Doppelte Sperren - Zugang nur mit Passierschein

Doppelte Sperren - Zugang nur mit Passierschein

Karl-Heinz und Brigitte Hantel wollten 1961 nach Westberlin gehen, doch dann stand über Nacht plötzlich die Mauer im Weg. Mehrmals haben sie versucht, von Sacrow aus durch die Havel zu schwimmen, wurden aber immer wieder gestört. Letztlich sind die beiden bis heute in Sacrow geblieben und haben gemeinsam ein mittlerweile weltweit agierendes Kunstschmiedeunternehmen aufgebaut, in dem nun schon die dritte Generation mitarbeitet. Foto: Sabine Gottschalk

Eingemauert Nummer Drei: Wer weg wollte, musste gut schwimmen können

Gleich zwei Kontrollstellen gab es im nördlichen Potsdamer Ortsteil Sacrow bis 1989. Hier wohnten zwar nur wenige Menschen, die jedoch waren im scharf bewachten Grenzgebiet unter ständiger Kontrolle. Sacrow war bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs ein begehrter Ort für Sommerresidenzen berühmter Berliner. Denn der Ort hat etwas, was bei anderen Neid auslösen kann: Der schmale Streifen Land ist fast komplett vom Wasser umgeben, etwa die Hälfte der Grundstücke hat direkten Zugang zur Havel oder zum Sacrower See.

Nach dem Krieg wurde genau das zu einem großen Problem. Denn die Havel ist zwischen Sacrow und Wannsee nicht sehr breit, die Grenze verlief etwa in der Mitte der Wasserstraße. Für geübte Schwimmer und Taucher kein unüberwindbares Hindernis.

Karl-Heinz Hantel ist in Sacrow aufgewachsen. Der heute 78-Jährige studierte Ende der 1950er Jahre an der Meisterschule für das Kunsthandwerk in Berlin-Charlottenburg. Denn Hantel wollte ein anerkannter Kunstschmied werden. Für Grenzgänger war der Weg nach Westberlin bis zum Mauerbau noch frei - wenn auch kompliziert und von Sacrow aus nur per Fähre, Tram und S-Bahn möglich. Im Mai 1961 hatte Karl-Heinz Hantel die Entscheidung getroffen, ganz nach Westberlin zu gehen, um seine Ausbildung dort abschließen zu können.

Doch dann lernte er die gerade 18-jährige Brigitte kennen. Fortan war an eine Ausreise nur noch gemeinsam zu denken. Brigitte war zu dieser Zeit im letzten Ausbildungsjahr zur Friseurin und für Karl-Heinz war klar, dass sie nicht ohne Gesellenbrief in den Westen gehen konnte, schließlich brauchte sie eine Lebensgrundlage. Doch dann kam den beiden die Mauer in die Quere.

Karl-Heinz' Familie hatte ein Gartengrundstück am Sacrower See, der als Binnensee auch nach dem Mauerbau frei zugänglich war. Seit frühester Jugend war er ein exzellenter Schwimmer und Taucher - das sollte Brigitte nun auch lernen, dann würden sie den Weg über die Havel schaffen, war sich Karl-Heinz sicher. Nur seine Mutter wusste von ihrem Vorhaben und dem Training im See. Sie stattete die beiden mit den nötigen Tauchanzügen aus. Immer wieder versuchten sie es, einmal auch neben der Glienicker Brücke, doch jedes Mal wurden sie von Grenzern aufgespürt und abgeschreckt. Bis Karl-Heinz sich im kalten Wasser eine Lungenentzündung zuzog. Da war es vorbei mit den Fluchtgedanken.

Das Paar blieb in Sacrow, hatte zunächst eine Schmiede in der heutigen Zeppelinstraße und später in Krampnitz. Auf dem Gartengrundstück baute Karl-Heinz ein Haus für seine Familie. Immer wieder mussten sie dazu das Material an der Kontrollstelle ab- und wieder aufladen. Denn Sacrow war Sperrgebiet. Wer hier nicht wohnte, wurde nur in Ausnahmefällen mit Sondergenehmigung reingelassen, auch Sacrower brauchten Passierscheine. Sogar Offiziere brauchten in ihrer Freizeit eine Genehmigung, um im Königswald Pilze zu sammeln.


Scharfe Kontrollen am Meedehorn

Ein besonderer Dorn im Auge der Grenztruppen war die Kleingartenkolonie auf der Halbinsel Meedehorn, von drei Seiten von Wasser umgeben. Hier wurden an einer zweiten Kontrollstelle noch einmal Passierscheine verlangt und genau notiert, wer das Meedehorn wann betreten und wieder verlassen hat. Einmal sei es einem Sacrower dennoch gelungen, den Zaun zur Sacrower Lanke zu überwinden und rund um das Meedehorn bis in die Havel und nach Wannsee zu schwimmen, erzählt Hantel. Frau und Kinder habe er zurückgelassen.

Auch Thomas Friese ist in Sacrow aufgewachsen. Seine Großeltern haben bis zum Mauerbau das Café Inselblick betrieben und wurden dann enteignet, obwohl sie sich für ihren Betrieb hoch verschuldet hatten. Heute recherchiert der 52-Jährige Geschichten aus dem Ort. Heilandskirche und Schlosspark seien ihm zu DDR-Zeiten unbekannt gewesen.

Kein Wunder: Die Heilandskirche war durch die Mauer ausgesperrt, sie lag im Niemandsland direkt an der Havel. Trotzdem gab es bis Weihnachten 1961 dort noch Gottesdienste. Kurz darauf wurde die Kirche verwüstet und gesperrt. Zu sehen war sie nur noch von Westberlin aus. Mitte der 1980er Jahre gelang es dem damaligen Regierenden Bürgermeister Richard von Weizsäcker schließlich, die Gebäudehülle mit Westmitteln wieder herstellen zu lassen. Der angrenzende Park des Sacrower Schlosses, ebenfalls unzugänglich, war indes bis zum Fall der Mauer Ausbildungsstätte für Zöllner und Zollhunde. Dazu hatte man so authentisch wie möglich den Kontrollpunkt Dreilinden/Drewitz nachgebaut. Trainiert wurde auch an West-Autos, die eigens für diesen Zweck nach Sacrow gebracht wurden.

Heute ist Sacrow wieder das, was es vor 1945 war, ein beliebter Wohnort und vor allem: ausverkauft. An die Mauer erinnert nur noch die kilometerlange, praktisch einspurige Asphaltrasse durch den Wald nach Kladow im Norden, zu DDR-Zeiten der Kolonnenweg für Grenzer, der bis zur Basis nach Groß Glienicke führte.  Sabine Gottschalk