Sam Shaw: Filmmuseum Potsdam zeigt Bilder des berühmten Setfotografen

60 Jahre ganz persönliche Sicht auf Stars und soziale Benachteiligung

Potsdam. Selten wird eine Ausstellung mit so viel Leidenschaft vorgestellt, wie die am Freitagabend eröffnete Retrospektive des amerikanischen Fotografen Sam Shaw. Zur Vernissage im Filmmuseum, das bis Anfang Mai rund 130 Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Hollywood-Stars und berühmten Jazzmusikern, aber auch von Amerikanern, die in ganz einfachen Verhältnissen lebten, zeigt, sind die Tochter und zwei Enkel des 1999 verstorbenen Fotokünstlers eigens nach Potsdam gereist.

Kaum jemand könnte die Arbeit dieses Mannes, der über die Bildende Kunst Anfang der 1940er Jahre zur Fotografie gekommen ist, besser erläutern, als seine Tochter Edie. Seit ihrem zehnten Lebensjahr seien sie und ihre Geschwister gemeinsam mit der Mutter dem Vater auf seinen Fotoreisen gefolgt. Mit vielen Schauspielern und Filmemachern war Shaw gut befreundet, besonders jedoch mit Marilyn Monroe, erzählt Edie. Kennen gelernt haben sich die beiden an einem Filmset, als Monroe noch eine kleine unbedeutende Schauspielerin war und Shaw als Fahrerin zur Seite gestellt wurde. Denn ihr Vater habe sich bis an sein Lebensende konstant geweigert, den Führerschein zu machen. Er wollte in jeder Situation bereit sein zu fotografieren und sich nicht auf den Straßenverkehr konzentrieren, sagt die Tochter.


Ein Leben für die Fotografie

Shaw habe die Fotografie gelebt wie nichts anderes. In der Ausstellung sieht man ihm das an, auf den wenigen Aufnahmen, die ihn bei der Arbeit zeigen. Ganz wie "Columbo"-Darsteller Peter Falk ist auch Sam Shaw ständig mit einem leicht zerknitterten und häufig verschmutzten Trenchcoat zum Einsatz gegangen. Danach habe er immer seine Stifte in den Taschen vergessen, deshalb seien überall Flecken entstanden, erzählt Edie mit einem Schmunzeln. Vielleicht war es die Ähnlichkeit, die später dazu führte, dass Shaw in einer "Columbo"-Folge selbst eine kleine Rolle bekam.

International berühmt wurde Shaw durch sein Foto der Monroe in einem hochfliegenden weißen Kleid über einem New Yorker U-Bahnschacht, das 1954 für das Werbeplakat des Films "Das verflixte 7. Jahr" (The Seven Year Itch) von Billy Wilder entstand, und von dem im Filmmuseum gleich mehrere Varianten zu sehen sind. Viel eindrucksvoller sind aber seine privaten Arbeiten mit Marilyn Monroe, beispielsweise am Strand. Sie zeigen die "echte Marilyn", betont Shaw-Enkelin Melissa Stevens. Zu sehen ist auch ein Foto, auf dem die Schauspielerin ganz enge Jeans trägt - so kennt man sie aus ihren Filmen nicht. "Sie zog die Jeans an und sprang damit ins Meer", erzählt Melissa Stevens. Dann ließ sie sie am Körper trocknen und hatte eine Art Vorgängerversion moderner Skinny-Jeans, ganz ohne Stretch. Auf anderen Bildern sieht man Marilyn am Strand als Medusa oder Andromeda. Shaw gab ihr für diese Aufnahmen einfach ein Stichwort vor und sie stellte es nach ihren Vorstellungen dar.


Im Zirkus mit Marilyn

Edie Shaw erinnert sich besonders gut an einen Zirkusbesuch mit Marilyn. "Sie hatte am gleichen Tag Geburtstag wie ich und hat mich eingeladen", erzählt sie. Das zeigt, wie eng die Familie mit der Schauspielerin verbunden war. An anderer Stelle sind Aufnahmen aus Spanien zu sehen: Shaw kletterte tatsächlich in eine Stierkampfarena, um das blutige Geschehen von Nahem fotografieren zu können. Doch plötzlich verließ der Matador den Ring und der Fotograf stand dem Stier ganz allein gegenüber. Als er sich mit Bravour aus der misslichen Situation befreit hatte, applaudierte das Publikum mehr ihm als dem Torrero, erzählt Melissa Stevens. Doch die Familie sollte von der halsbrecherischen Aktion nichts wissen, deshalb musste Shaw seiner Frau abends im Restaurant, als wieder aus vollen Zügen geklatscht wurde, eine Notlüge auftischen: "Die Spanier freuen sich so über Touristen", soll er gesagt haben.


