworden ist.  Sie möchte gern einen sozialen Beruf studieren.

Doch um die Hochschulreife zu erlangen, muss sie ab Herbst drei Jahre lang täglich zur Volkshochschule nach Cottbus fahren, falls in Herzberg ein Kurs nicht zustande kommt. Außerdem braucht sie einen B2-Deutschabschluss, damit sie zum Studium zugelassen wird. Und dann steht da noch eine andere wichtige Prüfung an: Shala möchte gern Auto fahren und dadurch selbstständig sein. Die theoretische Prüfung für den Führerschein hat sie bereits erfolgreich absolviert, vor der praktischen hat sie aber noch tüchtig Bammel. Hier will ihr die Kreisverkehrswacht helfen, wo sie sich auf dem Verkehrsübungsplatz in Massen – ohne die kritischen Augen eines Fahrprüfers – schon mal mit dem Auto und der Fahrweise vertraut machen kann.

Zwar melden sich inzwischen immer mehr Geflüchtete verschiedener Nationalitäten bei der Volkshochschule an, um Kurse zu Schulabschlüssen zu belegen, „doch springen immer wieder auch viele ab, auch Deutsche, vor allem aber Ausländer“, schätzt Christoph Butters, bei der Kreisvolkshochschule Elbe-Elster für den Fachbereich Zweiter Bildungsweg zuständig, ein. So hat die Klasse von Shala  mit knapp 30 Teilnehmern begonnen, ein Zeugnis haben am Ende nur 14 bekommen. „Viele  Ausländer haben vor allem Probleme mit der deutschen Sprache, aber auch mit unserer Kultur, unserer Demokratie. Manche Männer kommen nicht klar damit, dass sie von Frauen unterrichtet werden.“  Diese Erfahrung hat auch Sabine Hendlmeier gemacht – die Lehrerin am Finsterwalder Sängerstadt-Gymnasium arbeitet auch an der Kreisvolkshochschule, sie ist die Klassenleiterin der 9. und 10. Klasse. „Ich hätte anfangs nicht gedacht, dass Shala den Abschluss schafft, die junge Frau war so zurückhaltend und ruhig.“ In den zwei Jahren sei sie kaum krank, dafür sehr ehrgeizig und wissbegierig gewesen. 

Dieser Ehrgeiz treibt Shala auch weiter an. „Ich habe noch viele Wünsche, die ich mir erfüllen möchte“, sagt die junge Frau. So vermisst sie noch mehr soziale Kontakte mit Deutschen, eine echte Freundin hätte sie gern. Ein Wunsch dürfte kein Problem und eher ein kurzer Weg zu seiner Erfüllung sein: „Ich würde gern Gitarre spielen lernen.“ Die Musikschule befindet sich unter dem Dach der Kreisvolkshochschule. Ein anderer Wunsch dürfte da allerdings eher Probleme machen: „Ich möchte gern regelmäßig in der schönen Finsterwalder Schwimmhalle schwimmen – als Muslimin aber nicht zusammen mit Männern.“  Shala wird weiter viel lernen müssen – auch, dass in Deutschland Männer und Frauen gemeinsam ein Schwimmbad besuchen. Eine für uns wichtige Frage der Gleichberechtigung.

 

Dieter Babbe

 

 

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