Worüber einst die Holzwagen holperten

Jahrhunderte alter Holzbohlensteg nun im Jüterboger Rathaus zu besichtigen

Dieser, aus der Zeit von 1175 bis 1205 stammende, Bohlendamm steht nun im Rathaus und ist dort für wohl ein Jahr zu besichtigen.Foto: fdk

Der Bohlenweg wird freigelegt.Foto: Unteren Denkmalschutzbehörde

Jüterbog.

Ein halbes Jahr lang war dieser während Straßenarbeiten (Große Straße) entdeckte Holzbohlensteg im Luckenwalder Kreishaus zu sehen. Nun ist er buchstäblich heimgekehrt nach Jüterbog und im Rathaus, gleich vis a vis vom Eingang, für rund ein Jahr zu bestaunen.
Möglich wurde all dies dank des Engagements der Mitglieder vom Heimatverein Jüterboger Land und der Denkmalschutzbehörde des Landkreises, denn sie waren es, die letztlich dafür sorgten, dass dieses wertvolle historische Zeugnis nicht gänzlich dem Verfall preisgegeben wurde. Hintergrund ist die Tatsache, dass allein die Größe der Fundstücke eine Konservierung und Aufbewahrung im Ganzen seitens des Landesmuseums nicht zulässt.

„Das besondere an diesem Fund ist, dass der Fund aus dieser frühen Zeit um 1200 herum, Indiz dafür sein dürfte, dass Jüterbog mit dem im Jahr 1174 erworbenen Stadtrecht, offenbar einer wahren Blütezeit entgegen ging. Handel und Handwerk blühten auf und der Ruf nach tragbaren Verkehrsmöglichkeiten wurde laut“, so Stefan Pratsch von der Denkmalschutzbehörde bei der offiziellen Eröffnung dieser neuen Rathaus-Ausstellung. Bemerkenswert, so Pratsch, ist auch die spezielle Konstruktion der seitlichen Trägerbalken. Während sie üblicherweise lediglich als glatte Balken untergelegt wurden, haben Jüterboger „Straßenbauer“ eine spezielle Führungskante ausgeformt, um den darauf liegenden Bohlen mehr Stabilität zu geben.

Interesasant auch seine Ausführung zum Holz selbst: „Es ist ganz normales Kiefernholz. Heute sagt man der Kiefer ja eher eine kurze Haltbarkeitsdauer nach, doch damals war das Holz sehr viel harzreicher, was diese Bohlen all die Jahrhunderte überdauern ließ. Auch griff man seinerzeit offenabr zur Kiefer, da Eiche im Mittelalter als knapper Rohstoff galt. Und betrachtet man die Bohlen näher, lassen sich die Furchen, die einst die mit Waren schwer beladenen Wagen ins Holz drückten, sehr gut sehen. Der Fantasie der Betrachter sind keine Grenzen gesetzt, denn beim Anblick dieses seltenen Artefakts mag man fast hören, wie die Karren über die groben Balken holperten. „Das ist doch auch was für unsere Jugend“, freut sich Bürgermeister Arne Raue, der Schulen und Kitas anbietet, sich dieses bedeutende Zeugnis Jüterboger Geschichte, gern einmal selbst anzusehen. fdk


Historischer Hintergrund:

Mittelalterlicher Bohlenweg aus Jüterbog

Bei der Erneuerung der B 102 in der Ortsdurchfahrt von Jüterbog wurde im Juli 2017 eine hölzerne Straße entdeckt. Nach und nach wurde in der Großen Straße ein mehrphasiger Bohlenweg freigelegt, der aus dem Mittelalter stammt. Die oberste Lage bestand aus ca. 5,4 Meter langen Hölzern, die schlecht erhalten waren. Darunter lagen ein etwa 3,4 Meter breiter, aufwendig gestalteter Bohlenweg und darunter teilweise noch eine dritte Lage.

