„Ob wir im Mittelmeer ertrinken oder in Aleppo sterben, ist egal.“

„Ob wir im Mittelmeer ertrinken oder in Aleppo sterben, ist egal.“

Syrerin erzählt von ihrer Flucht

Schmerwitz.

Die 19-jährige Sevin Horo spricht über ihre Flucht aus Aleppo. Seit einem halben Jahr lebt sie in Deutschland und seit fünf Monaten in Schmerwitz.


Blickpunkt: In welcher Situation haben Sie Aleppo verlassen?
Sevin Horo: Wir haben Aleppo schon 2013 verlassen, als die Kämpfe intensiver wurden. Im Jahr davor hatte man die Bomben und Schüsse nur jeden Tag gehört. Ab 2013 wurde es aber richtig gefährlich. Mit meiner Familie bin ich dann nach Afrin geflohen – eine kleinere Stadt im kurdischen Teil Syriens. Dort war es ruhiger. Wir haben ein Haus gemietet und zwei Jahre in Afrin gelebt.

Blickpunkt: Wie weit liegt Afrin von Aleppo entfernt?
Sevin Horo: Nur eine halbe Stunde mit dem Bus – das heißt: Vorm Krieg dauerte es eine halbe Stunde. Seitdem Krieg ist, dauert es 13, 14 Stunden.


Blickpunkt: Sind Sie jemals nach Aleppo zurückgekehrt?
Sevin Horo: Zweimal bin ich noch in Aleppo gewesen. Ich bin in Afrin zur Schule gegangen. Aber um die Abiturprüfung abzulegen und um mich später an der Universität einzuschreiben, musste ich nach Aleppo fahren. Das war sehr gefährlich. Wir mussten durch das Gebiet des Islamischen Staats. Alle Frauen mussten sich komplett verschleiern und lange schwarze Kleider tragen. Ich durfte auch nur in Begleitung meines Vaters oder Onkels reisen. Als die IS-Männer uns an der Straßensperre kontrollierten, hatte ich große Angst. Aber es ist alles gut gegangen.


Blickpunkt: Was haben Sie nach dem Abitur getan?

Sevin Horo: Ich habe Krankenpflege studiert und angefangen, in Afrin als Krankenschwester zu arbeiten. Aber wir konnten nicht bleiben, die Kämpfe rückten näher. Inzwischen wird Afrin von der Türkei bombardiert. Wir sind ja Kurden und Afrin liegt in einer kurdischen Gegend. Wir mussten weg von dort.


Blickpunkt: Auf welchem Weg sind Sie geflohen?

Sevin Horo: Zunächst fuhren wir über die Grenze in die Türkei und dann mit einem Segelboot übers Meer nach Griechenland. Wir waren 73 Personen in einem acht Meter langen Boot. Auf mir saßen drei Menschen. Das Wasser im Boot stand uns schon bis zu den Knien. Immer wenn das Boot sich neigte, hatten wir wahnsinnige Angst, dass es kentert. Gerade heute Nacht habe ich wieder davon geträumt: Ich sitze in diesem Boot und neben uns fahren andere Boote. Plötzlich kippt das Boot neben uns um, die Menschen verschwinden in der Tiefe und ich kann sie nicht mehr sehen. Zum Glück ist das bei unserer Überfahrt nicht passiert.


Blickpunkt: Wussten Sie, wie gefährlich die Überfahrt ist?

Sevin Horo: Natürlich wussten wir es. Ein Familienangehöriger ist vor uns geflohen – er ist im Mittelmeer ertrunken. Wir wussten, dass es gefährlich ist. Aber was sollten wir tun? Wir haben uns gesagt: Ob wir bei der Überfahrt ertrinken oder in Aleppo sterben, ist egal.


Blickpunkt: Wie sind Sie dann von Griechenland nach Deutschland gekommen?

Sevin Horo: Wir sind zwei Tage gelaufen, haben mal in einer Kirche geschlafen, mal draußen. Mit einem Bus ging es weiter durch Mazedonien. Dann wieder vier Stunden zu Fuß über die serbische Grenze. In Ungarn war es ziemlich schlimm. Wir mussten mehrere Tage dort bleiben, haben aber nur einmal eine kleine Wasserflasche und ein Brötchen bekommen. Die Polizei hat uns Decken, die wir gekauft hatten, weggenommen. Irgendwann konnten wir endlich weiterreisen: Mit dem Bus nach Österreich und von dort mit dem Zug nach Deutschland.


Blickpunkt: Warum wollten Sie gerade nach Deutschland?
Sevin Horo: Wir wollten gar nicht unbedingt nach Deutschland. Wir wollten einfach nur weg. Wir wussten ja auch gar nicht, ob wir die Meerüberfahrt überleben. Wir wollten erst mal in die EU. In Ungarn war klar: Hier ist es nicht gut, hier können wir nicht bleiben. Erst als wir in Österreich waren, bekamen wir Nachricht von meinem Bruder, der vor uns losgereist war, er sei in Deutschland angekommen. Dann sagten wir: Gut, dann kommen wir auch dorthin.


Blickpunkt: Haben Sie noch Angehörige in Syrien?
Sevin Horo: Meine Schwester, ihr Mann und dessen Familie, meine Tante und mein Onkel leben noch in Syrien, nahe der türkischen Grenze. Im Moment gibt es dort keine Kämpfe. Ich denke, wenn es ruhig bleibt, werden sie dort bleiben. Wenn der Krieg zu ihnen kommt, müssen auch sie fliehen.


Blickpunkt: Was müsste passieren, damit es in Syrien Frieden gibt?

Sevin Horo: Ich glaube nicht, dass es bald Frieden gibt. Ich schätze, bis 2025 gibt es dort überhaupt keine Perspektive. In Aleppo zum Beispiel sind fast alle Gebäude zerstört. Wir richten uns darauf ein, hier zu bleiben.


Blickpunkt: Wie geht es Ihnen hier in Deutschland?
Sevin Horo: Mir geht es sehr gut. Aber ich habe den Eindruck, dass manche Menschen uns syrischen Flüchtlingen herablassend begegnen. Vor Kurzem sind meine Mutter und ich im Bus aggressiv angesprochen worden. Ich habe kein Verständnis dafür, wenn wir als Flüchtlinge schlecht behandelt werden. Wir mussten fliehen und sind froh, dass wir hier herkommen durften. Nun wollen wir deutsch lernen, studieren – wir wollen einfach hier leben wie andere Menschen auch.

Blickpunkt: Wie haben Sie in nur sechs Monaten deutsch gelernt?
Sevin Horo: Hier in Schmerwitz gibt es einen Deutschkurs. Ich lerne auch viel für mich allein.

Blickpunkt: Was sind Ihre weiteren Pläne?
Sevin Horo: Meine Eltern und ich wollen demnächst nach Bielefeld ziehen, wo mein Bruder bereits lebt. Ich will dort einen weiteren Deutschkurs besuchen, die Sprache richtig lernen und mit einer Prüfung abschließen. Danach schreibe ich mich an der Uni ein. Ich will Medizin studieren. Dann suche ich mir ein Zimmer im Studentenwohnheim. Außerdem möchte ich dafür sorgen, dass meine Eltern gesund werden. Sie sind beide krank und brauchen ärztliche Behandlung. Und irgendwann möchte ich als Ärztin arbeiten.
    Das Interview führte Johannes Krause.

Foto: Sevin Horo lernt im Kurs in Schmerwitz deutsch (rechts). (Privat)

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