Eingemauert Nummer Vier: West-Berlin, Insel der Glückseligkeit?

Eingemauert Nummer Vier: West-Berlin, Insel der Glückseligkeit?

Zahllose Besucher strömten am 10. November 1989 auf die West-Berliner Tauentzienstraße, Autos und Busse kamen kaum noch durch. Abgesperrt wurde trotzdem nicht, alle waren viel zu froh und überrascht, um an Regulierungen zu denken. Das Bild entstand vom Oberdeck eines BVG-Busses aus. Foto: Sabine Gottschalk

Alltäglicher Pragmatismismus und alternative Keimzelle

Teil Vier der "Eingemauert"-Reihe beschäftigt sich mit zwölf Bezirken von einst 20 im geteilten Berlin. Denn West-Berlin war in seiner skurrilen Insellage ebenso eingemauert, wie es Sacrow, Klein Glienicke oder Steinstücken waren, nur war die Mauer weiter weg und nicht für jeden im Alltag sichtbar.

Die Insellage bot genau den richtigen Nährboden für das, was wir heute als Start-ups bezeichnen, denn die einstige Keimzelle links-alternativer Bewegungen, in der Projektideen und künstlerische Vielfalt mehr Gestaltungsspielraum fanden als an irgendeinem anderen Ort in Deutschland, war schon seit der Studentenbewegung Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre Treffpunkt auf der Suche nach neuen Lebensformen. Alles strömte in diese Stadt, die so ganz anders war, als das, was man aus der westdeutschen Provinz kannte.

Der Viermächtestatus erlaubte keine Bundeswehr in West-Berlin, wer sich also dem obligatorischen Wehrdienst entziehen wollte, musste nur seinen ersten Wohnsitz nach Berlin verlegen. Das allein bescherte der Stadt schon einen gewaltigen Anteil an friedensbewegten, alternativ eingestellten Neuberlinern, der vom damaligen CDU-Senat nicht ignoriert werden konnte. Mit anderen Worten: Die Fronten waren klar und häufig verhärtet. Zwischen Wasserwerfern und Tränengas konnte man Freund und Feind gut auseinanderhalten.


Campingplatz im Grenzland

Berliner sind Pragmatiker. Umso mehr, wenn man ihnen das Umland nimmt. So entstand am ersten Grenzübergang Dreilinden direkt am Teltowkanal in Albrechts Teerofen, einer kleinen, zu Wannsee gehörenden Landzunge im "Feindesland", nach dem Neubau der heutigen Autobahn in den 70er-Jahren ein Dauer-Campingplatz direkt an der Mauer. Jedes Fleckchen Grün wurde für die Freizeit genutzt, auch wenn man buchstäblich auf drei Seiten eingemauert war.

Für manche war West-Berlin sicher eine Insel der Glückseligkeit. Doch auch die musste man gelegentlich verlassen. Dann hieß es anstehen und Ruhe bewahren auf der meist befahrenen Transitstrecke Richtung Helmstedt. Denn nach der Wartezeit am Kontrollpunkt Drewitz, der sich dort befand, wo inzwischen der Europarc Dreilinden entstanden ist, folgten rund 200 Kilometer stets gut beobachteter Höchstgeschwindigkeit von 100 Stundenkilometern.

Das hat auch die heutige Bezirksbürgermeisterin von Steglitz-Zehlendorf, Cerstin Richter-Kotowski, am eigenen Leib erlebt. Sie war in den 80er Jahren bereits Mitglied der Jungen Union (JU) und stand deshalb mehr noch als die links-alternative, unterwanderte Szene, ohnehin unter ständiger Beobachtung des DDR-Regimes. Als die Berliner JU Hilfe beim Wahlkampf in Westdeutschland leisten wollte, traute sich die Gruppe nicht, die Transitstrecke mit ihren mit politischen Parolen beklebten Bussen zu befahren. Einzige Lösung: alles mit großen Müllsäcken abkleben, um bloß nicht zu provozieren.



Große Freiheit trotz Mauer

Was für viele Westdeutsche unvorstellbar war, war für West-Berliner Alltag: Wer mit der Mauer aufgewachsen ist und die Stadt nie anders kannte, fühlte sich nicht eingesperrt. "Wenn wir was Neues sehen wollten, fuhren wir eben nach Spandau", erzählt Cerstin Richter-Kotowski rückblickend. Auch die Grenze hatte sie so verinnerlicht, dass sie sich bei einer Klassenfahrt nach England wunderte, zwischen dem Süden des Landes und London nicht kontrolliert zu werden.

West-Berliner konnten seit 1972 Mehrfach-Visa zur Einreise in die DDR beantragen und erhielten mit ihren "Behelfsmäßigen Personalausweisen", dem einzigen im gesamten Ostblock akzeptierten West-Berliner Ausweis, einen Berechtigungsschein für neun Einreisen innerhalb von drei Monaten. Schon für den Antrag betrat man ein Stück DDR im Forum Steglitz oder am Bahnhof Zoo. Cerstin Richter-Kotowski kann sich noch heute an den typischen Geruch erinnern, der von den Fußboden-Belägen ausging.


Abenteuerliche Reise nach Potsdam

Mit einem solchen Visum bin auch ich in den 80er Jahren das erste Mal in Potsdam gewesen. Nichtsahnend hatte ich als junge Studentin eingewilligt, die Mutter eines freigekauften politischen Häftlings zu besuchen, und fuhr mit einem Kofferraum voller Fotos, von denen der Sohn mir wohlweißlich nichts gesagt hatte, zur Grenze nach Drewitz. Die Grenzer, zunächst etwas baff ob meines erschwindelten Ansinnens, um 15 Uhr noch Sanssouci besuchen zu wollen, nahmen jeden Winkel des Autos auseinander und fragten mich zu jedem Foto erfolglos aus. Letztlich mussten sie klein beigeben: Ich hatte schlicht keine Ahnung, welch brisante Ware ich da transportierte.

Als ich am späten Nachmittag endlich bei Frau Bürger ankam, bat sie mich, beim nächsten Mal einen "Schwiegermuttersessel" mitzubringen. Die dicken Kakteen mit vielen Stacheln waren in der DDR wohl Mangelware. Leider gab es jedoch kein nächstes Mal. Bis zum Mauerfall war ich nur noch in Ost-Berlin zu Besuch. Was aus Ethel Bürger geworden ist, die damals im einzigen bis heute unsanierten und längst leerstehenden Mehrfamilienhaus unterhalb der Weinbergterrassen wohnte, habe ich nie erfahren.

Sabine Gottschalk