Die slawisch-wendische Wallanlage von Stradow

Spuren des einstigen Stradower Ringwalles in der Landschaft noch gut erkennbar

Auf dem Foto ist der stark befestigte und erhöhte Wanderweg sowie das massiv eingedeichte Vetschauer Mühlenfließ, im Gegensatz zur nahen Umgebung, auf dem Gelände des ehemaligen Stradower Ringwalles zu erkennen. Fotos: Bernd Marx

Straße vom Vetschauer Ortsteil Stradow in Richtung Fleißdorf. Beim Blick über das Vetschauer Mühlenfließ erkennt man das Areal des einstigen Stradower Ringwalles, der in der Landschaft nur bei genauem Hinschauen noch erkennbar ist.

Stradow. Historische, politisch-soziale und wirtschaftliche Veränderungen sowie gewalttätige und militärische Auseinandersetzungen werden vor über 1100 Jahren das Leben der slawischen Bevölkerung im Spreewaldraum maßgeblich beeinflusst haben. Etwa in diesem Zeitraum wurden die Slawenburgen und Wallanlagen in der Region errichtet. Eine von ihnen war der Ringwall von Stradow bei Vetschau.

 Die slawische Bevölkerung im heutigen Vetschauer Ortsteil Stradow, niedersorbisch /wendisch Tsadow, fand vor etwa 1100 Jahren bei bedrohlichen Situationen und gewalttätigen Übergriffen durch einwandernde Volksgruppen in einer nahen Wallanlage Zuflucht.
Obwohl die Wallanlage von Stradow mittlerweile als Bauwerk fast vollständig verschwunden ist, sind aber noch Spuren des einstigen Ringwalles etwa 800 Meter nordöstlich des heutigen Vetschauer Ortsteiles in der Landschaft auszumachen.

Wer von Stradow in Richtung Fleißdorf geht oder fährt, sieht linker Hand, über das Vetschauer Mühlenfließ hinweg schauend, das Areal des einstigen Ringwalles. Auf dem Areal steht heute ein prächtiger Wald mit Buchen, Eichen, Erlen, Pappeln, Birken und anderem Gehölz.

Wissenschaftler gehen davon aus, dass die einst slawische Bevölkerung etwa im letzten Drittel des 9. Jahrhunderts an dieser Stelle einen Ringwall vom Typ „Tornow“ mit einem Durchmesser von etwa 75 Metern errichtet hat. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass der Ringwall zwischen den Jahren 880 und 960 große strategische Bedeutung für den Schutz der slawischen Bevölkerung hatte.
Das Material des Ringwalles wurde im Laufe der Jahrhunderte überwiegend abgetragen und zur Errichtung der Fischteiche, zum Bau und zur Befestigung der Wege sowie zur Eindeichung des Vetschauer Mühlenfließes verwendet. Das Vetschauer Mühlenfließ versorgte einst die slawische Bevölkerung und die Tiere bei ihrem Aufenthalt in der Wallanlage mit dem notwendigen Trinkwasser. Noch heute umschließt das Vetschauer Mühlenfließ das Areal der einstigen Wallanlage und versorgt die heutigen Stradower Fischteiche mit dem kostbaren Nass.  
Wissenschaftler vermuten, dass zur Eindeichnung der Stradower Fischteiche, bereits erhebliche Mengen von Erdmassen von der Wallanlage verwendet wurden.

Die einstige Fläche des Ringwalles ist durch eine leichte Erhöhung, etwa 0,5 Meter bis ein Meter zum Umland,  zu erkennen. Auch scheint es, dass bei der Abtragung des Ringwalles auf wenig Sorgfalt gelegt wurde. Das Areal ist von Löchern, Unebenheiten und Hügeln durchfurcht.  Auffällig sind die stark befestigten Wege und stabilen Eindeichungen des Vetschauer Mühlenfließes. Dem Betrachter wird schnell klar, dass diese Wege und Eindeichungen mit großer Sorgfalt angelegt wurden, da sie sich von der „natürlichen“ Umgebung stark abheben. 

