Im Wettlauf mit der Zeit

Landwirt sieht sich in Sachen „Wolf“ mit dem Rücken zur Wand

Landwirt Jürgen Frenzel vom Landgut Hennikendorf liebt Tiere, doch sie vor Wolfsübergriffen zu schützen fällt zunehmend schwerer.Foto: fdk

Dobbrikow. Es ist wie die Rechnung mit einer großen Unbekannten, nämlich der Frage, wann und wo wird das nächste Tier gerissen? So zumindest stellt es sich für Jürgen Frenzel, Landwirt und einer der Geschäftsführer im Landgut Hennikendorf, dar, wenn er an all die Kälber, Mutterkühe und Jungringer denkt, die bislang auf den Koppeln seines Verantwortungsbereiches getötet wurden. 40 Kälber allein im vergangenen Jahr, was gemessen am Gesamttierbestand von 185 Tieren, ein nicht nur wirtschaftlich gefährliches Szenario beschreibt.

„Eigentlich weiß man gar nicht mehr genau, wie viele Kälbchen getötet werden, denn bei einer gehetzten Mutterkuh, kann die Geburt durch Schock und Angst eingeleitet werden. Sie wirft das Kälbchen dann einfach ab. Und das wird zum Opfer.
Mittlerweile werden auch bis zu 200 Kilogramm schwere Jungrinder gerissen“, beschreibt Frenzel die Situation. Mehr noch, die Kette der Folgen für Kühe und Betrieb ist länger: „Diese Mutterkühe werden ihre Milch, die ja für das Junge gebildet wird, nicht mehr los, es kommt zu Hormonproblemen, was dazu führen kann, dass sie gar nicht mehr trägt. Dann steht sie zur Milchproduktion nicht mehr zur Verfügung.“ Von den 40 Tieren, die der Betrieb im vergangenen Jahr verlor, bekam er nach Sichtung durch einen Wolfsgutachter 18 Tiere vom Land ersetzt. Den eigentlichen Verlust machen diese Gelder längst nicht aus.
„Wir stehen mit dem Rücken zur Wand, haben alle Alternativen schon geprüft. Die Anschaffung von Herdenschutzhunden wird finanziell unterstützt, nicht aber der Unterhalt dieser Tiere, der, wenn man es umrechnet, rund zehn Kälber ausmacht. Esel funktionieren auch nicht, da sie unsere feuchten Böden und das eiweißreiche Futter darauf nicht vertragen.“ Bleibt noch der vom Land favorisierte Wolfszaun? „Um unsere Koppeln, also rund 160 Hektar so einzuzäunen, ist man fast im sechsstelligen Bereich.“

Der Bau  des von Fachleuten als sicher eingestuften Wolfszaunes (Höhe 1,25 Meter) wird vom Land mit 10 Prozent gefördert. Frenzels Betrieb erhielt rund 11.000 Euro dafür. „160 Hektar einzuzäunen ist ein riesen Kraftaufwand, denn er muss ja von den Mitarbeitern aufgebaut werden, die sich eigentlich um die Arbeit auf dem Acker oder um die Tieren kümmern müssen. Wir haben bislang ein Sechstel unserer Weiden eingezäunt, ich sehe noch nicht, dass wir den Rest im Jahr 2018 schaffen“, so Frenzel resolut, der sehr viel leiser gesteht: „Dann können wir unsere Mutterkuhhaltung aufgeben!“

Wettlauf mit der Zeit
Es ist wie ein Wettlauf mit der Zeit und dennoch ungewissem Ausgang, wie Frenzel sagt: „Jeder Bauer versucht der erste zu sein, dessen Zaun steht. Doch selbst dann kann man nicht sicher sein, denn laut Fachleuten, wie ich gehört habe, buddeln sich Wölfe sogar unter den Zäunen hindurch“, so der Landwirt, der einen weiteren Schwachpunkt dieser Wolfszäune beschreibt: „Diese stromführenden Zäune stehen auf Koppeln und dort steht Gras und Unkraut. Das wiederum wächst. Und bei jeder Berührung mit dem Zaun, geht ein Teil des Stromes verloren. Wir müssen also zusätzlich alle 14 Tage unter den Zäunen mähen. Auch diesen Zeitaufwand, der durch unsere Mitarbeiter geleistet werden muss, ersetzt einem niemand.“

Wolfsentnahme abgelehnt
Im Juni 2017 stellte ein Bauer aus der Region, in der auch Frenzel arbeitet, einen Antrag auf Entnahme eines sogenannten Problemwolfes. Vorangegangen sind etliche, auch vom Wolfsgutachter bestätigte Wolfsrisse und der Bauer hoffte auf die Möglichkeiten, die die, im Februar diesen Jahres inkraft getretene Wolfsverordnung, für solche Fälle vorsieht - die Entnahme.
Vor wenigen Tagen, am 5. März wurde sein Antrag mit folgender Begründung vom Landesamt für Umwelt (LfU) abgelehnt: „Das LfU macht deutlich, dass die in der Wolfsverordnung genannten Voraussetzungen für das Töten oder Fangen eines Wolfs nicht gegeben waren. Zwei frühere Wolfsrisse aus dem März und Oktober letzten Jahres können für die erst am 2. Februar rechtswirksam gewordene Verordnung nicht herangezogen werden. Vor allem aber gab es zu diesem Zeitpunkt  auf den Weiden noch keinen wolfssicheren Zaun, wie er in der Verordnung als Kriterium beschrieben ist. Erst wenn Wölfe mehrfach als wolfssicher anerkannte Zäune überwinden, kann die sogenannte „Entnahme“ geprüft werden. Wenn die Voraussetzungen nicht erfüllt sind, können Wölfe auch nicht entnommen werden.“

