Medikamente im Trinkwasser

EWP warnt vor Wasserverschmutzung, weil zu viele Tabletten "baden gehen"

Potsdam. Ein bisschen Betablocker aus der Sportflasche, obwohl die "Pumpe" bestens arbeitet? Etwas Empfängnisverhütung durch den Wasserhahn, obwohl das Wunschkind geplant ist? Das wird kaum jemandem gefallen - doch mittlerweile werden Arzneimittelrückstände im Trinkwasser zum messbaren Problem. Auch der Potsdamer Trinkwasserversorger Energie und Wasser Potsdam (EWP) ist sensibilisiert.

Trotz höchster Sorgfalt und hoher Investitionen in die Aufbereitung gilt dieses Problem weltweit als noch ungelöst. Wenn die verdorbenen Spaghetti wieder mal im WC landen oder die Kosmetikwatte vor der Party noch schnell heruntergespült wird, ist das schon ein großes Problem. Doch dank immer effizienterer und schonenderer Klärsysteme kann die Wanderung der unerwünschten Beigaben durchs Wasser zwar nicht gerade kostengünstig, aber sehr wirkungsvoll gestoppt werden.

Doch wenn die abgelaufenen Herztabletten oder hormonhaltige Pillen unbedacht in Klo oder Waschbecken landen, wird es ernst für unser Lebensmittel Nummer eins. Selbst kleine Grüße aus dem Medizinschrank bringen die sonst verlässlichen Leistungen moderner Kläranlagen ans Limit. Die EWP sieht aufgrund der Wanderlust der Medizinreste nicht nur sich selbst, sondern alle Nutzer entlang der Lebensader Wasser in der Pflicht. Den letzten Anstoß für einen Appell gab eine Studie des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW).

Die Studie zeigt, dass selbst in der vielfach geforderten vierten Klärstufe weiter Stoffe durchrutschten - beim Abbau der "erwischten" Substanzen könnten sogar neue belastende Reststoffe im aufbereiteten Brauchwasser entstehen. Und teuerer würde es auch noch: Ein Vierpersonenhaushalt müsste dann bis zu 17 Prozent mehr Abwassergebühren zahlen. Neben Planspielen über eine Art Schmutzumlage auf Medikamente oder einen Umweltfonds für die Arzneihersteller hat die Studie auch die effizienteste Form ermittelt, das Problem zu lösen: Schluss mit der Arzneiverschleuderung in unserer Gesellschaft.

"Die Potsdamerinnen und Potsdamer haben es auch buchstäblich in der Hand: Bringen Sie abgelaufene und nicht mehr benötigte Arznei zurück in die Apotheke und kaufen Sie nur, was sie verbrauchen", appelliert EWP-Geschäftsführer Ulf Altmann. Doch gefordert sind genauso die Pharmahersteller, die Zulassungsbehörden, die Krankenhäuser, Arztpraxen und Apotheken. Überall mehr Achtsamkeit, strengere und nachhaltigere Regeln sowie Rücknahmesysteme - und das Problem könnte gelöst werden.

Dabei sollte man die Selbstkontrolle nicht aushebeln und den betroffenen Menschen vertrauen. In Europa bewegt sich dazu etwas: "Es ist gut, dass das EU-Parlament die 20 Jahre alte EU-Trinkwasserrichtlinie anpassen und das Vorsorge- und das Verursacherprinzip stärker verankern will", sagte der Verband kommunaler Unternehmen (VKU). Er vertritt die kommunale Wasser- und Abwasserwirtschaft in Brüssel. Bis die Institutionen in die Gänge kommen, setzt EWP-Chef Altmann schon einmal auf Einsicht und Tatkraft der Potsdamerinnen und Potsdamer:"Wenn dauernd die Pillen abtauchen, geht, trotz massiver Gegenmaßnahmen unserer Klärprofis, langfristig auch die Qualität unseres guten Potsdamer Trinkwassers baden. Wer nicht im Schmutz versinken will, hält seine Wohnung ja auch gleich sauber. Beim Trinkwasser, das am Ende wieder dabei entsteht, ist das noch viel wichtiger. Den "Alles-wieder-gut"- Zauberfilter für Medikamentenreste gibt es eben nicht", so Altmann.  red/sg


Kommentare

  1. User
    Kathrin Golm, Mi, 21.11.2018 09:07

    Was heißt denn das jetzt für unser Trinkwasser? Kann ich es bedenkenlos auch meinen Kindern geben? Oder muss ich damit rechnen, dass es nicht 100%ig frei von Medikamentenrückständen ist?