Ärzte ohne Grenzen: 47 Jahre im weltweiten Dienst am Menschen

Ärzte ohne Grenzen: 47 Jahre im weltweiten Dienst am Menschen

Rot heißt Lebensgefahr: Krankenschwester Cordula Haeffner zeigt, wie unterernährte Kinder mit einfachsten Mitteln gewogen werden und wie mithilfe eines Maßbands festgestellt werden kann, ob das Leben des Kindes wegen des konstanten Nährstoffmangels gefährdet ist. Fotos: Sabine Gottschalk

Eine Ausstellung in Potsdam zeigt Ausschnitte aus Einsätzen

Ärzte und Krankenschwestern sind im Dauereinsatz in den Ländern südlich der Sahara, aber auch in Asien und Lateinamerika. Sie sind an vorderster Front nach Erbeben, Überschwemmungen oder kriegerischen Auseinandersetzungen. Aber sie sorgen auch für die medizinische Grundversorgung in Ländern, in denen es weder Gesundheitssystem, noch Kliniken gibt. Das ist die Arbeit der Nichtregierungsorganisation Ärzte ohne Grenzen (Médecins sans frontières, MSF) seit fast 50 Jahren. Auf dem Luisenplatz zeigt die ursprünglich französische NGO noch bis zum 4. Juli, was ihre Arbeit ausmacht.

Verantwortlich für die Ausstellung ist die Krankenschwester Cordula Haeffner aus Heidelberg. Seit 2015 war sie an vier unterschiedlichen Einsatzorten, zunächst nach dem Erdbeben in Haiti, später in Zentralafrika. Für neun Monate muss sich eine Krankenschwester bei ihrem ersten Einsatz für MSF verpflichten, denn auf ihren Schultern lastet auch das Management vor Ort. Während die Ärzte meist nur zu kurzen Einsätzen kommen und ansonsten ihrer regulären Tätigkeit an europäischen Krankenhäusern oder in ihren Praxen nachgehen, bilden Krankenschwestern auch das Hilfspersonal vor Ort aus. Europäische Einsatzkräfte sind teuer, deshalb werden immer nur wenige entsandt. Sie arbeiten Hand in Hand mit den lokalen Mitarbeitern und leben unter den gleichen Bedingungen. Und sie brauchen sich gegenseitig: Ob in der Dauer-Dürre-Region Zentralafrikas oder in einem Erdbebengebiet, immer werden ortsansässige Kräfte benötigt, die die lokalen Sprachen beherrschen und dolmetschen können. Neben der Erstversorgung von Verletzungen und der Organisation von Impfkampagnen in ländlichen Regionen erklären sie den Menschen auch grundlegende Hygieneregeln. Denn häufig sind die Teams von MSF kilometerweit die einzigen Ansprechpartner bei gesundheitlichen Problemen.


Unterernährte Kinder und schwere Infektionen

Mütter mit unterernährten Kindern oder Menschen mit schweren Infektionen müssen meist stundenlang laufen, um Hilfe zu bekommen. "Manche Kleinkinder sind so schwach, dass sie gar nicht mehr essen können", sagt Cordula Haeffner. Ein einfaches und sicheres Mittel, um den Grad der Unterernährung festzustellen, ist ein Band, mit dem der Umfang des Oberarms gemessen wird und das die Gefährdung des Kindes anzeigt. Liegt sie im roten Bereich, muss das Kind zunächst künstlich ernährt werden, mit einer einfachen Spritze und einem kleinen Schlauch, der durch die Nase eingeführt wird. In der nächsten Stufe gibt es eine nährstoffreiche Paste aus Erdnüssen, die von der Mutter gefüttert werden kann. So kann vielen Kindern das Leben gerettet werden, wenn sie noch nicht unter Folgekrankheiten leiden. Hat das Kind bereits Hungerödeme, ist sein Überleben alles andere als sicher, sagt Haeffner.

