Neue E-Bus-Linie lässt Senioren im Regen stehen: Ärger auf der Insel

Prestigeprojekt von Stadt und Regiobus bereitet Senioren Probleme

Werder (Havel). Seit Dienstag fährt die neue Buslinie E30 ohne Lärm und Schadstoffe über Werders Insel. Ein E-Vito wird für die umweltfreundliche Verbindung vom Plantagenplatz zum Markt und weiter im Rundkurs durch die Altstadt eingesetzt. Der Kleintransporter bedient Brandenburgs erste regulär betriebene E-Buslinie im Auftrag der mittelmärkischen Verkehrsgesellschaft Regiobus.

Dementsprechend wurde er mit großem Bahnhof am vergangenen Freitag bei seinem ersten Auftritt auf dem Inselmarkt begrüßt. Zur Einweihung der neuen Linie reisten neben Vertretern der Stadt und des Landkreises auch Infrastrukturstaatssekretär Rainer Genilke (CDU) und die VBB-Geschäftsführerin Susanne Henckel eigens nach Werder.

Bis Ende des Jahres ist die neue batteriebetriebene Linie kostenfrei für Fahrgäste. Dennoch regt sich schon wenige Tage nach ihrer Einführung Unmut unter den Inselbewohnern. Denn die Sache hat einen nicht unerheblichen Haken: Der E-Vito kann nur sechs Passagiere transportieren, ist alles andere als barrierefrei und hat auch keinen Platz für Rollatoren oder Kinderwagen. Selbst Einkaufstrolleys können nur bei geringem Passagieraufkommen mitgenommen werden.

Mit dem Start der umweltfreundlichen Beförderung ist aber auch die alte Linie 630 zum Inselmarkt eingestellt worden, das heißt, für die Bewohner des historischen Stadtkerns gibt es keinen anderen Anschluss an den öffentlichen Nahverkehr als den Vito. Betroffen sind auch die Anschlussverbindungen, die ab Plantagenplatz fahren, wo die Line E 30 endet.

Der Rundkurs über die Insel sei ein Geschenk für Touristen, sagt beipielsweise Ulrike Ristau. Die Schwächsten der Gesellschaft, Senioren und Gehbehinderte, lebten nun in einem wunderschönen Gefängnis. Denn auf der Insel gibt es außer der Bäckerei Kirstein keinerlei Nahversorger für den täglichen Bedarf. Möchten die Inselbewohner jedoch mit dem Bus zum Werderpark fahren, müssen sie an der Post durchschnittlich 22 Minuten auf den Anschlussbus warten, auf dem Rückweg noch einmal das gleiche Spiel.


Weder Ankündigungen noch Fahrpläne für die Inselbewohner

Verärgert sind viele Ältere aber auch, weil es vorab weder Informationen noch Fahrpläne gab. Wer kein Internet habe, könne nicht einmal einen Fahrplan ausdrucken. Das haben inzwischen zwar einige rücksichtsvolle Bewohner getan und sie auch unter den Nachbarn verteilt, der Ärger ist damit aber noch nicht beigelegt. Deshalb ist Ulrike Ristau nicht die Einzige, die eine durchgehende Verbindung zum Werderpark und Bahnhof Werder für die Inselbewohner fordert.

Stadt und Landkreis sahen in der neuen Linie offenbar vor allem ein Prestigeprojekt, dessen Erfahrungen sich auf andere Strecken übertragen lassen soll. Vonseiten der Auftraggeber wird in erster Linie die Wendigkeit des Kleinbusses hervorgehoben, die ihn ideal für den Einsatz in den kleinen Gassen der Insel mache. Das ist auch nicht falsch, schließlich ist es ja nichts anderes als ein größeres Auto.

Die wirklichen Bedürfnisse der Bewohner hat dabei ganz offensichtlich aber keiner der Projektpartner im Auge gehabt. Da ist Nachbesserung dringend nötig, zumal die Ferien vor der Tür stehen und Werders Insel in den warmen Sommermonaten gerade in diesem Jahr zu einem Touristen-Hotspot werden kann. Wie weniger mobile Bewohner dann von und zur Insel kommen, ist ungewiss bei dem geringen Platzangebot im E-Vito.  sg

Kommentare

  1. User
    Lutze Werder, Fr, 05.06.2020 14:28

    "Stadt und Landkreis sahen in der neuen Linie offenbar vor allem ein Prestigeprojekt, dessen Erfahrungen sich auf andere Strecken übertragen lassen soll." Was heißt denn hier "offenbar" und "ganz offensichtlich"????, kann der Blickpunkt mehr nicht nachfragen?

  2. User
    Lutze Werder, Fr, 05.06.2020 14:40

    www.werder-havel.de/politik-rathaus/aktuelles/neuigkeiten/politik-rathaus/2125-antworten-zum-e-bus.html , hier steht, dass der 630 nur von 6 Leuten am Tag genutzt wurde!!!

  3. User
    H. Werder (Havel), Sa, 06.06.2020 12:04

    Wenn der Landkreis als Aufgabenträger so ausgewogen entschieden hätte wie der Blickpunkt das Thema reflektiert, dann wäre die Busverbindung zu Insel angesichts des fehlenden Bedarfs, der miesen Wirtschaftlichkeit und der erbärmlichen Umweltbilanz ersatzlos gestrichen worden.