Das Unvorstellbare ist möglich

Das Unvorstellbare ist möglich

René Wilke auf dem Gipfel des Stilfser Joch (3000 Höhenmeter). Foto: privat

Im Gespräch mit dem Radsportler und Politiker nach seiner großen Sommertour

Frankfurt (Oder). Unmittelbar nach seiner Heimkehr bat der BlickPunkt René Wilke zum Interview. Gerade hat der begeisterte Radsportler mehr als 2.000 Kilometer zurückgelegt und bald wird er sich wieder der Arbeit des Landtages widmen, dem er für die Partei Die Linke angehört. Dazwischen sprach Henry-Martin Klemt mit dem 33-Jährigen über das Radfahren, die Politik, was im Leben Bedeutung hat und weshalb Deutschland ein bisschen wie Angela Merkel ist.


Blickpunkt: René Wilke, was hat Radfahren eigentlich mit der Politik zu tun?

René Wilke: Für mich, dass es ein Ausgleich ist, zugleich aber auch ein Motor für meine politische Arbeit. Ich könnte weniger gut arbeiten, wenn es den Sport nicht gäbe. Beim Radsport kombinieren sich verschiedene Aspekte. Man will etwas durchziehen, an die Grenzen gehen, nicht aufgeben. In solch einer Situation stellt man sich selbst in Frage. Es ist ein Kampf zwischen Kopf und Körper. Das Ziel ist nur zu erreichen, wenn der Kopf mitspielt, Kondition allein genügt nicht.

Ich bin in diesem Jahr das Stilfster Joch hochgefahren, den legendären Radsportberg mit 48 Kehren, bei dem bis zum Gipfel fast 3.000 Höhenmeter zu überwinden sind. Sechs Fahrer sind an diesem Tag zu ähnlicher Zeit gestartet, zwei schafften es hinauf, einer davon war ich. Dabei geht sehr viel in einem vor – sowohl in der Vorbereitung, als auch während der Fahrt und danach. Viele Dinge rücken sich gerade, das ist auf dem Berg genauso, wie am Meer. Hat wirklich alles die Bedeutung, die ich ihm gewöhnlich beimesse? Und wenn nicht: Welche Bedeutung hat es wirklich? Der zweite Fahrer, der oben ankam, ein Italiener, hat mich auf dem Berg gesucht und auch gefunden. Wir haben kein Wort miteinander gesprochen. Er kam einfach und hat mich umarmt. Dann sind uns die Tränen gekommen. Wir haben das selbe durchlitten. Angekommen sind wir nur, weil Aufgeben keine Option war.

Ich mache jedes Jahr solch eine große Tour. Sie verbindet sich mit der Erfahrung, dass vieles möglich ist, was mir vorher unvorstellbar schien. Das ist eine Anstrengung, bei der alles Nebensächliche irrelevant wird, eine Reduktion auf das Existentielle. Für den Kopf, den ich sonst selten leer kriege, ist das sehr erholsam. 
Auch in der Politik geht es darum, Hindernisse zu überwinden, auch dort lauert die Verführung des leichteren Weges und auch dort entscheidet der Willen über Erfolg und Misserfolg.

Blickpunkt: Was ist dann eigentlich schwerer, eine Radtour oder die Politik?

René Wilke: Die Politik. Bei einer Radtour kannst du den Kampf gegen den inneren Schweinehund gewinnen, und selbst wenn du ihn einmal verlierst, sind die Konsequenzen begrenzt. Es liegt aber nur an dir. In der Politik liegt es nicht nur an dir. Und die Folgen betreffen immer viele, die Last der Verantwortung ist größer.

Blickpunkt: Sie sind 2002 Kilometer gefahren und haben dabei 25.000 Höhenmeter überwunden. Dabei war nach Ihrem Unfall im Dezember noch nicht klar, ob Sie überhaupt wieder in den Sattel steigen können.

René Wilke: Als sie meine zertrümmerte Schulter nach dem Sturz bei Lebus gesehen hatten, sagten mir die Ärzte im Dezember vorsichtig, dass es zweifelhaft sei, ob ich noch einmal fahren würde, wie bisher. Nach der Operation rieten sie unbedingt zu einer Pause von mindestens einem Jahr. Gegen ihren Rat bin ich im April wieder gefahren. Im Juni habe ich wieder an einem Rennen in Berlin teilgenommen. Der Körper war gefordert. Ich wollte meine Fähigkeiten wiedererlangen. Mit 33 ist so etwas noch ganz gut möglich.

Blickpunkt: Hatten Sie Angst?

René Wilke: Die Unglücksbrücke habe ich beim ersten Mal ganz langsam überfahren. Beim zweiten Anlauf habe ich sie fünfmal überquert, hin und her, hin und her. Aber insgesamt fahre ich jetzt vorsichtiger. Ich weiß, dass ich verletzbar bin. Also lege ich auch mehr Wert auf Sicherheit, vom Licht am Rad bis zur entsprechenden Kleidung.

Blickpunkt: Sie waren unterwegs in Deutschland, den Niederlanden und der Schweiz, Frankreich, Dänemark, Schweden, Norwegen, Großbritannien und gerade in Tschechien, Österreich und Italien. Wie hat sich Ihr Bild von der Welt dabei verändert?

