Im Herbst fällt das Branntweinmonopol

Im Herbst fällt das Branntweinmonopol

Brennerei-Inhaberin Annett Diebow präsentiert den Renner in der Produktpalette des Betriebes, den Echten Sellendorfer Korn.Fotos: Koß

Sellendorfer Brennerei auch betroffen / EU verfügte Wegfall von staatlichen Regulierungen

Annett Diebow mit Brennmeister Günter Krause am Herzstück der Destillerie. Hier wird der Alkohol aus der vergorenen Getreidemasse (Schlempe) gebrannt. Fotos: Koß

Sellendorf. „Es ist ein Brauch von alters her, wer Sorgen hat, hat auch Likör...“, so wusste es einst Wilhelm Busch mit seiner Tragikfigur der „Frommen Helene“ zu verkünden. Doch diese Feststellung dürfte bald in umgekehrter Weise auf die im Osten Deutschlands verbliebenen 32 ländlichen Alkoholbrennereien zutreffen, aber auch auf die viel größere Anzahl Brennereien in den Altbundesländern.

Ab dem 1. Oktober 2013, könnten sie Sorgen um ihre Existenz bekommen. Und das, wegen des Wegfalls des staatlichen Branntwein-Monopols und den daraus resultierenden Regulierungen, wie Mengen, Preise, Absatz und Subventionen in Höhe von 80 Millionen Euro. All das geschieht aus internationalen Wettbewerbsgründen auf Geheiß der EU-Kommission.

Brennerei Sellendorf existiert seit 233 Jahren
 
Doch die Sellendorfer Alkoholmacher- und Veredler haben bisher immer Lösungen für ihren wirtschaftlichen Fortbestand mit den acht Mitarbeitern gefunden. Nachweislich bis ins Jahr 1780 reicht die Geschichte dieser Brennerei zurück. Die erste Lizenz erhielt man als preußische Kartoffelbrennerei des Rittergutes Sellendorf. Gerade Rittergüter bekamen damals diese Lizenzen, weil sie steuervergünstigt Alkohol aus ihren landwirtschaftlichen Produkten herstellen durften. Mit diesem Alkohol konnte man sich schon damals bei Engpässen gut über Wasser halten.

Bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die Brennerei verschiedene Privatbesitzer, bis sie 1946 enteignet und an das Volkseigene Gut (VEG)in Sellendorf überging. Diplom-Agrar-Ingenieurökonom Klaus Neumann, der Vater der heutigen Brennerei-Inhaberin Annette Diebow, leitete seit 1981 die Geschicke dieses Gutes und somit auch die Alkoholherstellung. Nach der Wende ging das Gut in Treuhandverwaltung über und somit auch die Fertigung von Trinkalkohol weiter.

Klaus Neumann war auch weiterhin dabei und wurde 1992 als Ost-Vertreter mit viel Erfahrung in den Bundesverband der Deutschen Kornbrenner mit Sitz in Dortmund aufgenommen. Übrigens war Alkoholbrannt aus Kartoffeln schon seit  1952 nicht mehr erlaubt. Einzig Weizen aus eigener Produktion wurde gemahlen, mit Hefe zu Schlempe vergoren und daraus Roh-Alkohol destilliert. Die Reinigung des Destillats erfolgte schon seit 1923 in guter Tradition in Wittenberg (Lutherstadt).

Mit geschlossenem Natur- Kreislauf

Die Brennerei ist eine der ganz wenigen in Deutschland, die auf einen geschlossenen, natürlichen Kreislauf ihrer Produktion verweisen kann. Die Brennrechte bekam man nur, wenn der ganze Alkohol aus selbst angebauten Grundstoffen hergestellt wurde.

Neumanns nahmen ihre eigenen 320 Hektar Acker für den Getreideanbau und erwarben 150 Hektar als Grün- und Weideland dazu, auf dem eine Mutterkuhherde unter freiem Himmel lebt, ohne Milchproduktion. Die beim Brennvorgang anfallende Schlempe aus Getreide ist sehr nährstoffreich und wird noch in warmem Zustand an diese Rinder verfüttert, die später ein gutes Fleisch erbringen.

Der Bundesverband fragte dann 1992 bei Klaus Neumann an: „Warum macht ihr denn aus eurem Alkohol in Sellendorf keine eigene Fertigware und vermarktet sie dann zu eurem Nutzen“?

Startschuss für eigeneWare war 1992

„Das war für uns gewissermaßen der Startschuss zu eigenen ortstypischen Produkten“, berichtet Klaus Neumann. Noch im selben Jahr entstand der inzwischen legendäre Sellendorfer Korn aus eigener Produktion. „Das ist vor allem ein Verdienst von Brennmeister Günter Krause, der seit 1984 im Betrieb ist und dort auch ausgebildet wurde.

Die Prüfung des Korns erfolgte 1993 in Potsdam und seit 1994 ist die Brennerei Sellendorf auf der Grünen Woche in Berlin mit dem sehr milden Schnaps, aber auch Kräuterlikören, Sahnelikören sowie Pflaumen- und Kischlikören vertreten. Der Renner ist nach wie vor der Korn. Stark gefragt ist auch der „Bukowina“, der seinen Geschmack aus der spreewaldtypischen Kalmuswurzel bekommt und dessen Bitterstoffe verdauungsfördernd sind. Der „Bukowina“ ist übrigens markengeschützt und trägt die Symbole Brandenburgs und des Spreewaldvereins.

Brennerei 1998 von der Treuhand erworben


Im Oktober 1998 schlug dann die Stunde für Annette Diebow. Die einstige Zahnarzthelferin erwarb die Brennerei Sellendorf von der Treuhand und managt sie jetzt gemeinsam mit ihrem Vater. In die Anlagen wurden 1,2 Millionen Euro investiert, um sie auf den modernsten Stand zu bringen. Der Kredit sollte 2017, dem eigentlichen Ende des Brennmonopols für Kleinbrennereien, getilgt sein. Garantierte Einnahmen fallen aber schon 2013  weg. Dann muss sich die Brennerei mit niedrigeren Weltmarktpreisen messen.

Die Brenner machen sich Gedanken darüber, das mit neuen Marktstrategien und dem Vertrieb von Eigenprodukten ausgleichen zu können. Dazu hofft man auf Unterstützung der Landesregierung mit Steuerermäßigungen für den Familienbetrieb, mit echten Brandenburger Markenprodukten.
Die Brennerei Sellendorf, und nicht der Teufel, macht den Schnaps, der niemanden ins Verderben führen soll. Schon gar nicht die Brennerei Sellendorf soll daran sterben.

Führungen, Verkostungen und mehr: www.brennerei-sellendorf.de

Herbert Koß


• Erste Branntweinabgaben wurden in Deutschland Anfang des 16. Jahrhunderts erhoben („Bornewyn-Zins“) um 1507 in Nordhausen.

• Preußen führte 1820 die „Maischbottich-Steuer“ ein.

• Reichskanzler Bismarck legte 1886 den ersten Entwurf für ein Branntweinmonopolgesetz vor, dass 1897 verabschiedet wurde.

• Das von Kaiser Wilhelm II. 1918 unterzeichnete Branntwein- und weinmonopol-Gesetz tritt 1919 in Kraft. Es wurde 1922 unterzeichnet. Verwaltet wurde es von der 1922 gegründeten Reichsmonopolverwaltung RMV in Berlin-Lichtenberg.

• 1951 wurde die Bundesmonopolverwaltung für Branntwein BfB mit Sitz in Offenbach neugegründet.

• Ab 1991 gilt das Deutsche Branntweinmonopol in den neuen Bundesländern.

• Das Branntweinmonopol war ein Bezugs-, Herstellungs-, Einfuhr-, Handels und Reinigungsmonopol. Es legte Brennmengen und Preise fest und garantierte feste Abnahmepreise.

• Das Monopol für landwirtschaftliche Verschlussbrennereien läuft am 30. September 2013 und für Obstbrennereien am 30. September 2017 aus.

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