Wann der Stradower Ringwall von der slawischen Bevölkerung konkret aufgegeben wurde, ist nicht bekannt. Nach Ansicht der Wissenschaftler soll der Ringwall, sein genaues Aussehen kennt man leider nicht, bereits im 10. Jahrhundert als sichere Schutzanlage aufgegeben worden sein. Bisher hat keine moderne Ausgrabung stattgefunden, sodass vermutlich erst spätere Generationen ein konkretes Bild vom Ringwall erhalten werden. Nach Berechnungen des Autors wurden zum Bau des Ringwalles mitten in eine Niederung vermutlich 10 000 bis 15 000 Kubikmeter Erdreich benötigt. Teile dieser Erdmassen könnten durch den Aushub eines Teils des Vetschauer Mühlenfließes gewonnen worden sein.  
Erstaunlich ist, dass in nur etwa 3,5 Kilometer westsüdwestlicher Entfernung sich der berühmte Ringwall von Raddusch befindet, der heute als „Radduscher Slawenburg“ weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt ist. Die Wissenschaftler vermuten, dass die beiden Wallanlagen unterschiedlichen slawischen Gruppen oder Herrschern (slawische Fürsten) gehörten.

Etwa sechs Kilometer weiter südwestlich befand sich mit dem Ringwall in Saßleben bereits die nächste Wallanlage. Diese wurde Anfang der 1990-Jahre von Archäologen untersucht, wobei bedeutende Artefakte und Spuren der Besiedlung entdeckt, dokumentiert und fotografiert wurden.
In etwa fünf Kilometer nordwestlicher Entfernung befand sich einst in der Ortschaft Groß Lübbenau, heute ein Ortsteil von Lübbenau, die nächste slawische Wallanlage.
Sie wurde etwa zur gleichen Zeit erbaut, die Wissenschaftler gehen vom Jahr 920 aus, wie der Ringwall von Stradow. Etwa im 12. und im 13. Jahrhundert wurde auf dem Areal der einstigen slawischen Wallanlage ein Schloss errichtet, welches Anfang der 1980-er Jahre dem Braunkohletagebau Seese-Ost zum Opfer fiel. Bei archäologischen Ausgrabungen ab 1980 wurden zahlreiche Artefakte aus der frühen Besiedlung entdeckt und dokumentiert.

Die Standorte der slawischen Wallanlagen machen deutlich, der Abstand von Wallanlage zu Wallanlage beträgt nur etwa vier bis sechs Kilometer, dass es möglich war, in kurzer Zeit eine Nachbarburg zu erreichen. Auch wenn es noch keine moderne Straßen- oder Wegeverbindung gab, so konnte eine gut trainierte Person innerhalb von einer Stunde die benachbarte Wallanlage erreichen.  

Der Ort Stradow erschien im Jahre 1363 erstmals als „Stradowe“ in den Annalen der Geschichte.
Man geht davon aus, dass der Führer der slawischen Volksgruppe, ein gewisser „Strad“ der Namensgeber für den Ort war. Es war die Siedlung des „Strad“. Aber vielleicht geht die Namensgebung auch auf andere Belegstücke oder Beweise zurück, da Schriftstücke, Urkunden und Dokumente aus dieser Zeit kaum vorhanden sind. Die slawische Bevölkerung hatte zu dieser Zeit nicht einmal eine Schrift, sondern gab historische Überlieferungen, Mitteilungen und Informationen nur mündlich weiter.
In den Jahren 1460 und 1484 war die Schreibweise „Strado“, und in den Jahren 1495 und 1527 „Stradaw“. Es folgten im Jahre 1761 „Tschadow“ und im Jahre 1843 „Tsadow“.

In Dokumenten wurde im Jahre 1613 die Bezeichnung „Stzadows Sohn“, im Jahre 1656 „Tzschadow“. Im Jahre 1615 „Orthia Tzadowcka“ sowie in den Jahren 1691 der Personenname „Ursula  Ktzschadoin“ und 1770 „Kschadows Tochter“ aufgespürt.                Bernd Marx, Boblitz

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