In der Zauche wird gezempert

In der Zauche wird gezempert

In Elsholz ist der Bär los. Beim Zempern zeigt sich der karnevalistische Geist der Märker. Foto: Nils Schulz

Nach alter Tradition soll dem Winter der Garaus gemacht werden

Was könnte den Winter besser vertreiben als eine bunte Verkleidung und lustiges Treiben? Foto: Nils Schulz

Beelitz. Zum Jahresanfang stehen die Beelitz-Dörfer Kopf: Wenn die Tage kalt und grau sind, zieht es vor allem junge Leute raus vor die Tür, um bunt kostümiert durch die Straßen zu ziehen und mit Musik und Lärm den Winter zu vertreiben. Verkörpert wird die kalte Jahreszeit von einem Bären, der - an eine Kette gelegt - von Tür zu Tür gezogen wird und dort mit der jeweiligen Dame des Hauses tanzen muss. In der Zauche hat das Zempern Tradition - und dieser Tage wieder Konjunktur: An jedem Wochenende ist ein anderes Dorf an der Reihe, immerhin setzt man auf gegenseitige Unterstützung, um Meister Petz nach altem Brauch den Garaus zu machen.

Den Anfang haben die Elsholzer bereits am vergangenen Wochenende gemacht: Rund 60 Leute hatten sich frühmorgens in der Fischerstraße getroffen, um dann unter der Begleitung des Blasorchesters Stücken durch das Dorf zu ziehen. Die Zemperer hatten sich als Kühe, Pferde und Cowboys verkleidet oder sich in Fantasiekostüme geworfen. Als nächstes wird am kommenden Samstag in Buchholz gezempert, danach sind die Wittbrietzener und Zauchwitzer sowie am 13. Februar die Riebener und Salzbrunner an der Reihe. Fast überall gibt es abends auch große Fastnachtspartys in den örtlichen Gaststätten oder Gemeinschaftshäusern.

Zempern, das kommt aus dem Sorbischen und bedeutet so viel wie "einfordern". Denn die bunte Gemeinde bittet seit jeher auch um Gaben wie Speisen und Getränke - vor allem Würstchen, Brote und Hochprozentigen. Auch Klimpergeld für die Fastnachtskasse ist gern gesehen. Seit wann es den Brauch gibt, weiß vor Ort niemand mehr, wahrscheinlich wird er aber schon seit dem 19. Jahrhundert oder noch länger gepflegt. Auch zu DDR-Zeiten war man an bestimmten Winter-Wochenenden auf den Dörfern nicht sicher, mitunter wurde man sogar "angeschwärzt" - und zwar mit Ruß. Immerhin: Werner Rosin, 90-jähriger Buchholzer, weiß aus eigenem Erleben, dass schon 1930 in seinem Ort gezempert wurde - allerdings waren damals weitaus weniger Leute unterwegs als heute, berichtet er.


Nach dem Zweiten Weltkrieg ließ das Zempern traurige Erinnerungen verblassen


Am kommenden Samstag werden die Buchholzer wohl wieder um die hundert Leute mobilisieren, die zum Teil als Mitglieder des Jugendblasorchesters selbst für die passende Musik sorgen. Am Freitag- und Samstagabend spielt außerdem ab 20 Uhr die Gruppe Kondor in der Gaststätte "Drei Linden" zum Tanz auf. Wie früher gezempert wurde, darüber kann auch Sieglinde Gotthardt berichten, die ab den 1950ern als junges Mädchen dabei war. "Los ging es schon bald nach 1945: Damals wollten die Leute den Krieg vergessen, endlich wieder lustig sein." Auch Frau Gotthardt erzählt, dass damals weniger Zemperer unterwegs waren als heute - "vielleicht zehn bis fünfzehn Burschen, die aber ordentlich Stimmung gemacht haben". Um acht Uhr morgens ging es los - am Montag und nicht wie heute am Wochenende. Bis zum Nachmittag musste man fertig sein mit dem Einsammeln der Gaben, denn dann begann der Tanz. Wer zu spät kam, musste eine Strafe in die Jugendkasse zahlen - und verpasste vielleicht auch noch die ersehnte Tanzpartnerin.

"Die Mädchen hatten sich um 14 Uhr bereits in der einen Gaststätte des Ortes versammelt, während sich die Jungen in der anderen trafen. Dann hat uns die Kapelle abgeholt und wir sind rübergezogen", berichtet Sieglinde Gotthardt. Den ganzen Nachmittag war Damenwahl, am Abend ging es fürs Abendbrot nach Hause - und danach zurück zum Tanz. Die Kapelle war eigentlich immer mit dabei.

Besonders genau nimmt man es mit der Tradition indes in Wittbrietzen, das für den 23. Januar den launigen Ausnahmezustand angekündigt hat: Dort wird das Bärenkostüm aus Haferstroh gebunden wie schon vor über hundert Jahren. "Wir sind die einzigen in der Gegend, die das noch so machen", erzählt Ortsvorsteherin Simone Spahn stolz. Das Stroh wird extra dafür angebaut, getrocknet und geflochten. Das "Einkleiden" des Bären-Darstellers kann bis zu drei Stunden dauern, erklärt die Ortsvorsteherin. Die Zempergemeinde in Wittbrietzen ist mit weit über hundert Teilnehmern immer besonders groß. Für die Kinder gibt es bereits am Nachmittag Tanz, abends feiern die Großen im Sommersaal. Und dem Zempern herrscht nicht etwa Katzenjammer, sondern Vorfreude - auf die ersten warmen Tage - und das nächste Fest. Denn die erbeuteten Gaben, vor allem die finanziellen, werden auf den Kopf gehauen, wenn sich der Winter endlich verzogen hat. Auch das gehört zu diesem Brauch, der noch heutzutage hochgehalten wird.  red / sg

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