Potsdam in perfektem Licht

Umfangreiche Max Baur-Retrospektive bis August im Potsdam-Museum

Potsdam. Kaum ein Fotograf hat Potsdam so gesehen wie Max Baur. In einem perfekten Zusammenspiel von Licht und Schatten hat der gebürtige Bayer die Stadt, die er "ein Paradies für meine Kamera" nannte, fast 20 Jahre lang porträtiert. Baur war gelernter Buchhändler und als Fotograf Autodidakt, brachte aber genügende Ausdauer mit, um auf das richtige Licht oder die passende Position einer Wolke zu warten. Seine Fotos sind wahre Kompositionen und alles andere als Schnappschüsse. Menschen und Bewegung sucht man vergeblich, liefen sie durchs Bild, wartete Baur ab, bis niemand mehr zu sehen war - oder retuschierte seine Aufnahmen im Anschluss, bis sich ein für ihn perfektes Bild ergab.

1953, im Alter von 55 Jahren, entschied sich Baur für den Westen und kehrte nach Süddeutschland zurück. Im Gepäck hatte er Tausende Negative, die er und seine Frau vorab nach West-Berlin gebracht hatten und die ihm zu einem erfolgreichen Neustart in Bayern verhalfen. Denn für viele Menschen in der damaligen Bundesrepublik war Potsdam ein Sehnsuchtsort, den sie nicht besuchen konnten, aber aus der Vorkriegszeit in Erinnerung hatten.

Das Potsdam Museum zeigt auf zwei Etagen bis zum 26. August rund 300 Original-Abzüge und Reproduktionen von in der Stadt entstandenen Fotos, aber auch Landschaftsaufnahmen aus Bayern. Sie stammen zum einen aus der eigenen Sammlung und zum anderen aus dem Nachlass, der mittlerweile von Baurs Enkelin Antonia Gottwald verwaltet wird. Zur Eröffnung ist Gottwald in dieser Woche in Potsdam und ehrt ihren Großvater am Freitagabend mit einer Lesung zu einem Schriftwechsel zwischen ihrem Großvater und Hermann Hesse.


Umfangreiches Rahmenprogramm


Bis Ende August kann jeder in dieser Retrospektive die Stadt neu entdecken oder auch Erinnerungen wachrütteln. Ein besonderes Kapitel gilt dabei dem Alten Markt, der bei Max Baur nicht nur in alter Pracht, sondern auch in erschütternden Bildern der Zerstörung zu sehen ist. Zur Ausstellung gibt es ein umfangreiches Rahmenprogramm, das die Stadt als Akteurin und Kulisse mit einbezieht. Highlights im Mai sind das Foto-Spezial zum sechsten Altlasfest auf dem Alten Markt am 13. Mai, bei dem private historische Fotos von einer Fotorestauratorin begutachtet werden können, sowie eine bebilderte Stadtführung durch die Siedlung am Schillerplatz am 27. Mai. Im Filmmuseum ist bereits am 29. April das Kurzfilmprogramm "Drehort Potsdam: Historische Innenstadt" mit Beiträgen aus den Jahren 1910 bis 1934 zu sehen. Am 12. August folgt "Drehort Potsdam: Schlösser und Parks" mit Filmen aus den Jahren 1920 bis 1940.

Reich bebildertes Begleitbuch weckt Erinnerungen


Zur Ausstellung ist ein umfangreicher, 200-seitiger Katalog mit 111 Bildtafeln erschienen, der sowohl für Potsdam-Liebhaber als auch für Fans historischer Aufnahmen zu einem Referenzwerk werden kann. Er nimmt nicht nur die in der Retrospektive gezeigten Bilder auf, sondern gibt einen detaillierten Einblick in Leben und Werk eines Mannes, der zu einer Zeit, als Fotografie noch eine handwerklich schwierige Kunst war, verstand, mit seiner Arbeit trotz widriger Umstände gutes Geld zu verdienen und es immer wieder verstand, erfolgreich für seine Aufnahmen und sein Können zu werben.

Baurs Enkelin Antonia Gottwald erzählt in einem Beitrag von ihren Jugenderinnerungen, als sie dem Opa in der Dunkelkammer helfen durfte und in seinem Haus vielen "alten Potsdamern" begegnet ist, die die politischen Umstände ins westdeutsche Exil getrieben hatte. Diese Menschen teilten Baurs Begeisterung für die Stadt und machten seine Fotos erst zu dem, für das sie bis heute bekannt sind: wahre Sehnsuchtsbilder nach einem Ort, den so nicht mehr gab. Baur selbst hat Potsdam nie wieder gesehen. Er starb ein Jahr vor der politischen Wende, am 16. Dezember 1988.

Einen wichtigen Teil nimmt im Begleitbuch wie in der Ausstellung der Alte Markt ein. Gerade jetzt, wo mit dem Abriss der Fachhochschule ein Neubeginn nach historischem Muster einsetzen wird, bieten Baurs Architekturaufnahmen einen wichtigen und hochinteressanten Überblick über ein Ensemble, das in einigen Jahren in ähnlicher Form wieder erstehen soll. Die Bilder der Zerstörung nach dem Zweiten Weltkrieg, vom zerbombten Stadtschloss über die Nikolaikirche bis zum zusammengebrochenen Palast Barberini, zeigen aber auch, welche Anstrengungen bereits unternommen wurden, um den schönsten Platz der Stadt im alten Glanz erstrahlen zu lassen. Besonders beeindruckend: Ein Panoramablick von der ehemaligen Heilig-Geist-Kirche bis zur Nikolaikirche entlang der Alten Fahrt zeigt einen Straßenzug, der im Krieg zerstört und zu DDR-Zeiten vollkommen neu mit anderer Straßenführung wieder aufgebaut wurde. Das Buch "Max Baur: Fotografie" ist für Neu-Potsdamer wie für Alteingesessene weit mehr als eine bloße Ergänzung zur Ausstellung. sg


Max Baur. Potsdam, ein Paradies für meine Kamera, Potsdam Museum, Am Alten Markt, 13. bis 26. August 2018. Dienstag bis Freitag 10 bis 17 Uhr, Donnerstag bis 19 Uhr, samstags, sonn- und feiertags 10 bis 18 Uhr. Katalog 24,90 Euro.

Informationen zum Rahmenprogramm und Anmeldung zu den Führungen auf www.potsdam-museum.de.