Initiative gegen Früheinschulung

Früheinschulung immer wieder in der Diskussion

Ludwigsfelde. Die Einschulung ist für jedes Kind ein ganz besonderes Erlebnis. Zum ersten Mal werden die neuen, aufwendig ausgesuchten Schulranzen aufgesetzt und die von den Eltern liebevoll zusammengestellten Zuckertüten präsentiert.

Die Kinderaugen strahlen stolz, doch nicht wenige Eltern im Land blicken dieser Tage auch mit besorgten Augen auf die Einschulung ihrer Jüngsten. Laut Statistik sind ca. 25 % der Schulanfänger sogenannte „Sommerkinder“, geboren in den Monaten Juli bis September. Sie sind an diesem Einschulungstag noch 5 oder gerade erst 6 Jahre alt geworden. Der Grund liegt in dem bestehenden Stichtag zur Einschulung. Alle Kinder in Brandenburg, die bis zum 30. September 6 Jahre alt werden, sind schulpflichtig.

Wo die Schulranzen oft viel zu riesig für die kleinen Körper wirken und die Zuckertüten teilweise größer als das zukünftige Schulkind sind, da machen sich bei den Eltern nicht selten Zukunftssorgen breit. Ist mein Kind schon reif genug für die Schule? Wird es den Schullalltag mit nur 5 Jahren schon meistern können? Wäre es nicht im behüteterem Umfeld der Kita besser aufgehoben?

Die Sorgen sind nicht unberechtigt, wie bereits verschiedene renommierte Studien zeigen. Eine schwedische Langzeitstudie zum Einschulungsalter hat ergeben, dass mit 7 Jahren eingeschulte Kinder die ganze Schulzeit hindurch im Mittel besser abschneiden als die Kinder, die bereits mit 6 Jahren oder früher in die die erste Klasse gekommen sind (Fredriksson/Öckert 2005). Nicht verwunderlich also, dass die skandinavischen Länder wie Schweden und Finnland ihre Kinder erst mit 7 Jahren einschulen. Zudem wird in den Vorschulen Finnlands kein frühzeitiges Erlernen von Schreiben und Rechnen gefordert. Trotzdem führen die Schüler dieser Länder regelmäßig die Rangliste der PISA-Studie an.

Eine Studie der Ludwig-Maximilians-Universität München und des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung zeigt darüber hinaus, dass bei Kindern, die mit fünf Jahren oder kurz nach ihrem sechsten Geburtstag eingeschult werden, häufiger ADHS diagnostiziert wird. Zudem erhalten 7-jährige Kinder signifikant häufiger eine Gymnasialempfehlung als die Kinder, die mit 5 oder 6 Jahren eingeschult wurden (Jürges/Schneider 2006).

Die Auswertung von Schüler-Daten in Nordrhein-Westfalen hat ergeben, dass vorzeitig eingeschulte Kinder häufiger sitzen bleiben als andere Kinder (Bellenberg 1996; Bellenberg, Gabriele/Klemm, Klaus 1998). Darüber hinaus zeigen die Daten aus NRW, dass die vorzeitig eingeschulten Kinder 5-mal häufiger ein zweites Mal sitzen bleiben. Vergleichbare Befunde wurden auch bei der Hamburger Studie „LAU“ ermittelt.

Kein Wunder also, dass die Eltern in Brandenburg sich immer häufiger Gedanken zu diesem Thema machen und dem Trend der Früheinschulung inzwischen sehr viel kritischer gegenüber stehen als noch vor einigen Jahren. Die jährliche Schuldatenerhebung des Landes Brandenburg zeigt deutlich, dass die Anträge für eine Schulrückstellung von Jahr zu Jahr steigen. Viele Eltern sprechen sich deutlich für eine Entschleunigung des Kinderalltages aus und möchten ihre Kinder vor möglicher Überforderung und Demotivierung schützen.

Bereits im Jahr 2015 konnte die Elterninitiative „Stoppt die Früheinschulung in Brandenburg“ in kürzester Zeit mehr als 35.000 Unterschriften für die Änderung des Einschulungsstichtages beim Bildungsministerium Brandenburg übergeben. Der Zulauf und die Nachfragen verunsicherter Eltern steigen seitdem bei der Bürgerinitiative und dem Landeselternrat Brandenburg stetig. Der Bildungsexperte und ehemalige Sprecher des Landeselternrates Brandenburg, Wolfgang Seelbach: „Vor 15 Jahren gab es mit 800 Anträgen auf Früheinschulung eine kleine Früheinschulungseuphorie, die zur Rückverlegung des Stichtages 2005 führte. Diese Euphorie ist längst verschwunden, im Gegenteil: über 3400 Anträge auf Rückstellung im Jahr 2016 müssten eigentlich ausreichen, um diese Entscheidung zurückzunehmen.“

Den Trend weg von der Früheinschulung hatte die damalige Brandenburgische Bildungsministerin Dr. Martina Münch schon 2013 erkannt und wollte den Stichtag wieder auf den 30.6. vorverlegen. Aus dem Landtag wurde Zustimmung signalisiert. Als sich jedoch die Gemeinden und Schulleiter dazu pressewirksam meldeten, wurde dem Bildungsministerium schlagartig klar, dass es zum Ausgleich Gelder für Kita-Plätze und Erzieherinnen an die Kommunen abgeben müsste. Vor diesem Problem steht nun auch der derzeitige Bildungsminister Günter Baaske.

Obwohl eine Mehrheit der Abgeordneten grundsätzlich für eine Stichtagsänderung ist, hat der Landtag die Rückverlegung auf den 30.6. bisher abgelehnt.

Verständlich, dass bei vielen Eltern immer häufiger Stimmen laut werden, die in Frage stellen, ob das Wohl der Kinder für die Landesregierung tatsächlich an erster Stelle steht. Tausende Mütter und Väter in Brandenburg stellen inzwischen einen Antrag auf Rückstellung, ein ungemein bürokratischer Aufwand für Eltern, Kindereinrichtungen und Schulen. Dem steigenden Druck kann sich inzwischen auch das Ministerium für Bildung, Jugend und Sport nicht mehr entziehen und gab im Schuljahr 2016/17 eine Evaluation durch das Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg in Auftrag, um weitere Erkenntnisse zu der Problematik der Zurückstellung zu gewinnen.

Ein Hoffnungsschimmer, nicht nur für die Familien, die sich mit dem Rückstellungsgedanken tragen, die Kindereinrichtungen und Schulen, die zu viel Zeit in die Antragsbearbeitung investieren müssen, aber vor allem ein Hoffnungsschimmer für die zukünftigen Schulanfänger! Denn es sind nicht die Zuckertüten die immer größer werden, sondern es sind unsere Kinder, die viel zu jung zur Schule müssen.

Bereits seit 2014 engagiert sich die Bürgerinitiative „Stoppt die Früheinschulung“ zusammen mit dem Landeselternrat Brandenburg für die Rückverlegung des Einschulungsstichtages vom 30.9. auf den 30.6., damit in Brandenburg kein Kind mehr mit 5 Jahren in die Schule muss. Weitere Informationen und Hilfe erhalten interessierte Eltern auf der Facebook-Seite der Initiative, per Mail an bsdfib@gmx.de oder beim Landesrat der Eltern Brandenburg unter www.landesrat-der-eltern-brandenburg.de/themen/einschulung/.