Digitales Sommersemester: Lernen für die Zukunft

Finanzielle Situation vieler Studierender katastrophal

Potsdam. Das Sommersemester 2020 hat Studierende wie Lehrende hart getroffen. Innerhalb einer Woche mussten sich Universitäten und Hochschulen vom regulären Präsenzbetrieb auf digitale Stoffvermittlung im Homeoffice umstellen. Am Montag hat Wissenschaftsministerin Manja Schüle (SPD) gemeinsam mit den Vorsitzenden der Landesrektorenkonferenz, Ulrike Tippe und Oliver Günther, sowie dem Sprecher der Brandenburgischen Studentenvertretung (Brandstuve), Jonathan Wiegers, eine Bilanz des digitalen Semesters gezogen.

Bereits am 13. März wurden die Lehrveranstaltungen Corona bedingt ausgesetzt, erinnerte Schüle, doch schon eine Woche später konnte der Notbetrieb für etwa 50.000 Studierende und rund 80.000 Mitarbeitende starten. Schwierig war das nicht nur für Studierende, die unter unzureichendem Internetempfang litten, auch die Lehrenden waren im Homeoffice mit technischen Problemen konfrontiert. Hinzu kommt, dass ein Online-Kurs aus weit mehr als einer Kamera in einem Hörsaal - oder eben am eigenen Schreibtisch - besteht und ein abgelesener Vortrag die Lernenden vor dem Bildschirm eher einschläfert als ihnen den Stoff nachhaltig zu vermitteln.

Vieles war für alle Beteiligten vollkommen neu. Gruppentreffen per Zoom, Kurse per Videochat, Tutorials per YouTube - das sind Möglichkeiten, die es in Zukunft auszubauen gilt, denn der plötzliche Einbruch durch die Corona-Pandemie hat trotz aller Probleme auch zu positiven Erkenntnissen für die Zukunft geführt, sind sich Rektoren und Ministerin einig. Schon im kommenden Wintersemester, das bereits jetzt als "Hybridsemester" gilt, werden alle Hochschulen von den Erfahrungen profitieren können, da die räumlichen Begrenzungen unweigerlich dazu führen werden, dass nur ein Teil der Veranstaltungen vor Ort in den Hörsälen stattfinden kann.


Nur drei Tage Vorbereitungszeit

An der TH Wildau habe man nur drei Tage Vorbereitungszeit gehabt, erläuterte deren Rektorin Ulrike Tippe. Als äußerst positiv sieht Tippe allerdings die enge Abstimmung mit den anderen Hochschulen und dem Ministerium. Die täglichen Telefonkonferenzen hätten zu sehr guter interner Kommunikation geführt, die sie auch in Zukunft nicht missen möchte. Dabei hat man in Wildau nicht bei Null angefangen: Digitale Infrastruktur und Know-how wurden hier seit Jahren erarbeitet. An der Technischen Hochschule ist die Klausurenphase mittlerweile zwar beendet, eine Evaluation des Semesters steht aber noch aus. Sicher ist jedoch, dass Corona als eine Art Trigger gedient hat, um digitale Kompetenzen in Extremsituationen zu testen. Für das Wintersemester sei man nun deutlich besser vorbereitet.

Der Präsident der Uni Potsdam, Oliver Günther betonte, dass das Sommersemester auch an seiner Hochschule mit großen Schwierigkeiten verbunden gewesen sei, obwohl hier im Gegensatz zu ländlicheren Regionen Brandenburgs die Internetversorgung meist auch im Homeoffice bei allen gut funktionierte. Im Gegensatz zu Berlin hatte Brandenburg zudem Studierenden den Zugang zu einigen Räumen in den Hochschulen gewährt, so dass Internetzugänge auch direkt vor Ort genutzt werden konnten. Für das kommende Wintersemester sieht Günther aufgrund der geltenden Abstandsregelungen für maximal 25 Prozent der Studierenden die Möglichkeit, an Präsenzveranstaltungen in der Uni teilzunehmen.


Kein Job, kein Geld, kein Studium

Ganz andere Probleme stehen für Studierendensprecher Jonathan Wiegers im Vordergrund. Ihm liegt vor allem die teils katastrophale finanzielle Lage vieler Studierender am Herzen. Unterstützung vom Bund sei viel zu spät und in bei weitem nicht ausreichenden Maß gekommen. Ein großes Problem, vor allem für diejenigen, die nebenher in typischen Studierendenjobs arbeiten. Denn wer in der Gastronomie oder im Tourismus jobt, hatte monatelang keine Arbeit und damit auch kein Einkommen. Rund eine Million Studierende in ganz Deutschland standen von heute auf morgen ohne Jobs da. Da häufig auch die Eltern in Kurzarbeit gerieten, hätten eigentlich viel mehr Studierende Anspruch auf BaföG gehabt - eine Reform des Bundesausbildungsförderungsgesetzes sei auf Bundesebene dringend nötig, so Wiegers.

Das sieht auch Wissenschaftsministerin Schüle ganz ähnlich. Sie hätte das Bafög gern kurzfristig geöffnet, um den Anteil der Berechtigten zu erhöhen und auch ausländischen Studierenden Zugang zu gewähren. Der Bund hat das jedoch abgelehnt. Trotzdem hat Brandenburg als eines von wenigen Bundesländern zusätzlich zu den drei Mal 500 Euro, die es jetzt maximal vom Bund gibt, Zuschüsse gezahlt.


Anträge für Zuschüsse viel zu kompliziert

Wer die Bundeshilfen beantragen wollte, sah sich zudem mit fast unlösbaren Problemen konfrontiert, da die Anträge viel zu kompliziert und deshalb häufig unvollstängig gewesen seien, so Wiegers. Die Studentenwerke Potsdam und Frankfurt (Oder) seien angesichts der katastrophalen finanziellen Lage allerdings kulanter als viele andere gewesen.

Trotz des wirtschaftlichen Tiefpunkts im Leben vieler Kommilitonen kann Wiegers dem Sommersemester auch etwas Positives abgewinnen. Die Umstellung auf die digitale Lehre bezeichnete er als "Hochpunkt". Latente Internetausfälle in ländlichen Regionen hätten jedoch auch die Versäumnisse der letzten Jahre aufgezeigt, nachhaltige Investitionen in die digitale Infrastruktur seien dringend nötig. Gleiches gelte für die Ausstattung der Studierenden, denn nicht alle könnten sich leistungsfähige Laptops leisten.

Wie viele Studierende das Studium letztlich abbrechen müssen, steht noch nicht fest. Schon heute sicher ist jedoch, dass Brandenburg eine individuelle Verlängerung der Regelstudienzeit anstrebt, die mit einer längeren Zahlung von Bafög einhergeht.

Besondere Aufmerksamkeit soll im kommenden Wintersemester den Studienanfängern zukommen. Denn die Hochschule sei schließlich auch ein Lebensort, betonte Schüle. Deshalb soll es für die Erstsemester mehr Präsenzveranstaltungen geben als für die höheren Semester, die bereits über wissenschaftliche Erfahrungen verfügen. Da Corona auch in den Schulen Ausfälle verursacht hat, will die Ministerin zudem Lehramts-Studierende zur Unterstützung in die Schulen schicken und damit die Lehrkräfte unterstützen. Neben der wertvollen Praxiserfahrung könnten die angehenden Pädagogen für ihre Einsätze auch bezahlt werden, so Schüles Plan, der noch mit dem Bildungsministerium abgeglichen werden muss.  sg