500 Jahre Reinheitsgebot: Hopfen und Malz, Gott erhalt's

500 Jahre Reinheitsgebot: Hopfen und Malz, Gott erhalt's

Braumeister Jürgen Solkowski fügt dem Sud nur wenig Hopfen zu, sonst würde das Bier zu bitter. Foto: sg

In der ehemaligen Meierei wird Bier nach historischem Vorbild gebraut – mit modernster Technologie

Im Eiskeller der ehemaligen Meierei wird dem Sud die Hefe zugesetzt. Sie beginnt sofort zu arbeiten. Um den Prozess unter Kontrolle zu behalten, muss die Stammwürze immer wieder gemessen werden bis der gewünschte Gehalt erreicht ist. Foto: sg

Potsdam. Wer gutes Bier brauen will, braucht neben Hopfen und Malz vor allem Leidenschaft. Wenn Braumeister Jürgen Solkowski in seiner Gasthausbrauerei in der Meierei des Neuen Gartens von seinem Bier erzählt, gerät er ins Schwärmen und erläutert mit wahrer Hingabe den Entstehungsprozess der begehrten Gerstensäfte, die nur hier erhältlich sind.

Solkowski war nicht immer Brauer. Nach dem Studium der Lebensmitteltechnologie an der TU Berlin hat er sich in Schleswig-Holstein als Projektingenieur zunächst auf den Bau von Brauereianlagen spezialisiert und alte Brauereien modernisiert. 1987 kam er in seine Berliner Heimat zurück und errichtete seine erste eigene Brauerei am Luisenplatz direkt neben dem Schloss Charlottenburg. In einer Zeit, als es in Deutschland ganze acht Gasthausbrauereien gab, lief der Laden hervorragend, auch dank der vielen Schloss- und Museumsbesucher. 1994 kam das Brauhaus Spandau hinzu. Beide Gasthäuser hat Solkowski inzwischen verkauft, um sich ganz auf die ehemalige Meierei zu konzentrieren.

Sein Bier enthält genau das, was das gerade 500 Jahre alte Bayerische Reinheitsgebot zulässt: Gerstenmalz, Hopfen, klares Wasser und Bierhefe zum Gären. Keine Konservierungsstoffe, keine Geschmacksverstärker und nur in ganz wenigen Ausnahmen Weizen statt Gerste, wenn das Bier obergärig ist. "Obergäriges Bier wird erhitzt, wogegen untergäriges nur bei niedrigen Temperaturen gebraut wird", erklärt Jürgen Solkowski und erläutert, dass die bayerischen Brauer über viele Jahrhunderte ihrem Bier unterschiedlichste Wildkräuter beimischten, um es haltbarer zu machen. Die eigentliche Wirkung dieser Pflanzen kannte man noch nicht und so führte die Zutat häufig zu Übelkeit oder sogar zum Tod nach dem Genuss des Bieres. Die Erfahrung lehrte jedoch, dass der ungiftige Hopfen sich mit seinen Bitterstoffen nicht nur positiv auf die Haltbarkeit des Gerstensaftes auswirkte, sondern auch der Gesundheit nicht abträglich war. Mit anderen Worten: Das Reinheitsgebot ist eine historische Verbraucherschutzverordnung.

Solkowski weiß viel über Bier und hält beharrlich an alten Traditionen fest. So gibt es bei ihm zwar auch Berliner Weiße, aber nicht das "süße Damengetränk" mit rotem Sirup, sondern die historische Spezialität, die mit natürlichen Milchsäurebakterien sanft vergoren wird und so eine weitaus mildere Säure entwickelt als das typische Berliner Touristengetränk: Die Weiße aus der Meierei ist so edel, dass sie in Champagnerflaschen mit Naturkorken abgefüllt wird. Überhaupt experimentiert Solkowski gern: Im Herbst will er Bier, das in einem alten Rotweinfass gereift ist, auf Champagnerflaschen ziehen.


Potsdamer Prachtstück aus dem Dornröschenschlaf erweckt

Seine Berliner Brauereien hat der Braumeister längst verkauft, um sich ganz auf sein Potsdamer Prachtstück konzentrieren zu können. Seit Anfang der Neunziger Jahre hatten Jürgen und Hannelore Solkowski mit dem Gedanken gespielt, noch einmal etwas ganz Eigenes aufzubauen. 1999 war es dann endlich soweit: Auf einer Fahrt über den Jungfernsee entdeckten sie die ehemalige Meierei, die nach einem Brand nach Kriegsende 43 Jahre lang ein trauriges Dasein im sowjetischen Sperrgebiet gefristet hatte und bis 1989 Teil der Grenzbefestigungen war. "Selbst der Pumpenwärter brauchte ein Visum, um zu seiner Arbeit zu gelangen", weiß Solkowski nach eingehenden Recherchen zur Geschichte des Gebäudes. Immerhin wurde der Mann noch in die Meierei gelassen und konnte die Bewässerung des Neuen Gartens sicherstellen.