Hölzerne Befestigungen mittelalterlicher Handelsstraßen sind in Brandenburg keine Seltenheit. Sie wurden vor allem im Zuge von Stadtgründungen und -erweiterungen vorgenommen, damit der Verkehr mittels Karren und Gespannen leichter rollen konnte. Hölzerne Unterbauten für Wege wurden dort angelegt, wo der Untergrund morastig oder permanent feucht war. Verbreitet sind mehrteilige Konstruktionen. Dabei liegen Halbstämme oder Bohlen auf Längsträgern, die parallel zum Straßenverlauf ausgerichtet sind.

In mehreren Städten in unserem Landkreis gibt es Belege von mittelalterlichen Holzstraßen, z. B. in Baruth/ Mark und Zossen. Zuletzt wurde in Dahme/Mark eine über sechs Meter breite Straße freigelegt, die aus halbierten Baumstämmen bestand und in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts datiert. In den vergangenen Jahren mussten diese Bodendenkmale den modernen Straßenbauten weichen.

Der Bohlenweg aus Jüterbog besticht durch seine außergewöhnliche Konstruktion. Waagerechte Stämme wurden in regelmäßigen Abständen rechtwinklig zum Straßenverlauf ausgelegt. Darauf liegen drei lange Balken in Fahrtrichtung. Den obersten Abschluss bilden rechteckige, breite Bohlen von etwa drei Metern Länge und einer Dicke von 10 Zentimetern. Damit die Bohlen seitlich nicht verrutschen konnten, wurden die äußeren Längsträger mit einer Falz versehen und die Bohlen darin eingepasst.

Archäologen haben den Bohlenweg auf 60 m Länge freigelegt und dokumentiert. Es handelt sich um ein wichtiges Zeugnis mittelalterlicher Verkehrsgeschichte, das in mehrfacher Sicht beeindruckend ist. Für den Bau der hölzernen Straße wurden etliche Kiefern gefällt und daraus Unterlagebalken und normierte, rechteckige Bohlen hergestellt. Für die damalige Zeit war es eine handwerkliche und logistische Herausforderung, die von den Bürgern der Stadt Jüterbog mit Bravour gelöst wurde. Alle Hölzer wurden herausgenommen und größtenteils schon entsorgt. An der Luftoberfläche „überlebt“ das Material nicht lange und zerfällt binnen kurzer Zeit. Um es aufzubewahren, müsste es aufwendig konserviert und gelagert werden.

Während der Ausgrabung des Bohlenweges wurden etliche Proben für eine dendrochronologische Untersuchung entnommen. Die Holzscheiben wurden im Deutschen Archäologischen Institut in Berlin untersucht und nun liegen die Ergebnisse vor. Fast alle Konstruktionselemente wurden aus Kiefernholz gefertigt. Die ältesten Hölzer stammen aus dem Jahr 1175, die jüngsten aus dem Jahr 1206. Diese Datierungen unterstreichen die Bedeutung der Stadt Jüterbog im frühen Mittelalter.

Die Stadt Jüterbog – 1007 erstmalig erwähnt – wurde an der Kreuzung wichtiger Fernhandelsstraßen gegründet. Eine Handelsstraße führte von Magdeburg über Jüterbog, Dahme und Luckau in Richtung Schlesien. Die andere führte von Halle nach Berlin. Nach der Eroberung des Jüterboger Landes wurde die Stadt dem Magdeburger Erzbischof Wichmann unterstellt, der den Ausbau der Stadt in vielfältiger Weise förderte. Im Jahr 1174 verlieh er den Bürgern von Jüterbog das Magdeburger Stadtrecht, Zollfreiheiten und das Marktrecht. Daraus resultierte ein gewisser wirtschaftlicher Aufschwung und genau ein Jahr später begann man mit dem Bau des ersten Bohlenweges in der heutigen Großen Straße.

Durch die Bergung dieser Holzbohlen und ihre Ausstellung auf Initiative des Heimatvereins Jüterboger Land e. V. und der Unteren Denkmalschutzbehörde des Landkreises Teltow-Fläming werden Sie jetzt Zeuge des Zerfalls der alten Straße. Vielleicht macht es Sie nachdenklich, dass unser historisches Erbe so zerbrechlich ist und für immer verschwindet, wenn wir es nicht erhalten.

Man darf auf weitere, außergewöhnliche Funde gespannt sein, die im Rahmen der laufenden Ausgrabungen zutage kommen.

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