"Eingemauert" Nummer Zwei: Steinstücken, Vorposten West-Berlins

"Eingemauert" Nummer Zwei: Steinstücken, Vorposten West-Berlins

Um jeden Preis West-Berlinerin: Gudrun Vallentin hat ihr ganzes Leben in Steinstücken gewohnt, viele Jahre unmittelbar an der Berliner Mauer. Auf dem alten Potsdamer Stadtplan erscheint der Westen als weißer Fleck, Steinstücken als Grenzgebiet. Foto: Sabine Gottschalk

Wehrhaftes Dorf mitten in Babelsberg

Mehr West-Berlin gab es nirgendwo, kein Ort in der Stadt hat so um seine Existenz kämpfen müssen wie Steinstücken, kuriose Exklave, die nur durch einen Zufall der Geschichte zu Berlin gehörte und nach 1945 völlig isoliert im Feindesland "SBZ" lag.

Jeder Weg hinaus und hinein wurde von Grenzsoldaten zweimal kontrolliert, einmal beim Verlassen des winzigen Ortsteils und einmal vor dem Eingang nach Kohlhasenbrück, einem Ortsteil von Berlin-Zehlendorf. Dazwischen lag ein Waldweg, eine Schneise zwischen Bäumen, zunächst nur aus Sand, später notdürftig mit Asphalt befestigt.

Bis Anfang der 1970er Jahre durfte Steinstücken nur betreten, wer dort gemeldet war. Doch die pfiffigen Bewohner hatten schnell eine Lösung gefunden, um in ihrer einsamen Insellage Besuch von Verwandten und Freunden bekommen zu können: Steinstücken war über 20 Jahre lang der Ort mit der höchsten Bevölkerungsdichte in Berlin, denn jede Familie meldete etliche Zweitwohnsitze bei sich an. Seit dem Bau der Wetzlarer Bahn war der ohnehin kleine Flecken Erde, der einst aus Feldern eines Bauern aus Wannsee bestand und nur deshalb nach der Gebietsreform 1920 Teil von Groß-Berlin geworden war, in zwei ungleiche Hälften geteilt, verbunden nur über die Steinstraße, an der es eine Bahnschranke gab, und die Stahnsdorfer Straße.

Gudrun Vallentin hat ihr ganzes Leben im kleineren Teil von Steinstücken verbracht, der geografisch eher Potsdam als Berlin ist, und wohnt dort noch heute. Ihr Elternhaus steht auf einem Eckgrundstück an der Steinstraße und der Rote-Kreuz-Straße und war ursprünglich nur von Babelsberg aus erreichbar. In Babelsberg wohnte auch ihre Verwandtschaft, dort kaufte man ein. Bis eine stark bewachte Grenze die beiden Teile Deutschlands trennte.

Als schließlich die Mauer das Grundstück umrundete, wurde es ungemütlich für die Steinstückener. Abhilfe schaffte eine schnell errichtete Notstraße durch Wiesen auf der Rückseite des Hauses. Vorher konnten die wenigen Bewohner, die die Stellung hielten, noch zu Fuß entlang der Steinstraße die Bahn überqueren und in den Ortskern gelangen. Jetzt ging das nur noch über die Stahnsdorfer Straße, die zur einen Hälfte zu West-Berlin und zur anderen zu Potsdam gehörte. Für Gudrun Vallentin und die anderen Kinder aus Steinstücken war das der tägliche Weg zur Schule in Wannsee. Durch den Wald mit dem Fahrrad, dann mit dem Bus weiter bis kurz vor Dreilinden. Morgens hin, nachmittags wieder zurück. Die Grenzer kannten sie und sie kannten die Grenzer, wussten ganz genau, wer nachsichtig und wer pingelig war bei den Kontrollen.

Und dann war da immer diese Angst: Angst, zunächst vor einer Grenze aus Stacheldraht, später vor der Mauer, und vor den Soldaten in den Wachtürmen, die schossen, sobald sie Flüchtlinge entdeckten. Auf Personenzüge durften sie nicht schießen, erzählt Gudrun Vallentin, deshalb fuhren nach einigen geglückten Fluchten auf der Wetzlarer Bahn nur noch Güterzüge. Die Angst hat die Steinstückenerin, die ihre Zugehörigkeit zu West-Berlin immer wieder betont, bis heute nicht verlassen. Wenn sie von damals erzählt, und das tut sie auch als Zeitzeugin in Schulen, läuft ihr manchmal ein kalter Schauer über den Rücken.


Flucht durch den eigenen Garten

Einmal gelang eine Flucht durch den Garten ihres Elternhauses. Drei junge Männer hatten einen Bus in einem Potsdamer Depot gekapert und mit ihm die Grenze durchbrochen, sind dann aber auf einer kleinen Gartenmauer hängen geblieben, das Vorderteil des Busses im Westen, der zu diesem Zeitpunkt schon von Amerikanern bewacht wurde.

Die US-Soldaten waren gekommen, nachdem Lucius D. Clay als Vertreter von Präsident Kennedy dem kleinen Vorposten-Wehrdorf einen Besuch abgestattet hatte. Drei Soldaten waren seitdem ständig in Steinstücken stationiert. Sie wurden mit einem Hubschrauber ein- und ausgeflogen, der Landweg war ihnen verwehrt. Das war letztlich auch die Rettung für die drei jungen Flüchtlinge. Den Bus, dessen Schlüssel der amerikanische Befehlshaber noch in der Nacht an sich genommen hatte, musste mit schwerem Gerät zurück nach Babelsberg gezogen werden, das Loch im Zaun wurde für viele Jahre sicher abgeriegelt.

Selbst Berlins Regierender Bürgermeister Willy Brandt musste von den Amerikanern eingeflogen werden, ein Moment, an den sich Gudrun Vallentin gut erinnert, denn alle Steinstückener Kinder wurden an diesem Tag früher aus der Schule nach Hause geschickt. Erleichterung gab es erst, als während der Sommerferien 1972 nach einem Gebietstausch mit der DDR die etwa 900 Meter lange und 20 Meter breite Verlängerung der Bernhard-Beyer-Straße von Steinstücken nach Kohlhasenbrück eröffnet wurde. Sie war auf beiden Seiten von der Mauer umgeben und bis 1989 die wohl kurioseste, aber auch gruseligste Straße West-Berlins. Steinstücken war nun keine Insel mehr, die echten Steinstückener sind jedoch bis heute West-Berliner Insulaner.  Sabine Gottschalk