Letzte Meile zum ÖPNV: Mobilitätsagentur soll neue Wege finden

Letzte Meile zum ÖPNV: Mobilitätsagentur soll neue Wege finden

Auf vielen Strecken fehlen geeignete Radwege oder sie werden einfach zugeparkt. Eine Studie zeigt, das eine Mobilitätsagentur in der Lausitz ländliche Kommunen bei der Anbindung an den ÖPNV unterstützen könnte. Foto: Linus Schütz | Pixabay

Studie zeigt Möglichkeiten zur Anbindung ländlicher Regionen

Cottbus/Zeuthen.  Eine Lausitzer Mobilitätsagentur kann die Kommunen im ländlichen Raum bei der Überwindung der "letzten Meile" unterstützen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die im Auftrag der Wirtschaftsregion Lausitz GmbH im Rahmen des Projektes "Zukunftswerkstatt Lausitz" erstellt wurde. Als "letzte Meile" wird der Abschnitt bezeichnet, der nicht mehr an den öffentlichen Verkehr angebunden ist. Das führt in ländlichen Regionen zu Standortnachteilen.

Dort sind die Bewohner oft auf ein eigenes Fahrzeug angewiesen. Einkaufen wird insbesondere für die älter werdende Bevölkerung zum Problem. Ausbildungsplätze können nicht besetzt werden, weil die Jugendlichen den Betrieb nicht erreichen. Die Attraktivität für Zuzügler sinkt. Wie umgehen mit dieser Herausforderung? Die Autoren der Studie schlagen eine Lausitzer Mobilitätsagentur vor, die verkehrsverbundübergreifend in Sachsen und Brandenburg arbeitet. Um keine Doppelstrukturen aufzubauen, soll sie bestehende Angebotslücken schließen.

Als "Kümmerer" vor Ort kann die Agentur Gemeinden zu Mobilitätsangeboten beraten, bei der Umsetzung von konkreten Vorhaben unterstützen und das Qualitätsmanagement so organisieren, dass regionsübergreifend ein attraktives, lückenarmes Verkehrsangebot entsteht. Im Idealfall befähigt die Agentur durch die umfassende Initialberatung die Gemeinden dazu, selbst die Herausforderungen auf der letzten Meile zu bewältigen und entsprechende Planungen anstoßen.


Kosten von 1,6 Millionen Euro pro Jahr

Die Studie beziffert die jährlichen Kosten der Lausitzer Mobilitätsagentur nach erfolgreichem 30-monatigem Testbetrieb mit rund 1,6 Millionen Euro. Langfristig wird eine eigenständige Gesellschaft der Länder Brandenburg und Sachsen empfohlen. Vorbild kann die Sächsische Energieagentur Saena sein, die zu 100 Prozent von der öffentlichen Hand getragen wird und damit unabhängig in der Beratung ist. Erste Praxistests zur Arbeitsweise der Lausitzer Mobilitätsagentur wurden im sächsischen Kodersdorf (Landkreis Görlitz) und den brandenburgischen Gemeinden Zeuthen, Eichwalde und Schulzendorf (Landkreis Dahme-Spreewald) durchgeführt.

Die Lausitzer Modellgemeinden kämpfen mit unterschiedlichen Herausforderungen. Während es in Kodersdorf um die bessere Anbindung des Ortes und seines Industriegebietes an den ÖPNV geht, benötigen die Gemeinden im Süden Berlins eine bessere Radinfrastruktur. Heiko Jahn, Geschäftsführer der Wirtschaftsregion Lausitz: "Die Themen, die aufgegriffen wurden, sind nah an den Bedürfnissen der Bürger. Wir sehen anhand der Ergebnisse, welchen Mehrwert eine Mobilitätsagentur in der Lausitz bringen kann." Die Praxistests liefen zwischen Januar und Mai 2020 und führten zu konkreten Handlungsempfehlungen für die Kommunen.


