Gedenken an Roger Loewig

Lesung von Utz Rachowski am 23.September

Bad Belzig. Am 5. Oktober 1979 gegen elf Uhr am Vormittag wird der 25-jährige Dichter Utz Rachowski im vogtländischen Reichenbach verhaftet. Staatsgefährdende Hetze lautet der Vorwurf, denn der im Stasi-Staat bereits auffällig gewordene junge Mann hatte nicht nur seine eigenen Gedichte, sondern auch Texte von Wolf Biermann, Reiner Kunze und Jürgen Fuchs verbreitet. Auf die Stunde genau drei Jahre später begegnet er zum ersten Mal dem Malerpoeten Roger Loewig, dessen Schicksal so viele Parallelen aufweist, bei einer Schriftstellertagung ausgebürgerter DDR-Autoren in Marburg.
 Beide sind nach etwa einjähriger zermürbender Haft nach Intervention westdeutscher Künstlerfreunde aus dem Gefängnis „freigekauft“ und ausgebürgert worden.

Das Marburger Treffen ist eines von insgesamt drei Begegnungen zwischen Roger Loewig und Utz Rachowski. Letzterer ist von Thema und Sprache des Älteren nahezu überwältigt:“...dass jemand in Deutschland in dieser Konsequenz den Ton der mir liebsten Lyrik deutscher Sprache aufnimmt und dazu noch die Verheerungen des Menschen in seiner Zeit wie bei Gryphius sein Thema ist, dass es solch eine Stimme gibt, das hatte ich nicht gewusst. Es war der Ton seit Trakl, Bobrowski, Huchel, der mir da entgegenschlug, und dem, was ich selbst machen wollte, und angefangen hatte zu schreiben, entgegenkam.“
Loewigs Gedichte, von vielen als düster und mystisch empfunden, entfachen ein Licht in Rachowskis, der im Westen zudem ebenso wenig heimisch und von Heimweh geplagt wird wie der wenig Jahre vor ihm ausgebürgerte Seelenverwandte. Das geteilte Land ist die gemeinsame Wunde, an die beide schreibend die Feder legen.

All dies erinnert Utz Rachowski in seinem Aufsatz „Ich will Roger Loewig nicht vergessen“, und am 23. September liest er auch in dessen Gedenken aus seinen Erzählungen, Gedichten und Texten im Roger Loewig Haus. Rachowskis Sprache ist, je nach Thematik, von einnehmender Beschreibungskraft,  etwa, wenn es um die Schilderungen seiner Kindheitserlebnisse und – orte geht, aber auch karg und verknappt, wo Grausamkeit und Düsternis keine Worte mehr hervorbringen oder diese wert sind.
Der mehrfach preisgekrönte Schriftsteller, der beispielsweise gegenüber  einer polnischen Zeitung sagte, dass eine Demokratie nicht über die geeigneten Instrumente verfüge, um eine Diktatur aufzuarbeiten, nimmt auch heute kein Blatt vor den Mund. Um so interessanter dürfte das Gespräch werden, das sich an die Lesung im Museum anschließt. red

Info: Lesung Utz Rachowski, 23.9.2017 und 15 Uhr im Roger Loewig Haus, Flämingweg 6, Bad Belzig. Eintritt frei. Um eine Spende wird gebeten.