„Wir müssen wie Kühe denken“

Dann klappt es auch in großen Beständen mit dem Tierwohl!

Anja Müller-König erklärt Benjamin Raschke das Prinzip der modernen und offenen Boxenlaufställe. Die Tiere können sich hier frei bewegen, in Einzel-Liegeboxen auf kühlendem Einstreu Ruhe finden. Fotos: ed

Anja-Müller König: Die Kühe liegen auf einem Gemisch aus Stroh, Kalk und Wasser in großen Tiefliegeboxen.

Goßmar. Goßmar. Fast die komplette Zahl der Beschäftigten (68) der Agrargenossenschaft Goßmar hatte sich versammelt, um den Landtagsabgeordneten Benjamin Raschke (Bündis 90/Grüne) zu begrüßen und um zu demonstrieren, dass Tierwohl auch in großen Haltungsformen möglich ist.
So war auf seiner Internetseite zu finden: „... Die Tiere bekommen ihr Futter vom eigenen Hof, haben genügend Auslauf und ein gesundes, glückliches Leben. BäuerInnen erzeugen, verarbeiten und vermarkten ihre Produkte naturschonend und regional, können mit ihrem Betrieb sich und ihre Familien ernähren. Die Welt hinter den meisten Stalltüren sieht jedoch anders aus: industrielle Massentierhaltung, hoher Ressourcenverbrauch und Nährstoffeintrag auf Kosten der Umwelt, prekäre Arbeitsbedingungen, Lebens- und Futtermittelskandale. Unsere Alternative zur industriellen Tierproduktion bzw. zur idyllischen Museumslandwirtschaft ist eine moderne Landwirtschaft.“ Eines Besseren belehren und eine differenzierte Betrachtung von Landwirtschaftsunternehmen und ihrer Art anzukurbeln, war das Ziel der Beschäftigten, allen voran die Vorstandsvorsitzende der Agrargenossenschaft, Anja Müller-König. Sie leitet den Betrieb seit acht Jahren. Viel wurde in den vergangenen Jahren investiert. Die Stallanlagen sind modern, ganz auf die Bedürfnisse der Tiere zugeschnitten. „Wir dürfen nicht denken wie Menschen, wir müssen wie Kühe denken“, sagt Anja Müller-König.

Goßmar. „Wir verstehen diesen Besuch als Einladung, sich ein eigenes Bild von erfolgreicher konventioneller Tierhaltung in Brandenburg zu machen, die viele aufgrund ihrer Größe vermutlich als Massentierhaltung bezeichnen würden“, erklärt Thomas Auert, Geschäftsführer der RBB Rinderproduktion Berlin-Brandenburg und Initiator des Besuches das Ziel. Dass groß dabei nicht gleich groß ist, macht die Vorstandsvorsitzende der Agrargenossenschaft Anja Müller-König gleich zur Begrüßung vor versammelter Mannschaft klar.
Seit acht Jahren leitet sie den über 4000 Hektar großen Betrieb, der 1100 Milchkühe, 200 Mutterkühe und 270 Schweine hält und Arbeitgeber für 68 Menschen aus der Region ist. „Ich stehe heute nur stellvertretend für unsere 68 Mitarbeiter und ihre Familien, die hier verwurzelt sind und für die wir täglich Wertschöpfung betreiben. Das ist ein ganzes Dorf, für das wir Verantwortung tragen“, so Müller-König. „Unsere Genossenschaft ist kein Kunstprodukt, sondern eine gewachsene Strukur. Es herrschen flache Hierarchien, unsere 8 Azubis sind unser ganzer Stolz“, erklärt die Chefin. 50 Prozent ihrer Mitarbeiter sind unter 40. „Unser Team ist jung und überdurchschnittlich gut ausgebildet. Lösungen für unsere Tiere nehmen wir nicht von der Stange, sondern entwickeln sie gemeinsam. Auf jeden Mitarbeiter kommen 73,5 Hektar Fläche und 16,1 Milchkühe - das ist weniger als in den meisten Familienbetrieben“, rechnet sie vor.

„Hier passt die Tierzahl zur Flächenausstattung“, räumt Rascke ein. Auch die Mitarbeiterzahl stimme, das sei aber nicht überall in Brandenburg der Fall.  Wie er Mehrfamilienbetriebe wie Goßmar von reinen Finanzinvestoren ohne regionalen Bezug künftig unterscheiden will, wenn es um die befürchtete Kappung der Agrarsubventionen für Großbetriebe geht, scheint allerdings noch unklar. „Auch wenn ich ein Befürworter der Kappung bin, müssen wir Möglichkeiten finden, bei großen Betrieben zu  unterscheiden“, so Raschke. Ggf. müssten Auslegungspielräume genutzt und Arbeitsplätze angerechnet werden. Mit besonderer Spannung erwartet wurde vor allem Raschkes Positionierung  zur Zukunft der Tierhaltung im Land. „Ist Nutztierhaltung in Brandenburg von den Grünen überhaupt gewollt?“ bringt Müller-König ihre Bedenken auf den Punkt.  „Auch wenn ich selbst Vegetarier bin, erkenne ich an, dass die Tierhaltung für die Landwirtschaft in Brandenburg unabdingbar ist“, so Raschke. Deshalb befürworte er auch die Entwicklung einer Nutztierstrategie unter Beteiligung der Verbände. Er bedauere allerdings, dass sich das Landwirtschaftsministerium dieser wichtigen Aufgabe bisher noch nicht gewidmet habe. ed/Borjana Dinewa-Zelt

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