Was Solkowskis Ende des letzten Jahrhunderts vorfanden, war ein fast völlig verfallenes Gemäuer, das aufgrund seiner Lage am Rand des historischen Parks denkmalgerecht wieder aufgebaut werden musste. Dafür hatte weder die Schlösserstiftung, die bis heute Eigentümerin des Grundstücks ist, noch die Stadt das nötige Geld. Die Familie musste also selbst in die Tasche greifen, bekam lediglich eine Förderung für die Brauerei vom Land. Für den Gasthausbetrieb selbst gab es keine Gelder. Trotz der hohen Auflagen für Innenräume und Fassade durch das Denkmalamt haben sie sich an das Projekt herangewagt und die Ruine in ein Kleinod diverser architektonischer Baustile verwandelt. Bis ins kleinste Detail wurde erhalten, was zu erhalten war und rekonstruiert, was nicht mehr vorhanden war. Dabei mussten auch die verschiedenen Epochen beachtet werden, in denen die königlichen Bauherren die Meierei nach eigenem Gusto erweiterten und aufstockten. Am Ende wurden alle Fassaden mit pigmentierter Kaseinfarbe nach Originalvorlagen geschlämmt.

Wer die Meierei betritt, staunt zunächst über das glänzende Sudhaus. Unter den sichtbaren Kupferkesseln beginnt der mittlerweile hochtechnisierte Brauvorgang in modernen Edelstahlbehältern. Zwei Etagen höher wird eine Mühle mit bestem Gerstenmalz befüllt, dass fein gemahlen über einen Trichter im ersten Kessel landet. Wasser und im nächsten Arbeitsschritt eine Handvoll Hopfen kommen dazu. Spelzen und feste Bestandteile des Malzes werden herausgeschleudert und dienen ganz ökologisch als nahrhaftes Viehfutter. Im rekonstruierten Eiskeller der Meierei sind drei große Gärbottiche installiert. Bei 8° Raumtemperatur wird hier die Hefe zugefügt und reagiert prompt. Nun erinnert der Sud ein wenig an eine Baisertorte, die gerade aus dem Ofen geholt wurde. Im Kühlhaus auf der anderen Seite des Vorhofs gärt das Bier bei 3° in Edelstahlbehältern noch weiter. Geschmack und Qualität müssen hier immer wieder kontrolliert werden, bis es trinkfertig ist und in die direkt an die Zapfhähne angeschlossenen Ausschanktanks umgefüllt wird. Ohne Konservierung oder Filtern behält es all seine Trübstoffe und seine Frische.

Ausgeschenkt werden darf trotz der idyllischen Parklage nur bis 22 Uhr. Heute wird das zwar nicht mehr von König oder Kaiser bestimmt, dafür haben aber einflussreiche Anlieger der nahe gelegenen Bertinistraße ein Auge auf die Einhaltung der Schankzeiten.  sg


Am 23. und 24. April feiern 13 Brandenburger Gasthausbrauereien, darunter auch die Meierei und die Braumanufaktur im Forsthaus Templin aus Potsdam, den Geburtstag des Bayerischen Reinheitsgebots von 1516 mit einem Ausschank auf dem Luisenplatz.

Am Samstag um 11 Uhr wird das Fest von Wirtschaftsminister Albrecht Gerber und Landwirtschaftsminister Jörg Vogelsänger feierlich eröffnet.

Danach stechen Oberbürgermeister Jann Jakobs und pro agro-Geschäftsführer Kai Rückewold die ersten Bierfässer an. Mit dabei sind auch die "Langen Kerls" und die erste Brandenburger Bierkönigin, Carolin Käbermann aus Finsterwalde.

Geöffnet ist an beiden Tagen ab 11 Uhr.

Kommentar schreiben

comment

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.
Pflichtfelder sind markiert mit*

Weitere Nachrichten aus Potsdam

Brandenburger Tor wird saniert
Potsdam

Brandenburger Tor wird saniert

Das Brandenburger Tor am Luisenplatz wird seit Montag grundhaft saniert. Die umfangreichen Arbeiten zur Instandsetzung sind notwendig, da bei turnusgemäßen Wartungskontrollen im vergangenen Jahr...

Potsdam radelt weiter
Potsdam

Potsdam radelt weiter

Noch bis zum 24. September wird im Rahmen der Aktion "Stadtradeln" in Potsdam in die Pedale getreten. Aktuell sind 1.296 Radlerinnen und Radler für die Landeshauptstadt registriert und damit 160 mehr...

Baumaßnahmen an Staudenhof und Fachhochschule werden vorbereitet
Potsdam

Baumaßnahmen an Staudenhof und Fachhochschule werden vorbereitet

Pro Potsdam führt in dieser und in der kommenden Woche weitere vorbereitende Baumaßnahmen am und um das Fachhochschulgebäude aus. Für den barrierefreien Zugang zum Staudenhof wird eine neue Rampe...

Stadt- und Landesbibliothek zum Deutschen Lesepreis nominiert
Potsdam

Stadt- und Landesbibliothek zum Deutschen Lesepreis nominiert

36 Projekte in vier Kategorien umfasst die Shortlist für den Deutschen Lesepreis 2017. Ausgewählt wurden sie aus 281 Bewerbungen aus dem gesamten Bundesgebiet. In der Kategorie "Herausragendes...