Eingleisig zwischen den Metropolen

Eingleisig zwischen den Metropolen

Die gegenwärtig verkehrenden Regionalbahnen zwischen Angermünde und Szczecin sind regelmäßig hoffnungslos überfüllt. Hier der Knotenbahnhof Angermünde. Foto: Andreas Schwarze (asc)

Bahn stellte Ausbaukonzept für Berlin-Stettiner Eisenbahnlinie vor

Bei der Infoveranstalltung der DB AG war der Versammlungsraum der Gemeinde Tantow bis auf den letzten Sitzplatz gefüllt. Foto: asc

Angermünde/Tantow/Szczecin.  Im kleinen Örtchen Tantow, dem letzten Bahnhalt an der Berlin-Stettiner Eisenbahnlinie vor der polnischen Staatsgrenze und im Amtsbereich Gartz (Oder) gelegen, ging es am Mittwochabend um ein ganz großes Thema: Der Ausbau der ehemaligen Haupteisenbahnline Berlin-Szczecin (Stettin). Eingeladen zum Dialog- und Informationsabend hatte die mit den Bauarbeiten von der deutschen Bundesregierung beauftragte Bahn-Tochter DB Netz AG.

Staatsvertrag von 2012 wird ab 2020 umgesetzt

Was 2012 in einem Staatsvertrag mühsam zwischen Deutschland und Polen ausgehandelt wurde, soll ab 2020 umgesetzt werden. Der eingleisige und elektrifizierte Ausbau auf dem Streckenabschnitt Angermünde-Tantow (Grenze) sowie die Ertüchtigung der Strecke auf Tempo 160 km/h. Erst jetzt beginnen die intensiven Vorplanungen für das mit 300 Millionen Euro geplante Großprojekt. "Dafür wird eine Streckensperrung von rund vier Jahren ab 2020 notwendig, einzig zur PCK-Anschlussbahn über Passow wird ein "Notgleis" im Betrieb bleiben können", informierten die anwesenden Vertreter aus dem DB-Konzern. Die lange Bauzeit begründet sich hauptsächlich damit, dass 16 Maßnahmen im Naturschutz beachtet werden müssten, das Gleisbett - welches teilweise noch aus der Nachkriegszeit stammt - komplett aufgenommen und wegen der schwierigen Bodenbedingungen mit speziellem Gerät gearbeitet werden müsse.

Empörung über nur eingleisigen Ausbau

Wer nun erwartet hätte, dass die lange Streckensperrung und die mit Sicherheit für Pendler und Schüler zu erwartenden Behinderungen die Gemüter an diesem Abend erregen würden, der wurde eines Besseren belehrt. Ganz andere Probleme wurden angebracht. "Ich fange gleich an zu heulen, bei dem was Sie uns hier präsentieren", reagierte der Gartzer Amtsdirektor Frank Gotzmann entsetzt und ergänzte: "Der Stettiner Stadtpräsident, der Landrat, der Ministerpräsident und wir hier vor Ort fordern den zweigleisigen Ausbau und nicht einen Minimalkonsens!" Tantows Bürgermeister Andreas Meincke legte nach: "Berlin und Szczecin sind die geografisch am nächsten liegenden Metropolen und schon jetzt machen Schwarztaxis und Busse statt der Eisenbahn das Geschäft mit den Reisenden, weil die Kapazitäten nicht ausreichen." Der Schwedter Hans Krüger, einst Dispatcher bei der PCK-Anschlussbahn, meldete sich ebenfalls zu Wort: "300 Millionen Euro werden für nur ein Gleis verballert, das kann doch wohl nicht wahr sein!" Andere Anwesende beschimpften die DB-Vertreter als "Erfüllungsgehilfen der Bundesregierung" und bezichtigten sie, sich strafbar zu machen, wenn sie gegenüber ihrem Auftraggeber als hochbezahlte Fachleute nicht intervenieren würden. Sichtlich bewegt versprachen die drei anwesenden DB-Vertreter, den Unmut aus der Region weiterzugeben. Sie betonten jedoch, sie könnten nur das umsetzten und planen, womit sie auch tatsächlich beauftragt sind.

In Casekow sei nach dem Ausbau ein rund 700 Meter langer Bahnsteig mit einer Bahnsteighöhe von 76 Zentimeter über Schinenoberkante mit zusätzlicher Kreuzungsmöglichkeit vorgesehen. Und der Aufrag des Bundes beruhe auch auf Verkehrserhebungen, Bevölkerungsentwicklungsprognosen und einer komplexen Wirtschaftlichkeitsanalyse sowie Gutachten. Doch in den - in einer Powerpointpräsentation vorgestellten - Gutachten war nicht ersichtlich, aus welchem Jahr diese stammten. Die DB-Vertreter konnten dahingehend auch keine konkreten Angaben machen. Unberücksichtigt blieb in der Verkehrsprognose für 2020 auch die fast im 30-Minuten-Takt verkehrenden Sammel- und Schwarztaxis zwischen den Metropolen und der Umstand, dass seit Jahrzehnten auf dem maroden Gleis nur Regional- anstatt Fern- und Schnellzüge verkehrten.

Forderung nach zweitem Gleis bleibt bestehen

Nach der rund dreistündigen und hitzigen Debatte resümierte Frank Gotzmann abschließend: "Was uns hier angeboten wird, ist eine Mogelpackung. Diese trägt dazu bei, die Region weiter abzuhängen und den mühevoll gestoppten Bevölkerungsrückgang nachhaltig zu behindern!" Amt, Gemeinden und der Fahrgastverband Pro Bahn e.V. - der mit einem Bundesverbandsmitglied anwesend war - wollen nun alle geeigneten Schritte prüfen, um doch noch den Bau eines zweiten Gleises in die Realität umsetzen zu lassen. Alle hoffen dabei - das klang heraus - auf tatkräftige Unterstützung von den im Wahlkreis agierenden Bundestagsabgeordneten aller Fraktionen. asc

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