Mrs. Banks bewahrt ihre Würde

Besonders beeindruckend sind aber auch die sozialkritischen Aufnahmen, die damals noch stark benachteiligte Afro-Amerikaner und Familien in armen Stadtteilen zeigen. "Mrs. Banks" ist so eine Frau, die Shaw in ihrer Wohnung fotografiert hat. Da sie fand, ihr Kleid habe einen zu weiten Ausschnitt, hat sie es für das Foto mit einer Sicherheitsnadel geschlossen, um ihre Würde zu wahren. "Etwas anderes hatte sie nicht", erzählt Melissa Stevens. Diese Nadel sei jedoch von großer Bedeutung für sie gewesen. An anderer Stelle dokumentiert Shaw eine Schießerei auf einer New Yorker Straße. "Das war direkt vor unserer Haustür", sagt Edie. Ihr Vater habe etwas gehört und sei nach unten gerannt - trotz der offensichtlichen Gefahr.


Shaw als Filmemacher

Jahrelang war Shaw in erster Linie Setfotograf bei großen Regisseuren. Für Elia Kazan fotografierte er "Endstation Sehnsucht" (A Streetcar Named Desire, 1951) mit Marlon Brando und Vivien Leigh und "Viva Zapata" (1952), ebenfalls mit Marlon Brando und Anthony Quinn. Später engagierte er sich mehr und mehr auch selbst als Filmemacher an der Seite seines guten Freundes John Cassavetes.

Sein erstes Projekt  war der Film "Paris Blues" von 1960. Shaw hatte während eines längeren Aufenthalts in Paris nicht nur eine Reihe amerikanischer Jazz-Musiker kennen gelernt, sondern auch erfahren, wie viel mehr Anerkennung Dunkelhäutigen in Frankreich zuteil wurde. Viele von ihnen lebten mit weißen Frauen zusammen, denn eine Rassentrennung wie in den USA gab es nicht und die Akzeptanz in der Bevölkerung war weitaus größer. Das wollte Shaw in seinem Film zeigen. Der amerikanischen Produktionsfirma ging er mit seinem Anliegen einen Schritt zu weit: Gemischte Paare sollte es im Film nicht geben. Stattdessen traten mit Paul Newman und Joanne Woodward einerseits und Sidney Poitier und Diahann Carroll auf den anderen Seite einfach ein weißes und ein schwarzes Paar auf, erzählt Edie Shaw und betont, dass ihrem sozialkritischen Vater dieses Arrangement nicht wirklich gefallen hat. Zu sehen ist aber auch der wunderbare Bluesmusiker Louis Amstrong, den der Fotokünstler Shaw ebenso wie Woody Allen, Tennessee Williams oder Audrey Hepburn mit einem ganz persönlichen Blick festgehalten hat.

In der Fotografie hat Sam Shaw grundsätzlich freihändig gearbeitet und seinen Körper als "Stativ" eingesetzt. Zu sehen ist das besonders gut an einer Aufnahme, die ihn zusammen mit Audrey Hepburn 1957 in Paris zeigt. Das Bild begrüßt die Besucher des Potsdamer Filmmuseums. Die Schau ist als Wanderausstellung konzipiert und wurde zuletzt in Prag gezeigt. Zusammengestellt wurde sie in enger Zusammenarbeit mit den Shaw Family Archives, New York.

Sabine Gottschalk



Sam Shaws Fotos und Erinnerungen an sein Leben gibt es auch in einem Buch, das der Kunstbuchverlag Hatje Cantz auf Englisch und auf Deutsch herausgebracht hat. Zu sehen sind dort auch Aufnahmen, die nicht Teil der Potsdamer Ausstellung sind. Außerdem erzählt Autorin Lorie Karnath aus dem Leben des Fotokünstlers. Das wirklich lohnenswerte Buch "Sam Shaw" ist im Museum und im Buchhandel für 29,80 Euro erhältlich.

Ausstellung "Sam Shaw. 60 Jahre Fotografie" im Filmuseum Potsdam, Breite Straße 1A, 14467 Potsdam, vom 28. Januar bis 7. Mai 2017, geöffnet dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr.