Restaurierung des Winzerbergs fast beendet

Restaurierung des Winzerbergs fast beendet

Unter fachlicher Anleitung setzt der Chef der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten (SPSG), Hartmut Dorgerloh, eine Scheibe in einen gusseisernen Rahmen ein, der vor der Rankmauer einen Gewächshauseffekt erzielt. Fotos (2): Sabine Gottschalk

Erste Scheiben an den Rankmauern auf dem "fröhlichen Weinberg" eingesetzt / Beispielhaftes bürgerschaftliches Engagement

Aus den Händen von Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs (Mitte) erhielt auch Architekt Sebastian Miethe (links) eine Scheibe mit seinem Namen. Mit dabei waren Baudenkmalpfleger Roland Schulze (links hinter Jakobs) und Weinspezialistin Monika Lange.

Potsdam. Tafelobst vom Winzerberg genoss schon Friedrich der Große. Doch lange Zeit wuchs hier vor allem Grün wild durcheinander, denn seit dem Zweiten Weltkrieg war der königliche Obstgarten sich selbst überlassen und dem Verfall preisgegeben, 2004 dann schließlich sogar baupolizeilich gesperrt.

Im Herbst dieses Jahres soll die Anlage komplett instandgesetzt sein. Nach mehr als 4.000 ehrenamtlich geleisteten Arbeitsstunden in 13 Jahren war am Samstag ein entscheidender, letzter Schritt erreicht: Die ersten namentlich gekennzeichneten Glasscheiben konnten von Oberbürgermeister Jann Jakobs und dem Chef der Schlösserstiftung, Hartmut Dorgerloh, in die gusseisernen Gitter der Rankwände eingesetzt werden. Möglich wurde das durch eine groß angelegte Spendenaktion, bei der bereits 5.050 Paten für die insgesamt 6.200 einzelnen Glasscheiben gefunden wurden, die nun nach und nach eingesetzt werden. Die Gitter selbst konnten teilweise aus einem Privatgarten geborgen und aufgearbeitet werden, so Restaurator Tom Zimmermann. Zum größten Teil mussten sie jedoch nachgegossen werden. Da sich das Material beim Guss verzieht, ist nun jede Scheibe eine Spezialanfertigung, erklärte Baudenkmalpfleger Roland Schulze. Der Babelsberger Spezialist für die Restaurierung historischer Gebäude hat sich gleich mit seiner ganzen Belegschaft engagiert und ist von Anfang an federführend an der Rekonstruktion der Terrassenanlage beteiligt.


Ohne Ehrenamtler kein Winzerberg

Ohne den ehrenamtlichen Einsatz der Potsdamer hätte der Winzerberg seine ursprüngliche Form nicht wieder erhalten können, betonte Hartmut Dorgerloh. Denn der Rückkehr der Gewächshausscheiben, hinter denen bald wieder wie zu Friedrichs Zeiten Tafeltrauben reifen werden, sind zahlreiche andere Schritte vorausgegangen. Als der Wildwuchs beseitigt war und ein Baugutachten bestätigt hatte, dass die Fundamente den Wiederaufbau des Obstgartens tragen können, mussten zunächst alle wiederverwendbaren Bauteile gesichert und eingelagert werden. Schlösserstiftung und Denkmalpflege hatten zur Auflage gemacht, die historische Substanz möglichst zu erhalten. Trotzdem entschieden sich die Fachleute für einige Veränderungen, da beispielsweise Pergolen aus Kiefernholz viel anfälliger für Fäulnis sind als witterungsbeständiges Lärchenholz, das zudem keinen weiteren Schutz benötigt und durch eine natürliche Reaktion den gleichen Farbton annimmt, in dem das Holz ursprünglich gestrichen war.

Um den Berg als offenes Denkmal auf Dauer erhalten zu können, hat der Bauverein Winzerberg auch eine Abteilung "Gärtner". Die zurzeit 50 Mitglieder haben die fünf Etagen wieder bepflanzt und pflegen sie kontinuierlich. Gepflanzt werden sollten jedoch keine modernen Züchtungen, sondern Rebstöcke aus der Zeit Friedrichs des Großen. Um passende zu finden, die im heutigen Klima in Potsdam gut gedeihen, hat der Verein Spezialisten aus Südtirol und der Pfalz hinzugezogen, die aus historischen Pflanzen Ableger gezüchtet haben, erklärt Monika Lange. Die Gartenbauingenieurin betreibt seit Jahren mit ihrem Mann eine Potsdamer Weinhandlung und bringt beste Voraussetzungen für Rekultivierung des Weinbergs mit. 27 verschiedene Rebsorten konnten an den Rankmauern gepflanzt werden, alle mit unterschiedlichen Reifezeiten, wie schon zu Friedrichs Zeiten, als die Trauben mit Gold aufgewogen wurden. So konnte der Obstgenuss auf natürliche Weise verlängert werden. Gekeltert habe man die Trauben damals nicht, dazu sei die Qualität nicht gut genug gewesen, weiß Lange.


Expertise und unermüdlicher Einsatz für die gute Sache


Wie Monika Lange haben alle Beteiligten ihre Expertise und ihren unermüdlichen Einsatz über die vielen Jahre für die gute Sache zur Verfügung gestellt ohne eine Gegenleistung zu verlangen. Und wer das Handwerk noch nicht beherrschte, wurde kurzerhand angeleitet. 45 Azubis haben einen Teil ihrer Ausbildung ganz praktisch am Berg verbracht, 24 Teilnehmer an freiwilligen sozialen Jahren haben hier gearbeitet und sieben Diplomarbeiten von Architekten entstanden in den 13 Jahren zu unterschiedlichen Themen. Die erste schrieb der Potsdamer  Sebastian Miethe. Seine Aufgabe war die Überprüfung der Fundamente, die in einer Bauzeichnung von 1855 fehlerhaft eingetragen waren. Am Samstag wurde ihm, wie etlichen anderen Engagierten, eine Scheibe mit seinem eingravierten Namen als Anerkennung und Dank überreicht. Und auch für diese, im Vergleich zur Rekonstruktion des Berges klein erscheinende Aufgabe, konnte der Verein wieder eine Potsdamer Institution finden, die mit viel Einsatz nach der richtigen Lösung für die Gravur suchte: Die Scheiben werden in den Werkstätten des Oberlinhauses auf der Rückseite mit den Namen der Spender versehen.

Zahllose Wochenenden und den selbst gesetzten Jour fixe montags ab 16 Uhr haben die Ehrenamtler auf dem Berg verbracht und dabei viel Spaß an der Arbeit gehabt. Hartmut Dorgerloh lobte deshalb nicht nur die hervorragende Zusammenarbeit zwischen Bauverein und Schlösserstiftung, sondern bezeichnete den Winzerberg in Anlehnung an Carl Zuckmayers berühmtes Stück auch als "den fröhlichen Weinberg". Damit ist das bürgerschaftliche Engagement jedoch noch lange nicht beendet. Ab 24. Mai ist der Winzerberg jeden Donnerstag und Freitag von 17 bis 20 Uhr für Besucher geöffnet, die hier den Feierabend bei einem Glas Wein genießen können. Sämtliche Einnahmen aus dem Weinverkauf fließen in Erhalt und Pflege des Baudenkmals. sg


Für etwa 1.150 Scheiben zu je 30 Euro werden noch Paten gesucht.
Interessierte können sich auch weiterhin ehrenamtlich engagieren.
eitere Informationen zum Verein und zur Spendenaktion auf www.winzerberg.de.

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