Schnelle Hilfe kann die Lebensqualität retten

Schnelle Hilfe kann die Lebensqualität retten

Professor Martin Südmeyer vom Ernst-von-Bergmann-Klinikum Potsdam erläutert den Verlauf eines Schlaganfalls anhand eines Gehirnmodells. Fotos: Sabine Gottschalk

Bei ersten Anzeichen die 112 anrufen

Plötzliche Lähmungserscheinungen an Armen oder Beinen, Taubheitsgefühl in den Extremitäten, ein unbekannter Schwindel oder auch Doppelbilder und vermindertes Reaktionsvermögen können erste Anzeichen für einen Schlaganfall sein. Und das in fast jedem Alter, sagt Professor Martin Südmeyer. Der Chefarzt für Neurologie am Potsdamer Klinikum Ernst-von-Bergmann ist Spezialist für Krankheiten des Gehirns, also beispielsweise Schlaganfälle oder unterschiedliche Formen der Hirnhautentzündung.

Wenn ein Patient solche oder ähnliche Symptome verspürt, sollte er nicht zögern und sofort einen Arzt aufsuchen. Das gilt auch wenn die ersten Anzeichen nur leicht sind. "Viele Menschen trauen sich nicht, die 112 anzurufen, weil sie niemandem zur Last fallen wollen", so Südmeyer. In diesem Fall sei der Anruf aber unumgänglich, denn nur wer schnell behandelt wird, hat eine gute Chance, die Erkrankung ohne bleibende Beschwerden zu überstehen.


Verschluss und mangelnder Sauerstoff

Wichtig ist, dass schnell erkannt wird, welches Krankheitsbild vorliegt. Hier arbeiten Notfallsanitäter, Notärzte und die Mitarbeiter der sogenannten "Stroke Unit", einer Schlaganfallspezialeinheit, wie es sie im Potsdamer Klinikum gibt, Hand in Hand. Drei Minuten vor Ankunft in der Klinik bekommen die einzelnen Bereiche der Einheit Informationen zum Patienten. Neurologie, Radiologie, Labor, Pflegepersonal und ein zur Abteilung gehörender Internist bereiten sich umgehend auf die Einlieferung vor und machen Untersuchungsgeräte frei. So kann bei dem potenziellen Schlaganfallpatienten sofort ein MRT gemacht werden - eine lebensrettende Maßnahme, denn nur so wissen die Ärzte, welches Krankheitsbild vorliegt. Innerhalb von 30 bis 60 Minuten wird eine Entscheidung zur Therapie getroffen.

In 90 Prozent der Fälle handelt es sich um einen Verschluss, der eine Mangeldurchblutung und eine damit einhergehende verminderte Sauerstoffstoffversorgung des Gehirns nach sich zieht. Möglich ist aber auch, dass ein Gefäß platzt und Blut austritt. Die Behandlungsmethoden sind dementsprechend unterschiedlich. Ein Verschluss, bei dem ähnlich einer Thrombose ein kleiner Klumpen im Blutgefäß festsitzt, kann entweder mithilfe gerinnungshemmender Medikamente, einer sogenannten Lysetherapie, innerhalb der ersten viereinhalb Stunden nach Einsetzen der Symptome aufgelöst oder mithilfe eines Venenkatheters abgesaugt werden.

Im letzten Fall, der Thromboektomie, wird über einen kleinen Schnitt ein dünner Schlauch in die Vene eingeführt, bis er den Thrombus erreicht, erklärt Professor Südmeyer. Der Blutklumpen kann dann aufgesaugt und entfernt werden. Eine solche Operation, die nur von hochspezialisierten Neurochirurgen durchgeführt werden kann, muss sechs Stunden nach den ersten Anzeichen eines Schlaganfalls abgeschlossen sein.

Die kurzen Zeitfenster verdeutlichen, wie wichtig eine schnelle Reaktion der Betroffenen und ihrer Umgebung ist. Glück hatte eine 25-jährige Studentin, die aufgrund eines Schlaganfalls mitten in der Potsdamer Innenstadt plötzlich zusammenbrach. Aufmerksame Passanten brachten sie in die Klinik, wo ihr sofort geholfen werden konnte. Sie wurde ohne bleibende Schäden entlassen und lebt heute ein ganz normales Leben.


Auch bei Meningitis beste Erfolge

Ähnlich erging es einem 70-Jährigen aus dem Berliner Umland, der mit schwersten Kopfschmerzen zunächst ins Behring-Krankenhaus in Berlin-Zehlendorf eingeliefert wurde. Dort erkannte man zwar schnell das Problem, konnte dem Patienten aber nicht helfen. Er hatte ein nicht durchgebratenes Steak gegessen und sich auf diese Weise mit einer bakteriellen Hirnhautentzündung infiziert. Die Ärzte im Zehlendorfer Krankenhaus ließen ihn innerhalb kürzester Zeit nach Potsdam transportieren.

Eine solche lückenlose Zusammenarbeit sei zum Wohl der Patienten unabdingbar, sagt Professor Südmeyer: "Es können einfach nicht alle alles machen, man muss seine Grenzen kennen". Ähnliche Kooperationen gebe es auch mit Brandenburger Krankenhäusern. Entscheidend sei, dass in einer Schlaganfallspezialeinheit alle Mitarbeiter eine entsprechende Zusatzausbildung haben und über die notwendigen Kenntnisse verfügen, damit jeder Handgriff sitzt. In Potsdam ist das der Fall, deshalb werden Transporte per Krankenwagen oder Hubschrauber problemlos von den Krankenkassen übernommen.

"Wir sollten dankbar sein für unser Gesundheitssystem", so der 43-Jährige, denn die enormen Kosten für die gesamte Behandlung werden vom Solidarsystem getragen.Doch auch Patienten können einiges dazu beitragen, dass in ihrem Sinn gehandelt wird. Denn wer nach einem schweren Schlaganfall nicht mehr ansprechbar ist, kann schon vorab per Patientenverfügung festlegen, ob lebenserhaltende Maßnahmen eingeleitet werden sollen. Deshalb rät Professor Südmeyer dazu, sich frühzeitig Gedanken zum Thema zu machen. 

Sabine Gottschalk