René Wilke: Mit dem Rad bin ich schnell genug, um vieles zu sehen, und langsam genug, um vieles aufzunehmen. Das ist eine ideale Mischung. Ich habe so großartige Landschaften gesehen und die überwältigende Schönheit der Natur. Natürlich habe ich viel über die Länder gelernt, in denen ich war, und habe Menschen gesehen, die mir glücklicher schienen, als die Frankfurter, obwohl sie sehr viel weniger hatten. Überhaupt sind mir zu 99 Prozent Menschen begegnet, die mir freundlich und wohlgesonnen gegenübertraten. Mir ist nie etwas Schlimmes passiert. Ich weiß, dass auch schlimme Dinge passieren, aber die instinktive Skepsis gegenüber Fremden sollten wir mit unseren eigenen Erlebnissen hinterfragen. 
Übrigens gibt es erhebliche Unterschiede im Umgang mit der Spezies der Radfahrer. In Tschechien und Italien werden sie, viel stärker noch als in Deutschland, für etwas sehr Lästiges gehalten, während man in Skandinavien eine Engelsgeduld mit ihnen hat. Ich bin dort letztes Jahr 2.500 Kilometer gefahren und nicht einmal habe ich eine Autohupe gehört.

Blickpunkt: Nachdem Sie elf Länder durchradelt haben – was ist deutsch?

René Wilke: Zunächst sind die Leute den Deutschen gegenüber wohlgesonnen. Das Land hat einen guten Ruf. Deutsch wird assoziiert mit den bekannten Klischees: etwas pingelig und penibel, auf Rituale bedacht, für die andere weniger Verständnis haben, aber auch weniger orientiert am Genuß. Schlechtes Essen zu servieren käme etwa in Italien einem Verlust der persönlichen Ehre gleich. Dafür verfügt Deutschland über eine gute Infrastruktur, auch wenn die skandinavischen Länder uns darin um Längen voraus sind. Deutsch heißt: solide, verlässlich, man achtet darauf, was man hat und vergisst ein bisschen das Leben dabei, die Spontanität, auch das Irrationale, man wird ein wenig verkniffen. Also: Deutschland ist ein bisschen wie Angela Merkel.

Blickpunkt: Welche Rolle spielt Spiritualität für Sie?

René Wilke: Ich glaube an Dinge, die einen im Leben tragen, die uns Orientierung geben. Ich habe das Gefühl, dass alles, was mit mir und in mir passiert, irgendwann einen Sinn ergibt, eine Kausalität bildet. Da ist ein Grundvertrauen, dass die Dinge nicht nur passieren, sondern man selbst einen großen Einfluss darauf hat. Ist in Ordnung für mich, was gerade passiert? Wenn ja, dann war auch das Negative unterwegs ein Teil des Sinns, den das Ganze ergibt. Das gibt mir im Leben Halt. Es ist ein Grundvertrauen in die eigenen Fähigkeiten, in das, was ich mache und in den Lauf der Dinge. Ein Christ, mit dem ich darüber einmal sprach, meinte: Ich kann nie tiefer fallen, als in Gottes Hand. Auch ohne Gott fühle ich mich solch einer Sicht sehr nahe.

Blickpunkt: Haben Sie ein Ziel im Leben?

René Wilke: Ja. Aber nicht in dem Sinne, wie viele andere. Ich habe politische Ziele, aber ich habe keine Karrieziele und plane auch keine Karriereschritte. In solchen Kategorien denke ich nicht. Ich will mein Handeln dem nicht unterordnen. Natürlich denke ich in Wirkungsmechanismen, will andere überzeugen von dem, was mir notwendig scheint. Aber das ist etwas anderes. Ämter ergeben sich durch meine Arbeit. Oder in dem ich neue Aufgaben, die vor mir stehen, annehme. Nicht anders herum. Dann ist es aber wie beim Radfahren: Wenn ich ein Ziel habe, will ich es auch erreichen. 

Ich will ein Leben führen, nachdem ich sagen kann: Ich bin zufrieden, ich habe ein glückliches Leben geführt, ich habe Spuren hinterlassen. Es macht einen Unterschied, ob ich da gewesen bin oder nicht, und ich habe nicht zu viel Zeit verschwendet.

Blickpunkt: Was werden Sie im kommenden Jahr unternehmen?

René Wilke: Ich würde gern durch Schottland fahren. Oder Island umrunden. Alle vier Jahre, das nächste Mal 2018, findet auch ein Rennen „Paris-Brest-Paris“ statt. Dabei sind 1.200 Kilometer in maximal 90 Stunden zurückzulegen. Allerdings muss man sich qualifizieren, indem man vorher erfolgreich an einem offiziellen Rennen über 300, 400 und 600 Kilometer teilnimmt. Das wäre eine Herausforderung für mich.

Kommentare

  1. User
    Erik Rohrbach 15236 Frankfurt (Oder), Mo, 21.08.2017 22:14

    Bewunderung für dieses sportliche Agieren ist ein viel zu geringes Wort. Aber, obwohl mir die Ideen selten ausgehen, ein besseres, René Wilkes Leistungen würdigendes Wort, fallt mir beim langen Nachdenken nicht ein ! Erik Rohrbach

  2. User
    Erik Rohrbach 15236 Frankfurt (Oder), Mo, 21.08.2017 22:14

    Bewunderung für dieses sportliche Agieren ist ein viel zu geringes Wort. Aber, obwohl mir die Ideen selten ausgehen, ein besseres, René Wilkes Leistungen würdigendes Wort, fallt mir beim langen Nachdenken nicht ein ! Erik Rohrbach

  3. User
    FFOler Frankfurt, Di, 22.08.2017 16:11

    Ein Linker, der etwas erfolgreich zu Ende gebracht hat? Und niemand ist zu Schaden gekommen?