Die 55-Jährige hat selbst drei Kinder großgezogen und jahrelang in einer Heidelberger Lungenklinik gearbeitet, bevor sie sich für den Einsatz bei MSF entschieden hat. Die Kindersterblichkeit in Afrika schockiert sie deshalb besonders. Wohl nie vergessen wird sie den Fall eines kleinen Jungen, der sich den Arm mit kochendem Wasser verbrannt hatte. Dorfbewohner hatten die Wunden abdecken wollen und dazu die Haut eines frisch erlegten Hasen benutzt, ohne Desinfektion, ohne Wundversorgung. Als der Junge zur Behandlung kam, war der Arm so stark entzündet, dass die Haut nur noch schwer abzulösen war, sagt die erfahrene Krankenschwester. Aber der Junge hat überlebt.


Hygiene zur Vermeidung von Epidemien

Neben dem Springbrunnen stehen zwei Zelte aus Planen und einem einfachen Holzrahmen. Etwas weiter entfernt, eine Art provisorisches Toilettenhäuschen. Die Zelte seien typische Flüchtlingsunterkünfte, ausgestattet nur mit einer gewebten Kunststoffmatte als Bodenbelag, so Haeffner. In ihnen müssen bis zu acht Menschen unter Umständen bei großer Hitze, Kälte oder strömendem Regen wochenlang ausharren, bis größere, komfortablere Unterkünfte bereitstehen. Unbedingt erforderlich seien vor allem aber Latrinen, eben jene Toilettenhäuschen mit einer Grube, die an Plumpsklos erinnert, wie sie auch in Deutschland in ländlichen Gegenden vor 50 Jahren noch üblich waren. "Wir müssen den Menschen genau erklären, wie wichtig es ist, die Grube immer abzudecken, damit sich keine Insekten ansammeln", sagt Haeffner. Denn durch die Tiere würden sich eventuelle Krankheiten epidemieartig ausbreiten.


Notoperationen im aufblasbaren Zelt

Nebenan wird in einem großen Zelt erklärt, wie Chirurgen im Katastrophenfall mit einfachen Mitteln Notoperationen durchführen können. Der transportable OP-Saal selbst ist ein kleines technisches Wunderwerk. Er ist in wenigen Minuten aufgebaut und mit allem ausgestattet, was für die ersten Eingriffe nötig ist. Das Know-How bringen die europäischen Ärzte mit. Damit die Hilfe dort ankommt, wo sie am dringendsten benötigt wird, werden die Verletzen zunächst nach dem Schweregrad ihrer Leiden eingeteilt. Die sogenannte "Triage", ein Sortieren, das auch hierzulande zu jeder Katastrophenschutzübung gehört, wird vom Pflegepersonal durchgeführt und soll verhindern, dass Schwerstverletzte übersehen und zu spät behandelt werden. "Solange man arbeitet und gebraucht wird, hält man durch", sagt Cordula Haeffner. Erst wenn der Druck nachlässt und die Einsatzkräfte Zeit haben, über das Leid, was sie tagtäglich sehen, nachzudenken, wendet sich das Blatt.

Der enorme Aufwand, der betrieben werden muss, um Zelte, OPs oder auch Trinkwasser und Medikamente an die Einsatzorte zu bringen, erklärt, warum etwa 40 Prozent der Mitarbeiter kein medizinisches Personal sind, sondern gut ausgebildete Logistiker. Gesucht werden neben engagiertem medizinischen Personal deshalb auch Menschen mit Erfahrung aus dem Transportgewerbe für kürzere oder längere Einsätze. Mindestens zwei Jahre Berufserfahrung sollten Interessierte mitbringen sowie relativ gute Sprachkenntnisse in Englisch, Französisch oder Spanisch. Cordula Haeffner macht zurzeit eine Pause vom Auslandseinsatz und tourt mit der Ausstellung durch Deutschland. In Potsdam konnten in den ersten zwei Stunden am Dienstagvormittag schon fast 220 Besucher gezählt werden, darunter 30 Schüler in Gruppen. Geöffnet ist täglich von 10 bis 20 Uhr. Mehr zur Arbeit von MSF auf www.aerzte-ohne-grenzen.de.
Sabine Gottschalk