ATZ Abdichtungen

Die Chronisten der Wende

Seit 1989 hat sich der Berliner Christoph-Links-Verlag mit sorgfältig recherchierten Sachbüchern einen guten Ruf erkämpft

Am 11. März dürfte im Haus S der Kulturbrauerei im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg ausgelassene Stimmung geherrscht haben: an diesem Tag wurde dem Verleger Christoph Links, Gründer und Namensgeber des Ch.Links-Verlages, das Bundesverdienstkreuz überreicht. Berlins Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher, die in Vertretung des erkrankten Kulturstaatssekretärs André Schmitz in die Räumlichkeiten des Verlages gekommen war, in Christoph Links den Mann, der eine der spannendsten ostdeutschen Erfolgsgeschichten der Wende- und Nachwendezeit verkörpert. „Christoph Links erhält den Orden für sein großes und ausdauerndes Engagement um politische und historische Aufklärung“, sagte Lompscher. „Sein Verlagsprogramm leistet einen wichtigen Beitrag zur fundierten, hintergründigen und detailreichen Aufarbeitung der politischen Wende und der Verhältnisse in der DDR.“

Bewegte Geschichte
Der Ostberliner Verlegersohn Christoph Links, Jahrgang 1954, hatte bereits in der Spätphase der DDR versucht, einen eigenständigen, von der Einflussnahme der Parteien und Organisationen unabhängigen Sachbuchverlag zu gründen. Einen Verlag „für Bücher, die man selbst gern lesen würde“, wie er selbst einmal sagte. Mit diesem Ansatz hatte er allerdings umgehend den Argwohn der politisch verantwortlichen SED-Funktionäre geweckt.

INFO: Im Verlagsshop gibt es eine Auswahl von Titeln des Ch.Links-Verlages zum Verkauf. Folgen Sie einfach dem Link und stöbern ein bisschen!


An ihrem Misstrauen scheiterte sein damaliger Antrag. Denn Links, der in den 1970ern Philosophie und Lateinamerikanistik studiert hatte und seit 1980 als Redakteur bei der Berliner Zeitung arbeitete, war mit eigenen Buchprojekten zu den revolutionären Umbrüchen in Mittelamerika bei den Partei-Zensoren angeeckt. In deren Augen hatte Links zu intensiv mit den basisdemokratischen Ideen der linken Revolutionäre sympathisiert. Sein Ausscheiden aus dem Berliner Verlag 1986 erfolgte dann auch nicht ganz freiwillig. Bis in die Wendetage des Jahres 1989 war Christoph Links schließlich als Assistent der Geschäftsleitung beim renommierten Berliner Aufbau Verlag tätig.

Einer der ersten unabhängigen Verlage der DDR

Den Weg zum eigenen Verlag machte Christoph Links der friedliche Umbruch in der DDR frei. Am 1. Dezember 1989, just an dem Tag, als in Ost-Berlin die Zensur fiel, gründete er mit zwei Gleichgesinnten einen der ersten unabhängigen Verlage in der DDR. Der enorme Elan des Aufbruchs half den Akteuren über die unsäglichen Startschwierigkeiten im zusammenbrechenden Arbeiter- und Bauernstaat hinweg – kein Kapital, keine geeigneten Räumlichkeiten, kein Telefon.

Zusammenwachsen von Ost und West

Als eine der wenigen Neugründungen nach der Wende hat der kleine Verlag schließlich überlebt – auch und gerade wegen des klaren Profils. Christoph Links und seine Mitstreiter nahmen sich gewissenhaft der Aufarbeitung der weißen Flecken in der DDR-Geschichte ebenso wie der komplizierten Übergangsphase des Zusammenwachsens der Deutschen in Ost und West an. Ausgangspunkt des großen publizistischen – und mit bislang zwölf Auflagen auch größten kommerziellen – Erfolges des Verlages wurde die „Chronik der Wende“ und die „Chronik des Mauerfalls“ (Bahrmann/Links). 

Immer offen für Neues

Inzwischen ist die Zahl der Mitarbeiter auf elf gewachsen, sie alle erhalten noch immer ein bescheidenes Einheitsgehalt. Die einst so strenge Farbenlehre des Verlagsprogramms - gelbe Einbände für aktuelle Themen, grüne für Reportagen und Porträts, graue für Beiträge zur DDR-Geschichtsaufarbeitung und weiße für die Schriftenreihe der Stasi-Unterlagenbehörde – ist belebter geworden. Das hängt nicht zuletzt mit der gewachsenen Themenvielfalt zusammen. Denn zum einen wurde der Blick weiter zurück in die deutsche Vergangenheit gerichtet, etwa in der Reihe „Geschichte in Bild und Text“ oder den Büchern zur deutschen Kolonialgeschichte. Zum anderen betrat der Verlag Neuland - wie unter anderem seine Länderporträts belegen. Im Segment Politik und Zeitgeschichte finden sich nun auch Bücher zu internationalen Themen und Konflikten. Und er sicherte sich dabei die Mitarbeit immer neuer interessanter Autoren. Es ist wohl diese Offenheit für Neues und die Sorgfalt im Umgang damit, mit der sich der Ch.Links-Verlag seinen Platz auf dem hart umkämpften Sachbuchmarkt erobert hat

Tomas Morgenstern


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