Zukunft mit Fragezeichen
Joachim Frenzel kann darüber nur den Kopf schütteln: „Man fühlt sich mit dem Problem komplett allein gelassen.  Was ist, wenn die Bauern die Freiland- und Mutterkuhhaltung aufgeben müssen. Was passiert dann mit den Flächen. Hier in der Gegend sind es vorwiegend feuchte Böden, die mit schwerer Landtechnik ohne vorherige Entwässerung überhaupt nicht für den Ackerbau geeignet sind. Sollen diese Flächen dann etwa brach liegen? Das erinnert schon ein wenig an kalte Enteignung der Pächter und das kann doch wohl niemand wirklich wollen“, so Frenzel, der seit Jahren eine Entwicklung beobachtet, die Landwirte deutschlandweit an den Rand der Gesellschaft drängt. „Ich bin jetzt 65 Jahre alt, offiziell seit 1. März Rentner und werde dennoch einige Jahre weiter arbeiten. Mit sieben Jahren habe ich melken gelernt, bin damals stolz Landwirt geworden, war es viele Jahre und habe sogar 1972 den Meistertitel „Bester Landwirt“ erhalten. Heute muss man sich als Landwirt ständig verteidigen und die Notwendigkeit der eigenen Arbeit begründen. Umwelt, Wasser, Luft, für alle Beeinträchtigungen stellt man die Landwirtschaft an den Pranger. Wir sorgen doch hier mit unserer Arbeit für die Lebensmittel aller. Wenn in Politik und Gesellschaft nicht bald ein Umdenken einsetzt, ist ein Aus der Branche vielleicht in Sicht. Wie sollen wir junge Leute für den Beruf Landwirt begeistern, wenn diese Branche immer wieder in Frage gestellt wird. Wir suchen hier beispielsweise auch Nachwuchs für unseren Betrieb. Seit Jahren ohne Erfolg.“

Dass es auch anders geht beweisen Länder wie Dänemark oder Holland. Der Berufsstand Bauer oder Landwirt hat in diesen Ländern einen anderen, sehr viel höheren Stellenwert in der Gesellschaft. Und wohl nicht nur Landwirt Jürgen Frenzel ist überzeugt davon, dass so flexibel wie die Landwirtschaft auf Veränderungen in Natur und Markt reagieren muss, dies auch von Politik und Gesellschaft zu erwarten sei. fdk

BUND begrüßt Entscheidung

Potsdam. Mit der Ablehnung des Abschusses des Dobbrikower Wolfsrudels hat das Landesamt für Umwelt (LfU) Rückgrat im Umgang mit dem Wolf bewiesen und entsprechend den Voraussetzungen der Wolfsverordnung richtig gehandelt.
„Die Wolfsverordnung stellt ganz klar dar, unter welchen Bedingungen ein Wolf in Brandenburg geschossen werden darf und welche Voraussetzungen ein*e Tierhalter*in erfüllt haben muss um einen Abschuss im Rahmen der Wolfsverordnung zu ermöglichen“, so Carsten Preuß, Landesvorsitzender des BUND Brandenburg.

Die Voraussetzungen für einen Abschuss lagen im eingereichten Antrag des Landwirts nicht vor. So fehlte ein wolfsabweisender Zaun zum Zeitpunkt der im Antrag angegeben Risse im Jahr 2017.
Mit der Entscheidung das Dobbrikower Wolfsrudel nicht abzuschießen, zeigt das Landesamt für Umwelt, dass die Wolfsverordnung kein Freibrief zum Abschuss von Wölfen in Brandenburg ist. „Trotz der  Stimmungsmache gegen den Wolf hat das Landesamt für Umwelt richtig entschieden und ist nicht den Parolen von Bauernbund und Forum Natur Brandenburg gefolgt“, so Preuß.

Die seit dem 2. Februar 2018 in Kraft getretene brandenburgische Wolfsverordnung regelt unter anderem, welche Maßnahmen Nutztierhalter*innen umgesetzt haben müssen, um einen Abschuss eines Wolfes oder eines Rudels zu rechtfertigen. So müssen wolfsabweisende Zäune errichtet oder Herdenschutzhunde eingesetzt werden. Erst wenn u. a. diese Maßnahmen nicht greifen, dürfen Wölfe geschossen werden. Die Umsetzung der Verordnung liegt beim Landesamt für Umwelt (LfU).red

Kommentare

  1. User
    Michi 14947, Sa, 17.03.2018 21:58

    Riesige Argar Genossenschaft,hört sich an,als würde er am Existenzminium stehen,bekommt kein Personal " muß man auch richtig vergüten " Viehwirtschaft sollte man nachhaltig für den Verbraucher vertreiben! Nein,das ganze Problem ist der Wolf,damit bin ich mit dem Rücken an der Wand ! Armselig und will für die Mißwirtschaft in der Genossenschaft,Geld von dem Steuerzahler,Ausgleichzahlung für verlorenes Vieh.Stellt solche Beiträge nur nach gründlicher Prüfung ein.MfG