Modellgemeinde Kodersdorf in Sachsen

Im Industriegebiet Kodersdorf arbeiten rund 1.300 Pendler. Der Bahnhof ist fünf Kilometer entfernt. Die Busfahrpläne sind auf Schülerverkehr, nicht aber auf Schichtbetrieb abgestimmt. Somit ist ein Großteil der Mitarbeiter in den Unternehmen auf den eigenen Pkw angewiesen. Von einer Verbesserung der Anbindung des Industriegebietes könnte auch der Ortskern profitieren. In Workshops und Befragungen wurde gemeinsam mit den Betriebsleitungen, Mitarbeitern und den Einwohnern der Bedarf und die Akzeptanz von alternativen Mobilitätsangeboten herausgearbeitet.

Empfohlen wird zunächst eine Stärkung des Radverkehrs. Neben guten Radwegen sind sichere und einladende Abstellmöglichkeiten ebenso nötig, wie eine bessere Fahrradmitnahme in Bus und Bahn. Vorgeschlagen wird außerdem ein Direktshuttle aus Pendlergebieten um Görlitz, Niesky und Horka als klassischer Werksverkehr. Langfristig sei auch die Erprobung eines Shuttles denkbar, der den Bahnhof mit Ortskern und Industriegebiet verbindet. Für die generelle Verbesserung des ÖPNV in Kodersdorf wird ein Multifunktions-Shuttle vorgeschlagen, der etwa zum Einkaufen genutzt werden könnte.

Eine Lausitzer Mobilitätsagentur könnte Kodersdorf bei der Umsetzung der erarbeiteten Ideen unter die Arme greifen. Zum Beispiel bei Fragen der Finanzierung, Absprachen mit zuständigen Behörden und Aufgabenträgern sowie beim Werben um Akzeptanz in der Bevölkerung.


Modellgemeinden Zeuthen-Eichwalde-Schulzendorf (ZES) in Dahme-Spreewald

In der Modellregion Zeuthen-Eichwalde-Schulzendorf (ZES) geht es um die bessere Radfahr-Anbindung an den Flughafen BER und zum Verkehrsknotenpunkt Königs Wusterhausen. Zwischen den Gemeinden selbst soll der Lückenschluss zur letzten Meile verbessert werden. Untersuchungen ergaben, dass einige Verbindungen per Rad oder in Kombination Rad mit ÖPNV schneller erreichbar sind als mit dem Pkw. In der vorhandenen Infrastruktur wurden jedoch Probleme erkannt. Kopfsteinpflaster, fehlende Radwege oder parkende Autos als Hindernisse mindern die Lust aufs Rad zu steigen. In einem Maßnahmen-Katalog werden deshalb die notwendigen Schritte beschrieben.

Für einen Radschnellweg zum BER braucht es eine feste Routenplanung und sichere ergänzende Zubringer. Ausgewählte Strecken benötigen eine Teilasphaltierung, andere eine Instandhaltung und ein Parkraumkonzept. Um dem Autoverkehr auszuweichen, wird eine ausgebaute Hauptverbindung parallel zur L401 empfohlen. Eine Fahrradmitnahme in Bussen soll sicherstellen, dass es durch die Kombination Rad und ÖPNV zu schnelleren Reisezeiten kommt. Die Studie schätzt ein, dass durch den Lückenschluss im Radwegenetz ein "essenzieller Beitrag zur Verbesserung der Gesamtverkehrsleistung in der Region ZES" erreicht werden kann.

Die Lausitzer Mobilitätsagentur würde den verbesserten Informationsfluss und insbesondere die interkommunale Zusammenarbeit unterstützen, um die Überwindung der letzten Meile zu beschleunigen. Die Studie "Entwicklung von Konzepten und Instrumenten zur Beförderung von Personen und Kleinstgütern auf der letzten Meile in der Lausitz" wurde erstellt im Auftrag der Wirtschaftsregion Lausitz GmbH im Rahmen des Projektes "Zukunftswerkstatt Lausitz". AutorInnen der Studie sind Heike Schleussner und René Pessier von der Mobilitätswerk GmbH Dresden.  red/sg

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